Hochfranken-Feuilleton
Alles ist erlaubt, nur keine Langeweile.  (Voltaire)
Aktuelles

NEU   Dienstag, 23. Februar
Serie „Verpestete Bücher“, Teil 7

Wer heute eine Inhaltsangabe der Pest überfliegt, könnte meinen, Albert Camus habe das  Buch nicht 1947 veröffentlicht, sondern darin zwölf Monate Corona-Pandemie beschrieben. Der Roman, in dem die Seuche für das Krebsgeschwür des Totalitarismus steht, appelliert an die Menschen, solidarisch gegen jedes unheilvolle Schicksal  zu revoltieren.


Freitag, 26. Februar, 19.30 Uhr,
bis Sonntag, 28. Februar, 19.30 Uhr
Theater Hof, Livestream

Durch die Verlängerung des Corona-Lockdowns stehen dem Theater Hof bis zum Spielzeitende nicht mehr genug Termine zur Verfügung, um geprobte Produktionen in der Schaustelle zu zeigen. Darum lädt das Haus zu Livestreams von drei Aufführungen ein. Den Anfang macht via Internet Georg Kaisers kaum je gespielte Tragikomödie Kanzlist Krehler (Rezension im ho-f: hier lang).  Im März soll William Shakespeares „Othello“ folgen (Inszenierung: Reinhardt Friese), im Juli Philip Glass’ Kafka-Oper „Der Prozess“ (Regie: Lothar Krause).



Eckpunkt
Blüte und Pleite
Von Curiander

Dienstag, 23. Februar   Mit dem Knaben Hanno kommt das Ende. Ein Buddenbrook ist er nur mehr dem Namen nach. Kein lebenskräftiger Handelsmann nach Art der Vorfahren kann je aus ihm werden. Nicht für Geld und Besitz, fürs Klavier sind seine Hände geschaffen. Mit der Feder zieht er in der Familienchronik einen Strich unter seinem Namen: Nach ihm wird nichts mehr kommen ... Mit Thomas Johann Heinrich Mann kam das Ende. Als der angesehene Lübecker Kaufmann und Senator 1891 starb, wusste er, dass seine Kinder zu Ökonomen nicht taugten. Konsequenterweise liquidierte er seine Firma. So konnten die Söhne Heinrich und Thomas Schriftsteller und zu Protagonisten der deutschen Literatur werden. freilich hatte Thomas Mann genug von der Lebens- und Geistesart hanseatischer Handelsherren aufgesogen, um daraus einen Roman zu machen. Familien gelten als finanzielle Aktiva: Als gut norddeutsche Pfeffersäcke, in denen die Leistungsethik des Protestantismus jeden Tropfen Blut sättigt, glauben die Buddenbrooks, ein erfülltes Sein lasse sich an dem ablesen, was man im Übermaß besitze. Heiraten beschließen und schließen sie, sofern Braut oder Bräutigam als ‚gute Partie‘ gilt und tadelfrei das Renommee der Sippe hebt. Die scheitert zwangsläufig an der gründerzeitlichen Epochenwende, die der überständigen Hochwohlgeborenheit den Garaus macht und nach der sich merkantile Integrität nicht mehr in barer Münze auszahlt. Den „Verfall einer Familie“ studiert Thomas Mann in dem Wälzer, der in der Gesamtausgabe 750 Seiten umfasst; umso bündiger, wie buchhalterisch, wählte er als Titel schlicht den Namen des Großbürger-Clans, dessen Spätblüte, Firmenpleite und Marginalisierung er so stilvoll wie anschaulich, nicht minder mokant als bewegend nachvollzieht. Ein wimmelndes Figurenpanorama, ein Zeitpanorama von enormer Spannweite: In über vierzig Sprachen übersetzt, fand das frühe Meisterwerk bis heute weltweit wohl über fünf Millionen Käufer. Damit war nicht gleich zu rechnen, denn der Absatz verlief zumindest anfangs schleppend. Bislang hatte Mann erst mit ein paar Novellen ein wenig Eindruck gemacht. Nun bot er das gewaltige Konvolut beschriebenen Papiers dem bedeutenden Verleger Samuel alias S. Fischer an. Wirklich hielt der viel vom Stoff und von dessen Gestalter. Indes: ein so unerfahrener Schriftsteller – und gleich eine Saga von solcher Weitschweifigkeit? Also schlug Fischer vor, die Hälfte zu streichen. Das komme nicht infrage, beschied ihn der Jungdichter selbstbewusst. Der Verleger gab nach und riskierte viel: Vor 120 Jahren, am 26. Februar 1901, erschien das Werk in zwei Bänden – die sich kaum verkaufen wollten. Schon glaubte Fischer seine Bedenken bestätigt, durfte sich dann aber doch, mit der nun einbändigen Zweitauflage, über einen Best- und Longseller freuen. Als die Nobel-Jury Thomas Mann den Literaturpreis für 1929 zusprach, galt die Ehrung übrigens nicht etwa dem seit fünf Jahren gefeierten „Zauberberg“, sondern ausdrücklich – und fast kränkend für den spätestens mit jenem chef-d'œuvre ausgewachsenen „Großschriftsteller“ – den „Buddenbrooks“. Der Dichter spürte Wehmut; und verwand sie: Der Preis, resümierte er, habe „wohl auf meinem Wege“ gelegen. Ein „außerordentlich deutsches Buch“ nannte er später sein Debüt und meinte stolz – und nicht zu Unrecht –, er habe, kaum 26-jährig, in ihm „schon alles gegeben“. 

