Ein Poltergeist, bisweilen weise
„Im Fluss. Täglich quellfrisch, immer aktuell!“: Urban Priol grätscht in Hof durch die Politik. Als notorischer Pöbler mag ers drastisch, liebt den Rundumschlag und riskiert Kollateralschäden. Aber er weiß über vieles gut Bescheid und passt das 2020 gestartete Programm fleißig den absurden Tagesereignissen an.
Von Michael Thumser
Hof, 16. April 2026 – Kabarettisten und andere Spötter auf den Kleinkunstbühnen haben Konjunktur, sobald die Lage der Nation kein Vergnügen bereitet und einem beim Blick in die Welt das Lachen vergeht. Von jenem Phänomen lebt auch Urban Priol recht gut, das gibt er zu, wenngleich er sich, nach vierzig Jahren im Geschäft, über das Maß des aktuellen Irr-, Un- und Widersinns wundert: „Was die Politik zurzeit liefert, ist satirisch kaum zu toppen“, staunte er am Samstag in Hof, wo er im Festsaal der Freiheitshalle aufs Lustigste fünfhundert Anhänger und -innen bespaßte. Die waren sehr zum Lachen bereit, obwohl nichts mehr sicher scheint in, gelinde gesagt, „spannenden Zeiten“ wie diesen. Alles „Im Fluss“, konstatiert Priols Programm schon im Titel, das im selben Atemzug versichert, der Kabarettist werde sein Publikum „täglich quellfrisch, immer aktuell“ informieren. Ausrufezeichen!
„Quellfrisch“ tritt er wirklich auf – wie üblich mit einem Glas frisch schäumenden (alkoholfreien) Weizenbiers in der Hand. Ein ausgeschlafenes Kerlchen, dieser Satiriker: ein ausgewachsener, inzwischen bald 65-jähriger Kraftkerl der gepfefferten Rede und unerschöpflichen Kondition. Mühelos hält der gebürtige Aschaffenburger drei Stunden lang durch, um mit Wucht, Wut im Bauch und reichlich wortwitzigem Pulver auf der Pfanne gegen alle und alles loszugehen. „Übergriffige Wertschätzung“ ist Priols Sache nicht – mit Hingabe geriert er sich lieber als Haudrauf denn als Komponist feingeistiger Argumentationsketten. „Immer aktuell“ indes darf er sich, indem er sich wendig aufs Tagesgeschehen bezieht, durchaus nennen, wenngleich etliche seiner Poltergeistesblitze und Berserkerbonmots, vielfach die komischsten, bereits in seinem Jahresrückblick „Tilt 2025“ brandblasenwerfend zündeten.
Das beißende Salz der Häme
Es bieten sich ihm ja auch Ziele in gehöriger Menge an, in der bundesrepublikanischen Nähe derart greifbar, dass seine messerscharf schneidenden Sottisen gar nicht fehlgehen können, und in der Ferne so riesengroß, dass seine Giftpfeile auch dort in jedem Fall ins Schwarze treffen. In die Wunden von Zeit und Welt reibt er lustvoll das Salz beißender Häme. Mit Kleinigkeiten hält er sich pointiert, aber nicht lange auf, etwa mit der Unart seines Handys, ihn in der Hosentasche vibrierend bei jeder „Push-Nachricht“ aufzuschrecken („Hab ich was mit den Faszien?“), oder bei der in Aussicht gestellten Zuckersteuer: „Ich trinke meinen Kaffee morgens immer schwarz, da muss ich dann ausrechnen, wie viel Rückerstattung ich bekomme.“ Lieber keilt er gegen Protagonisten nationaler und internationaler Staatsführung; gnadenlos, versteht sich, gegen „Fritze“ Merz. Was wird von dem wohl bleiben, wenn er mal nicht mehr ist? „Napoleon heißt ein Kognak, Bismarck ein Hering, Brandt ein Zwieback – nach Merz nur ein ‚Spezialdragee‘.“
Der Markenslogan für jene harmlose Droge fragt: „Kann man Schönheit essen?“ Offenbar nimmt Priol die Pillen selbst nicht ein, als Schönling aufzutreten, fällt ihm nicht ein. Mithin muss er bei Ästheten anecken in seinem bunt bedruckten Knitterhemd und mit den gelichteten hellgrauen Haaren, die ihm, als wärs vor blankem Entsetzen, zu Berge stehen und aussehen wie die Flusen, die im Sieb des Wäschetrockners hängenbleiben. Diese seit jeher typische Aufmachung taugt wie ein Kostüm für sein liebstes Rollenspiel: Übermütig ahmt und äfft er im mainfränkischen Dorfwirtshauston die bis zur Sprachlosigkeit ungelenken Suaden alteingesessener Stammtischler nach. Auch sonst gebärdet er sich oft genug beinah wie einer.
