Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

 Aktuell

Dienstag, 11. Mai,
Plauen, Vogtlandtheater
Im Plauener Vogtlandtheater wurde Beethovens Neunte schon oft aufgeführt, aber noch nie so: GMD Leo Siberski und die Filmproduktion Carlsfeld haben das populäre Werk gründlich aufgemischt: remIXed. Im Umfang und der Wucht verringert, erlingt es auf Youtube mit Orchester, Jazzmusikern und einer Sängerin. Und sogar die Ballettcompagnie wirkt mit.


Eckpunkt
Sie sind mehr

Von Curiander

Dienstag 11. Mai  Man stelle sich wenigstens mal vor, im Sommer würde wirklich alles besser, Corona macht schlapp, Millionen blasser, angedickter Menschen können immerhin ein bisschen von dem machen, was sie schon längst wollen, zum Beispiel vom Start der neuen Kultursaison Ende September/Anfang Oktober weg endlich wieder ins Theater gehen und ins Kino, ins Konzert und ins Museum … Dann, ja dann, am 12. November, öffnet das Frauenmuseum in Bonn für vier Tage seine Kunstmesse. Gesetzt den Fall, das Virus hat sich bis dahin einigermaßen ausgetobt, wird sie bereits die Sechsundzwanzigste ihrer Art sein. Aber das ist noch gar nichts: Das Museum selbst wird sogar vierzig. Marianne Pitzen gründete es 1981 und steht seither an der seiner Spitze. Zwar darf es nicht für sich in Anspruch nehmen, das einzige seiner Art zu sein: Auch in Fürth und Wien gibt es Frauenmuseen, im vorarlbergigen Hittisau, auch in Meran … Aber als das älteste, nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auf der ganzen von Männern dominierten Erde, darf das Bonner Institut wohl gelten. Ein ehemaliges Kaufhaus ist sein Domizil, gelegen mitten in der Altstadt der einstigen Bundesmetropole; umso provozierender musste einst der Titel seiner allerersten Ausstellung klingen: „Wo Außenseiterinnen wohnen“. Knapp neunhundert Präsentationen zeigte es bislang, ungefähr dreitausend Künstlerinnen hatte es zu Gast. Ungeheure Zahlen: im Durchschnitt etwa drei Ausstellungen in vier Monaten – das macht den Kuratorinnen und Mitarbeiterinnen, ihrer Chefin und deren interdisziplinären Partnerinnen so leicht niemand nach. Weil sie das Museum nicht allein als Ort der Kunst und der Künste, sondern ebenso als Forschungszentrum und Archiv, als Austragungsort und Ausgangspunkt für politische Debatten ansehen, wagten und wagen sie immer wieder „Ausfälle“ in die Öffentlichkeit. Die teils aufsehenerregenden Aktionen wollen auf die soziale, mediale und wirtschaftliche Ungleichbehandlung der Geschlechter und die Verzerrung der Geschlechterbilder aufmerksam machen und sind überdies ökologischen Zielen verpflichtet; nicht zufällig entstand das Museum zu einer Zeit, da die Umweltbewegung an Fahrt und Durchschlagskraft gewann. Geschichtsbewusst dokumentiert es die vergangenen vier Jahrzehnte der Frauenbewegung – und lotet noch weit tiefer in die Vergangenheit hinein. Alles in allem explizit weiblich fokussiert und naturgemäß feministisch in der Haltung, will das Museum als Zielpublikum durchaus auch die Männer – oder „männlichen Wesen“, wie die Direktorin sie gern nennt – für sich und seine Themen interessieren, tragen die doch nach wie vor die Hauptverantwortung dafür, wie über Frauen gedacht, gesprochen, geschrieben wird und welches Bild sich der Normalbürger von ihnen macht. „Wir wussten ja, wie wir sind“, sagte Marianne Pitzen unlängst dem Deutschlandfunk Kultur, „es war aber nötig, das öffentlich zu machen.“ Dass das noch immer nötig ist, darf mann getrost für eine Schande halten: In der Republik leben etwa 42 Millionen Frauen – und damit eine Million mehr als Männer; gleichwohl behandeln Letztere sie gern wie eine Minderheit. Darum bleiben die vermeintlichen „Außenseiterinnen“, versteht sich, die wichtigste Besuchergruppe der Ausstellungen und Messen. Für deren Anliegen fand Kuratorin Anna Thinius bei einem Interview im vergangenen Dezember eine pfiffige Devise: „Frauen in die Museen bringen – nicht nur als Nacktmodelle!“ ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.



Rückblick

Zuletzt Samstag, 8. Mai
Serie Verpestete Bücher, Teil 9
Theodizee: Hinter dem Wort verbirgt sich die alte Frage nach der „Gerechtigkeit Gottes“ - das Rätsel, warum der ‚liebe Gott‘ das Böse auf Erden zulässt. Die Brisanz des Problems illustrierte der US-Erzähler Philip Roth 2010 in seinem letzten Roman Nemesis vor dem Hintergrund einer (fiktiven) Polio-Epidemie am Beispiel eines „guten Jungen“ in der Stadt Newark.


Dienstag, 4. Mai
„Natur wird Kunst“ auf den transparent kolorierten Aquarellen und minuziösen Grafitzeichnungen der Hofer Künstlerin Katja Katholing-Bloss. Bis Ende Mai hält das Hofer  Museum Bayerisches Vogtland die Ausstellung vor. Auch wenn Corona den persönlichen Besuch weiter verhindert, kann man die wissenschaftlich-sachlichen wie ästhetisch-schönen Blätter in einem Katalog besichtigen.


Schauspiel
Theater Hof:
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Vogtland-Theater Plauen:
Woyzeck
RemIXed (Beethovens Neunte)


Musiktheater
Theater Hof:

Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart


Film und Fernsehen
zuletzt
44. Grenzland-Filmtage Selb


Anderes
zuletzt
Natur wird Kunst (Ausstellung)


Serie
Verpestete Bücher

bisher:

1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron

3. Defoe: Die Pest zu London

4. Gotthelf: Die schwarze Spinne

5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz

6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig

7. Camus: Die Pest

8. Szczypiorski: Eine Messe für die StadtArras
9. Roth, Nemesis
- Wird fortgesetzt -


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
Die Weisheit der Einfältigen
Über Närrinnen und Narren
... ...


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In jeder Buchhandlung
erhältlich:

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2.99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Auflage
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2.99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.