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.



Rückblick

Samstag, 20. Februar
Hof, Theater, Kulturkantine

Das Theater trotzt dem Lockdown, indem es  unverdrossen künftige Premieren vorbereitet. Jetzt war ho-f zur Generalprobe musikalisch-literarischer Kleinkunst geladen. Von Oliver Schmidt mit der Gitarre begleitet, trug Schauspieler Marco Stickel tierisch satirische Episoden aus Marc-Uwe Klings Känguru-Chroniken vor. Leon Mahlendorf hatte die künstlerische Leitung.


Dienstag, 16. Februar
Heute ist Faschingsdienstag. Aber viel Karneval ist nicht. Den Jecken, wenn auch nicht den Narren kommt Corona in die Quere. Darum begab sich ho-f auf eine Reise durch die verkehrte Welt. Im abschließenden zweiten Teil geht die verrückte Fahrt weiter, kommt an Hofzwergen und -narren, Ozeanfahrern und Rittern von trauriger Gestalt vorbei und endlich bei einem Humanisten an, der die Torheit rühmt.


Samstag, 13. Februar
Seit  einem Jahr lehrt uns das Coronavirus, auf vieles zu verzichten. Besonders hart trifft es den Einzelhandel, die Gastronomie ... und jetzt die Karnevalisten. An wuselndes Jeckentreiben und Kinderfasching, Rosenmontagsumzüge und Prunksitzungen ist nicht zu denken. Narren - und Närrinnen - aber gabs schon immer, ganz unabhängig von der „fünften Jahreszeit“.Wir stellen vier und mehr Spielarten vor. (Teil 1)


Dienstag, 9. Februar
Seit hundert Jahren gibt es Rundfunk in Deutschland. Vor 75 Jahren ging im Westen Berlins der RIAS (zunächst als DIAS) auf Sendung, mit dem Auftrag, Richtung Osten für westliche Werte zu werben. Mit der 1949 in Hof eingeweihten zweiten Sende-Anlage erreichte der Sender auch den Süden der DDR. Über seine Geschichte und die des Runfunks überhaupt informieren anschauliche Ausstellungen im Netz.


Samstag, 6. Februar
Wer lang hat, kann lang hängen lassen - so wie  Leonardo da Vinci Haupthaar, Bart und Wimpern auf einer berühmten Rötelzeichnung aus dem Jahr 1512, die vielleicht ihn selbst zeigt. So stellen sich viele, nicht nur Kinder, den lieben Gott vor. Teil zwei unserer Umschau im Heute und Gestern der Gesichtsbehaarung erweist zum Schluss:  Die Geschichte des Bartes ist immer auch die Geschichte der Rasur.


Dienstag, 2. Februar
Corona und echte Kerle: Das passt schlecht zusammen. Der Bart ist so manches, natürliche Vermummung des Mannes, Ausweis von Männlichkeit und Führungskraft, Kennzeichen des Hipsters ... Mit den FFP-2-Masken, die uns vor dem Covid-19-Virus schützen sollen, verträgt er sich indes schlecht. Ein paar Blicke auf das Haar zwischen Stirn und Hals heute und gestern. (Teil 1)


Samstag, 30. Januar
Das weitgehend ins Wasser gefallene Beethovenjahr 2020 hat ernüchternd gezeigt, wie die Coronakrise langwierig gefasste Pläne für Jubiläumsfeierlichkeiten umstößt. Unter den Gedenktagen, die dem Virus bisher ganu oder beinah zum Opfer fielen, waren auch die 250. Geburtstage des Dichters Friedrich Hölderlin und des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Beider „Jahre“ gehen in die Verlängerung.