Gegen die allseitige Schlechtrederei im Lande zetert er an – und redet doch selber alles schlecht. Wild gestikulierend, mit erhobener Faust oder vor „Fassungslosigkeit“ an die Stirn klatschender Hand pöbelt und schimpft er, beschimpft und verlästert er die – freilich nicht unschuldigen – Opfer seiner Rundumschläge, die er ohne Rücksicht auf Kollateralschäden austeilt: gegen den Kanzler, der schwer an einer „posttraumatischen Belastungsstörung“ trage seit dem Rausschmiss durch Angela Merkel vor zwanzig Jahren („ihre einzige kluge Entscheidung“); gegen Jens Spahn, den „Frosch mit den Masken“, „Uschi“ von der Leyen und Dorothee Bär („das Boxenluder der Flugtaxis, die nie kommen werden“); oder gegen den lächerlichen Gianni Infantino, den „ständigen Bewohner in Trumps Enddarm“.
Trump, die Steilvorlage
Trump, natürlich. Der US-Präsident mit der Messias-Mission und die – von ihm sattsam mitverantworteten – „spannenden Zeiten“ sind für jeden Satiriker eine Steilvorlage, genauso wie die sich durchs Weiße Haus schleimenden europäischen Bündnispartner. Das Akronym Nato entschlüsselt Priol auf gut Mainfränkisch drastisch neu: „Näher an Trumps Orschloch.“ Und macht, eingedenk über den Globus irrlichternder Annexionsgelüste, Hoffnung: „Die Wikinger entdeckten Amerika, folglich haben die Dänen viel mehr Anspruch auf die USA als die Amerikaner auf Grönland.“
Auch für solcherart Kapriolen des Esprits findet sich, zwischen all den Verbalinjurien, immer wieder Gelegenheit. Denn Priol, bei aller Neigung zur wirkungsvollen Plattitüde, weiß viel unleugbar Wahres vorzubringen. Weil ihn nach vierzig Jahren an der rhetorischen Rabaukenfront eine - kaum glaubhafte - „Altersmilde“ befallen habe, lässt er auch zeitlos Lebenskluges wie dies vom Stapel: „Wer mit der Gegenwart nichts anzufangen weiß, weil er aus der Vergangenheit nichts gelernt hat, dem bleibt nur die Zukunft.“ Oder dies: „Nur wer aufsteht, kann sich widersetzen.“ Sowas sagt er mit gesenkter Stimme. Wenn die Worte weise werden, wird sogar der Pöbler Priol leise.
In der altbekannten Verkleidung eines frankofonen Kleinbürgers liest Frank-Markus Barwasser den Zeitläuften und ihren Verderbern von Trump bis zu den Influencern gehörig die Leviten. Vom naiv-schlitzohrigen Spießer hat sich die Kunstfigur zu einem atemlos lautstarken Choleriker gewandelt.
Von Michael Thumser
Hof, 11. Dezember 2025 – Erwin Pelzig meints ernst. Und die Lage ist ja auch so: ernst, bedrückend unerfreulich, teils beängstigend. Beim Blick auf die Zeitläufte vergeht selbst einem wie ihm das Lachen: einem unauffällig beobachtenden Mitläufer, einem mal eben vorbeischauenden Flaneur aus dem Kleinbürgertum. So einer zumindest war Pelzig früher, noch vor einigen Jahren, als er scheinbar harmlos, in Wahrheit bauernschlau von unten, aus der Bodennähe seiner kleinen Welt, das große Ganze besichtigte. Ein scheinbar unbedarfter Spaßvogel schien damals in ihm zu stecken, ein Witzbold, wenngleich auch Welterklärer mit schlagend schrägen, dabei schwer zu widerlegenden Brachialargumenten. Als naiver Brausekopf unterm Cordhütli zog er gegen die vielerlei Verrücktheiten in Politik und Gesellschaft vom Leder seines Handdäschlis. Und man verließ sich darauf: Unter Karohemd und Janker schlägt ein warmes Herz.
Heute ists dort anders. Jetzt zerreißt es dem Pelzig, wie vor wenigen Tagen in Hof, schier die Brust. Schon dass die Medien immer, wenn sie seine Auftritte rezensieren, Tasche, Hemd und Hut erwähnen, geht ihm, wie er poltert, mächtig auf den Senkel. Mithin könnte das hochvergnügte Publikum im Festsaal der Freiheitshalle fragen, ob er nicht einen Typberater konsultieren und erwägen sollte, das Outfit passend zu verändern. Dann freilich müsste der Kabarettist Frank-Markus Barwasser ganz aufhören, Pelzig zu sein. Denn der geht nur so: als stets ein wenig lächerliche Ikone des besserwisserisch wissenden Spießers.
