Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Aktuell

Samstag, 31. Juli
Bayreuth, Festspielhaus
Bei den Richard-Wagner-Festspielen gibts heuer coronahalber keinen „Ring“ , aber wenigstens eine Walküre. Die taugt zur handfesten Irritation: Wie bei einer konzertanten Aufführung verharren die Sängerinnen und Sänger an der Rampe, während Hermann Nitsch für Dynamik sorgt: Hektoliterweise lässt er Regenbogenfarben auf die Bühne schütten.



Eckpunkt
Ein Markenname

Von Curiander

Samstag, 31. Juli  Gelegentlich haben kleine Städte den Metropolen den Vorzug voraus, mit ihrem Namen für ein einzigartiges, die Zeiten überstrahlendes oder übertönendes Projekt zu stehen. Bei Bayreuth, zum Beispiel, sinds die Richard-Wagner-Festspiele, die selbst in Corona-Zeiten unvermindert vernehmlich den Namen des oberfränkischen Regierungssitzes als Markennamen der Mutter aller Festivals in die Welt hinausrufen. Ähnlich steht es mit Weimar – ein Wort, das die Herren Goethe und Schiller, Herder und Wieland zum Synonym für die deutsche klassische Literatur ummünzten. Oder das Bauhaus, das vor allem unterm Schlagwort Dessau firmiert. Oder die Internationalen Filmtage, die „Hof“ in die Kennung für ein Home Of Films verwandeln ... Einen nur dem Umfang nach kleineren, indes nicht geringeren Resonanzraum bietet seit jetzt hundert Jahren Donaueschingen im Konzert der Kultur, und dies nicht, weil sich in der 22 000-Einwohner-Kommune regelmäßig Drachenbauer, Turnierreiter und Windhund-Züchter zu Wettbewerb und Austausch treffen (denn das tun sie). Viel eindringlicher wirkt die Stadt auf neugierige Musikfreunde rund um den Globus mit den „Donaueschinger Musiktagen“, jährlich am dritten Wochenende im Oktober, etwa zugleich mit den Hofer Filmtagen. Damit ist bereits einer von mehreren Kernbegriffen gefallen, um die herum sich das Festival formiert; verdankt es sich doch der „Gesellschaft der Musikfreunde“, die sich 1913 gründete. Allerdings dauerte es eine gute Weile, bevor sie 1921 erstmals „Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ ausrichtete – die einen weiteren Kernbegriff anführten: Beim Eröffnungskonzert am 31. Juli erklangen klein besetzte Werke, unter anderen der Neuen Wiener Schule – also der Trias Berg–Webern–Schönberg – und von Paul Hindemith. Der begann im selben Jahr, an der Maßstäbe setzenden Serie seiner sieben „Kammermusiken“ zu arbeiten. Drei Jahre später setzte er sich an die Spitze des fürs Programm zuständigen „Arbeitsausschusses“. Der Geburtsstunde der vom Start weg vielbeachteten Musiktage verdankte Hindemith den gleichsam offiziellen Aufstieg zu den führenden Neutönern seiner Zeit. Träger illustrer Namen hatten zuvor auch Pate für das Musikfest gestanden: Dem „Ehrenausschuss“ gehörten neben anderen zeitgenössischen Tonsetzern Franz Schreker und Richard Strauss, Hans Pfitzner und Ferruccio Busoni an. Fortan weitete „Donaueschingen“ sein Interessensgebiet aus und setzte von Jahr zu Jahr neue Schwerpunkte. Zu den Wechselfällen seiner Geschichte zählt ein zeitweiliger Umzug nach Baden-Baden, die nazibraune Einfärbung während der Hitler-Diktatur, stark stolpernde Versuche der Wiederbelebung nach 1945 und die für Stabilität sorgende Verbindung mit dem Südwestfunk (heute: Südwestrundfunk). Auch am Namen wurde wiederholt – und teils umständlich – gebastelt. Kurz und knapp „Donaueschinger Musiktage“ heißt das Festival seit 1971. Ausgeweitet hat sich hingegen der Kulturbegriff: Neben Konzert-, performativer und computergesteuerter Musik für alle erdenklichen Instrumente und Besetzungen, für Stimmen und Elektronik, sogar aus kosmischen Quellen spielen längst auch die übrigen Künste mit. Und immerhin zur Hälfte fand hier Loriots seit Jahrzehnten drängende Frage eine Antwort, ob es auch Opern mit Hunden“ gebe: 2008 gab es, als Klanginstallation, „Musik für Hunde“. 

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

Zuletzt Dienstag, 27. Juli
Serie Verpestete Bücher

Bislang interessierten uns literarische Stoffe, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. Das zehnte und letzte Buch, das wir vorstellen, Jack Londons Die Scharlachpest, blickt von 1910 aus in die Zukunft – ins Jahr 2013 und auf eine von (fast) aller Menschheit entvölkerte Erde. Im August befassen wir uns abschließend damit, wie Bücher selbst den Tod erleiden.



Schauspiel

Theater Hof:
Schlafen Fische?
Der Sturm
Mutter Courage und ihre Kinder
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Luisenburg-Festspiele (Wunsiedel):
Der Name der Rose (Musical)
Faust I

Bayreuther Festspiele:
Die Walküre
Vogtland-Theater Plauen:
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck


Musiktheater
Theater Hof:

Der Prozess
Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart



Konzert
zuletzt
Hofer Symphoniker:
Klassik am Eisteich
Hofer Symphoniker:
Mozart mit Albrecht Mayer
Musica Bayreuth:
Bamberger Symphoniker
Musica Bayreuth: Messiaen, Quartett für das Ende der Zeit


Film und Fernsehen
zuletzt
44. Grenzland-Filmtage Selb


Anderes
zuletzt
Bücher & Musik
Kohlhaase, Barnes und andere
Du kommst auch drin vor
Ralf Sziegoleits neues Buch
Big Brother und die rosa Brille
Musik-Plakate in Bayreuth
Ruhm, zu Türmen gestapelt
Bismarck-Monumente in Hof und anderswo
Der Schwung liegt im Detail
Botanische Bilder von Katja Katholing-Bloss
... ...


Serie
Verpestete Bücher

Zehn literarische Epidemien
und ein Epilog

bisher:

1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron

3. Defoe: Die Pest zu London

4. Gotthelf: Die schwarze Spinne

5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz: Kleine Erzählungen

6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig

7. Camus: Die Pest

8. Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras
9. Roth: Nemesis
10. London: Die Scharlachpest


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
Die Weisheit der Einfältigen
Über Närrinnen und Narren
... ...


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Im Buchhandel
erhältlich:

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.