Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

In den Städten der Toten

Die Zeit zwischen Karfreitag, dem Datum grauer Trauer, und Ostern, dem lichten Fest der Auferstehung, eignet sich für einen Abstieg in die Unterwelt: Wie in Rom fanden auch in Paris und Wien Abertausende Leichen ihre letzte Bleibe in Katakomben – meist wenig würde- und weihevoll.

Gänge, Flure, Plätze zwischen Wänden aus Schädeln, Knochen, frommen Sprüchen: Die Katakomben von Paris. (Foto: Chief Hardy/Pixabay)

Von Michael Thumser

3. April – Die Lady aus England war Schockierendes gewohnt. Doch was ihr in Wien durch die Augen ins Gemüt drang, brachte sie beinah um den Verstand. In Romanen hatte Frances Trollope gegen mancherlei Entsetzlichkeiten angeschrieben, gegen Frauendiskriminierung, Kinderarbeit in Fabriken, Sklaverei. Doch noch unmittelbarer traumatisierten sie die Ungeheuerlichkeiten, denen sie eines grauen Dezembertags im Jahr 1836 begegnete: Als sie sich 56-jährig für acht Monate in Österreichs Hauptstadt aufhielt, nahm sie an einer Expedition in die Unterwelt unter dem Stephansdom teil.

     Dass sie an Wänden vorüberkam, „die aus menschlichen Gebeinen bestanden, wie die Abbildungen der Pariser Katakomben [sie] zeigen“, hatte sie erwartet und ertragen. Dann aber gelangten sie und ihre Begleiter in eine Gruft, deren Boden wegen „ungeheurer Massen widerlichen Moders hügelig“ aussah, lag doch dort „ein Haufen ganzer, nackter, unbestatteter Leichen“ herum. Furchtlos hob der ungehobelte Führer „einen dieser kläglichen Überreste menschlichen Seins an der Kehle auf und riss mit der Hand lange Streifen der zu dickem Leder eingetrockneten Haut ab“ – die „schrecklichste Szene, die sich je den Blicken von Sterblichen darbot“. Zitternd fürchtete Mrs Trollope, „dass ich wahnsinnig würde“.

     Beeindruckend weitläufig dehnen sich die Katakomben unter Paris und Wien aus. Doch die von Rom übertreffen sie an Berühmtheit, Zahl und Ausmaßen bei weitem. Etwa sechzig solcher Totenstädte wurden unter der „ewigen Stadt“ bislang entdeckt. Nur fünf von ihnen sind der Öffentlichkeit zugänglich – eine sechste aber soll in einiger Zeit geöffnet werden: Vor wenigen Wochen beschloss der Vatikan, die Restaurierung der Comodilla-Katakombe fortzusetzen. Bislang wurde ein kleiner Kultraum gesichert, die sogenannte Basilichetta, eine „kleine Basilika“, die einst die Reliquien der Märtyrer Felix und Adauctus enthielt. Wiederhergestellt werden künftig auch Fresken, unter denen sich, im späten vierten Jahrhundert entstanden, ein Prototyp findet: der erste Christus mit Bart.

Rom

Das heilige Zentrum der katholischen Christenheit, in dem die Päpste alljährlich an Karfreitag und -samstag den Abschluss der Passionszeit zelebrieren, um an Ostern den Segen urbi et orbi, der Stadt und dem Erdkreis, zu spenden – es beherbergt die unterirdischen Totenstädte mit der geschichtsmächtigsten Tradition, mögen auch jene von Wien und Paris alljährlich Tausende Besucher gruseln lassen. Dass in Roms Hypogäen vor allem Gläubige aus der spätantiken Phase des Christentums bestattet wurden, macht sie für Pilger wie für mehr oder weniger fromme Städtereisende besonders attraktiv. Allerdings waren unter den etwa 850 000 Verstorbenen, die in und zwischen den Nischen, Gängen und Kulträumen ihre endgültige Ruhe fanden, keineswegs nur Angehörige des frühen Jesus-Glaubens; auch Gefolgschaft der alten Götter und Juden kamen hier post mortem unter. Insgesamt etwa 170 Kilometer weit erstrecken sich die voluminösen Hohlräume unter der Oberfläche der betriebsamen Kapitale; allein die besonders ins Licht der Forschung geratene Katakombe der Stifterin Domitilla misst gut zwölf Kilometer und gibt in ihren Wänden ungefähr 26 500 Gräbern Raum.