Dienstag, 26. Januar
Von der Bedarfs- zur Nobelgastronomie: Unlängst haben Archäologen aus den Ruinen Pompejis die staunenswert erhaltenen Überreste eines antiken Fast-Food-Lokals ausgegraben. Davon gab es bis zur Zerstörung der Stadt durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 gut und gern hundert. Die weit vornehmere Geschichte des Restaurants reicht hingegen nur bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück.


Samstag, 23. Januar
Mit der Liedsängerin Marlis Petersen begeben wir uns auf „Welt“-Reisen, verweisen auf Aspekte der Regie wagnerscher Musikdramen, lassen uns von einem jungem Klavierduo zu einer „Schubertiade“ einladen, vertiefen uns in die Lyrik der Hoferin Ingrid Haushofer und wollen wissen, was das überhaupt sei: das „Schöne“ - all das in einem Überblick über neu veröffentlichte Bücher und Musik.



Dienstag, 19. Januar
Serie „Verpestete Bücher“, Teil 6
Erst weisen vage Anzeichen darauf hin, dann wächst die Gewissheit: In der Lagunenstadt grassiert die Cholera. Inmitten des Unheils wird einem zuchtvoll-strengen Dichter zur eigenen Überraschung sein letztes Liebeserlebnis zuteil, ein homoerotisches.
Der Tod in Venedig, die Meisternovelle des 36-jährigen Thomas Mann von 1912, enthält viel Autobiografisches.


Sanstag, 19. Dezember
Das ehrgeizige Onlineprojekt Hof Kunst & Kultur führt vor, wie die Kreativen der städtischen Off-Szene mit ihren jeweils besonderen Mitteln und Gaben „Gesellschaft gestalten“.
Zum Kern ihrer Arbeit gehört das Bekenntnis zu den Freiheiten in einer lebendigen Demokratie. Immer am Freitag erzählt eine Künstlerin oder ein Künstler im Internet von sich.


Samstag, 12. Dezember
Was wurde eigentlich aus dem Beethovenjahr? Am Donnerstag kommender Woche jährt sich zum 250. Mal der Tauftag (wenn auch nicht der - unbekannte - Geburtstag) des Komponisten, aber für das landauf, landab und im Rest der Welt geplante Jubiläumsevent hat es 2020 nicht gereicht – das Corona-Virus war dagegen. Deshalb soll die Feierei rund um den Klassik-„Titan“ 250 Tage länger dauern.


Dienstag, 8. Dezember
Serie „Verpestete Bücher“, Teil 5
Drei Erzählungen zeigen, wie kurze Prosa die Ausdruckskraft von Romanen entfaltet. Jens Peter Jacobsen erzählt über die Pest in Bergamo, Georg Heym von einem Schiff, das die Pest an Bord hat, und Isolde Kurz über das verseuchte Florenz „Anno Pestis“ 1527, von morbiden Ausschweifungen und der grausigen Rache einer Schönen an einem untreuen Mann.


Dienstag, 1. Dezember
Deutsch-tschechische Grenze

Kulturorganisatoren in Selb und Aš stemmen gemeinsam das mehrteilige Projekt Europa – ganz nah. Es soll Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern und Jugendlichen helfen, grenzüberschreitende neue Netzwerke aufzubauen. Prachtstück der Aktion ist an der Landstraße zwischen den Partnerstädten das Großobjekt „Handreichung“ haargenau über der Grenzlinie.


Schauspiel-Produktionen des
Theaters Hof auf
ho-f

Terezín
Goldszombies
Status quo
Kanzlist Krehler

Florence Foster Jenkins

auf der Seite Schauspiel


Musiktheater-Produktionen des
Theaters Hof auf
ho-f

The Cold Heart
Hexen
Wiener Blut
Chicago
Der k
leine Muck

auf der Seite Musiktheater


Plauen, Vogtlandtheater
In Plauen blickt Georg Büchners Antiheld Woyzeck in den menschlichen „Abgrund“: Das Vogtlandtheater zeigt ihn als underdog, der als wehrloser Verlierer dem Abschaum der Gesellschaft zum Opfer fällt. In Jan Jochymskis Inszenierung verwandelt sich der arme, psychotische Mörder aus verlorener Würde am Ende in den schizophrenen Dichter Lenz aus Büchners gleichnamiger Erzählung.


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In jeder Buchhandlung erhältlich:

NEU   WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2.99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Außerdem

als zweite, durchgesehene Auflage
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2.99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.