Alles läuft schief
Früher machte er Zweifel daran geltend, dass in Land und Welt alles mit rechten Dingen zugehe. Heute scheint für ihn felsenfest zu stehen: Wirklich alles läuft so schief wie irgend möglich. Bis zur Atemlosigkeit cholerisch, schon nach der ersten Viertelstunde seines aktuellen Programms „Wer wir werden“ heiser, macht er überdeutlich, dass ihm das „Zeitalter der Unkontrollierbarkeit“ von vorn bis hinten tief zuwider ist: an allererster Stelle der „Honk Trump in seinem Obersalzberg von Florida“ und die „mafiöse Autokratie“, in die sich unter ihm die USA verwandeln, dazu die „Demokratie-Zerstörer“ Elon Musk und Peter Thiel („Da trauert man den guten alten mittelständischen RAF-Terroristen nach“); aber auch, hierzulande, die Brandmauer der Großen Koalition, von der nur mehr „ein Rest vorhanden ist wie der Haarbüschel auf der Stirn von Merz“; nicht zu vergessen die „Kriegsgräbervorsorge“ der Rüstungsunternehmen: „Mein Tipptopp-Tipp: Kaufen Sie Aktien von Rheinmetall; das einzige Rendite-Risiko wär Frieden.“ Erst recht mit Haut und Haaren gefressen hat er Online-Influencer, die ihn laut mit „Hallooo, ihr Lieben“ begrüßen. Pelzig zetert: „Ich bin kein Lieber.“
Nein, ist er nicht. War er vielleicht mal. Aber das ist vorbei. Sein Auditorium ruft er zur „provokativen Therapie“ zusammen. Sie besteht aus drei „philosophischen Sprechstunden“ am Stück, in denen er sich als „zu kurz geratener Stoiker“ bekennt. Soll heißen: Er hängt jener antiken Denkrichtung an, die stets mit dem Schlimmsten rechnet und dem Verstand empfiehlt, „Nackenschläge auszuhalten“, um „resilient“ zu werden und „gelassen zu bleiben“. Allerdings wendet Pelzig nur die erste Hälfte seiner Ratschläge auf sich selbst an: Wild entschlossen, es stoisch mit dem „Gegenteil des positiven Denkens“ zu versuchen, ist er bereit zur „Vorwegnahme des Übels“.
Furor der Verzweiflung
An der Gelassenheit indes muss er noch arbeiten. Pelzig faucht und flucht gegen Schottergärten und Gabionen; attackiert die deutsche Regulierungsgier, die in Meck-Pom ein Seilbahn-Gesetz erlässt, obwohl es dort keine Seilbahn gibt; schnauzt beiläufig Hubert Aiwanger an, den „Experten für verkürzte mentale Streckenführung“; predigt keifend gegen Versuche, nicht nur das Mammut neu zu klonen, sondern den seit 350 Jahren ausgestorbenen Vogel Dodo gleich mit: „Flugunfähig und fett sind wir selber.“ Nicht selten ist es, als imitierte er in seinem verzweifelten Mahn- und Warn-Furor eben jene Demagogen, gegen die er immer aufs Neue losrennt. Irritierend, mitunter missfällig erinnert die wutentbrannte Hemmungslosigkeit an das weit plattere Gebrüll des Gernot Hassknecht alias Hans-Joachim Heist. Dass Pelzig ausgerechnet ihn kopiert, der ihm nicht das Wasser reichen kann – das würde besagter Typberater wohl mit Kopfschütteln quittieren.
„Pelzig unterhält sich“ hieß einst ein Fernsehtalk mit Markus Barwasser; das ist zwar viele Jahre her. Doch auf der Bühne „unterhält“ sich Pelzig immer noch: mit seinen treuen Debattengegnern und -gefährten Haddmud, dem prolligen Schluckspecht, und dem bildungsbürgerlich nölend-näselnden Doktor Göbel. Zwei Mal versammeln sich die Drei-in-einem auf dem Hofer Podium, und beide Mal beglücken er und sie die etwa vierhundert Zuschauerinnen und -schauer mit uferlos blitzschnellen Wortgefechten von vielsagender Sinnfreiheit. Da ist er dann doch wieder zu erleben, der auch schauspielerisch prächtige Pelzig von einst. Dass Frank-Markus Barwasser nach mehr als dreißig Jahren das Naturell seines hibbeligen Hütli-Helden mit den angespannten Zeitläuften synchronisiert, kann ihm niemand übelnehmen. So gibt das Programm dem Titel eines anderen seiner TV-Formate aus vergangenen Jahrzehnten recht: „Pelzig hält sich“. Bisher ganz gut.
■ Foto am Beginn des Artikels: PR / © Dita Vollmond