     Auf das dritte Jahrhundert gehen die frühesten Tiefbauten zurück. Christliche Bestattungen fanden hier wohl hauptsächlich seit dem Regierungsantritt Konstantins des Großen statt, der sich, durch die Mutter geprägt, von Kindheit an stark zu der neuen, monotheistisch-messianischen Erlösungsreligion hingezogen fühlte. Den Sieg über seinen Gegner Maxentius, den der Kaiser 312 in der kirchengeschichtlich bedeutsamen Schlacht an der Milvischen Brücke errungen hatte, führte er auf das Wirken des Christengotts zurück. Vor dem Kampf, so wird überliefert, habe Konstantin in einer Vision ein Kreuzzeichen am Himmel erblickt, mit Christusmonogramm und dem griechischen Appell: En touto nika, oder auf Latein: In hoc signo vinces, „In diesem Zeichen wirst du siegen“. Nur ein Jahr später verkündete der Kaiser die Tolerierung des Christenglaubens (und aller anderen Religionen) im Imperium Romanum, unmittelbar vor seinem Tod an Pfingsten 337 ließ er selbst sich taufen. Noch etwa hundert Jahre lang gruben die Römer an ihren Katakomben. Je jünger sie sind, desto tiefer liegen sie.

     Der Krösus wie der Habenichts verlangten danach, am Jüngsten Ostertag möglichst vollständigen Leibes aufzuerstehen und ins paradiesische ewige Leben einzukehren, das ihnen als Christen verheißen war. Darum ließen sie – anders als ihre ‚heidnischen‘, ein freudlos-graues Jenseits erwartenden Zeitgenossen – ihre toten Körper nicht verbrennen. Vor allem Verblichene aus den unteren und armen Schichten der millionenstädtischen Gesellschaft bevölkerten die Totenstädte; für sie wurden einfache Nischen aus dem Tuff, einem weichen Gestein vulkanischen Ursprungs, ausgehauen und nach der Bestattung zugemauert. Zumeist nennen sie denn auch keine Namen. Angehörige machten sie, um sie wiederzufinden, mit Merkzeichen kenntlich. Aber auch prächtige, mit verzierten Platten aus Marmor versiegelte Gräber finden sich, zudem aufwendig ausgestattete Sakralräume; sie dienten, vor allem in späterer Zeit, der Verehrung von Märtyrern, die während der Christenverfolgungen einen oft grauenvollen Tod gefunden hatten, oder von frühen Päpsten, den Nachfolgern Petri. Die Wände mancher Räume zeigen Illustrationen zu den Geschichten der Bibel, die ersten, von denen die Kunstgeschichte weiß; sie geben zugleich Aufschlüsse über die Lebenswelt und -weise der Menschen jener Zeit. Andere Wandgemälde stellen Petrus und Paulus dar, die Urapostel der römischen Kirche. Ruheräume waren die letzten Ruhestätten nicht: Regelmäßig fanden sich Hinterbliebene zur Trauer und zum Gedenken ein, später zog es Scharen von Pilgern an die Erinnerungsorte der ersten Glaubenszeugen.

Steil führt die Treppe in eine der Katakomben Roms. Fünf sind öffentlich zugänglich, demnächst soll eine sechste hinzukommen. (Foto: George Syrios/Pixabay)

     Kaum mag man glauben, dass eine Wunderwelt wie die römischen Katakomben in Vergessenheit geraten konnte. Gleichwohl geschahs: Denn als der Reliquienkult in späteren Jahrhunderten zunahm, wurden immer mehr der Überreste, vielfach mit der erfundenen Behauptung, sie stammten von Blutzeugen ihres Glaubens, in die immer zahlreicheren Kirchen umgelagert. Obendrein standen durch die Entvölkerung der – nach 476 ihrer metropolitanen Macht beraubten – Stadt immer größere Freiflächen für Friedhöfe zur Verfügung. Den Ruhm eines „Kolumbus der Katakomben“, ihres Wiederentdeckers also, heimste der Malteser Gelehrte Antonio Bosio ein. 1593 verirrte sich der „Antiquar“ (oder Amateur-Archäologe) in der Domitilla-Katakombe und widmete daraufhin mehr als drei Jahrzehnte seines Lebens der Erforschung der verzweigten Grab- und Grabungssysteme. Sein riesiges Kompendium „Roma sotterrana“ (Unterirdisches Rom) verschlang Johann Wolfgang von Goethe, wenngleich der sich während seines Aufenthalts in Rom 1788 persönlich nicht gern und nur kurz hinabbegeben hatte: Die „dumpfigen Räume“, schrieb er in seiner „Italienischen Reise“, hätten in ihm ein starkes „Missbehagen“ hervorgerufen. „Alsobald“ zog es ihn wieder nach oben zu Luft und Licht. Auch eine Art Ostern: Probe für die Auferstehung.

Paris

Damit in Frankreichs Hauptstadt oben Bauten wachsen konnten, mussten unten Steine weichen. Die Katakomben von Paris entstanden, wie überhaupt der auf dreihundert Kilometern ausgehöhlte Untergrund, als carrières, Steinbrüche. Unter schier unmenschlichen Mühen wurde hier vor zweitausend Jahren wie im fünfzehnten Jahrhundert der Pierre de Paris, der (Kalk-)„Stein von Paris“ gefördert. Über viele Jahrhunderte hochgeschätzt, findet sich der Baustoff beispielsweise in den Gemäuern des Louvre und der Kathedrale Notre-Dame. So nah der Fels schien, so fern war er: Bis zu den endlosen Korridoren und Grotten geht es 35 Meter in die Tiefe.

     Und doch lag er nicht tief genug. Über den Kavernen begann der Boden nachzugeben oder stürzte sogar ein. Endlich wurde verfügt, nach und nach die carrières zu schließen, die letzte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Schon 1777 hatte eine spezielle Behörde begonnen, die Aushöhlungen zu inspizieren und abzusichern – etwa zur selben Zeit, da die Stadtverwaltung begann, die Friedhöfe aufzulassen. Denn die häufig nicht tief genug vergrabenen Leichen auf ihnen legten einen morbiden, schweren Gestank über die Hauptstadt. Der deutsche Schriftsteller Patrick Süßkind schilderte die Atmosphäre 1985 im „Parfum“, seinem olfaktorischen Weltbestseller.

     Als Sammelstelle für Schädel und Gerippe wie für kaum verrottete Kadaver bot sich die wieder stabilisierte Unterwelt an. Mit der Zeit wurden in ihr die Relikte von mehr als sechs Millionen Menschen abgelagert, zunächst weitgehend achtlos. Bis 1809 Héricart de Thury als Chef der Inspection des Carrières beschloss, für Ordnung zu sorgen: Auf sein Geheiß hin sortierten Arbeiter die Gebeine und stapelten sie sorgfältig zu Mauern und Monumenten, deren harmonische Muster einer seriös einheitlichen, wenn auch ein wenig makaber-verspielten Geschmacksvorstellung folgen. Vielleicht nicht schon zur ersten, doch jedenfalls zur zweiten Touristenreise nach Paris sollte der geführte Besuch durch die von beinernen Wänden begleiteten Gänge und Flure gehören.

Wien

Wenn eine Dame, ein Herr aus der Familie der herrschenden Habsburger den erlauchten Geist aufgegeben hatte, musste der Körper ein recht horrendes Verfahren erdulden: Er wurde ausgeweidet und zerlegt. Zum einen entnahmen ihm die Präparatoren das Herz, den mythischen Kern des menschlichen Lebens und Wesens, denn es wurde separat in der Augustinerkirche bestattet. Während die leere Hülle des oder der Toten in die Kapuzinergruft, die kaiserliche Grablege unter der Kapuzinerkirche, aufbrach, wanderten die Innereien in die seit nun bald sieben Jahrhunderten bestehende – Herzogsgruft des Stephansdoms. Die reich dekorierten Gefäße, die das durch Alkohol konservierte Gekröse einschließen, sind den Kanopenkrügen aus altägyptischen Gräbern vergleichbar.

Wiens Knochenkeller erstrecken sich unter dem gesamten Stephansplatz und darüber hinaus. (Foto: Andreas N./Pixabay)

     Der Weg zu ihnen öffnet sich im südlichen Seitenschiff der Kathedrale. Der Herzogsgruft benachbart weiten sich noch einmal zwei Grüfte, für hohe geistliche Würdenträger der Stadt bestimmt. Neben diesen ältesten Bezirken der Katakomben entstanden von 1775 bis 1779 auf (mindestens) zwei Etagen mehr als dreißig Knochenkeller, die „Neuen Grüfte“, die sich unter dem gesamten Stephansplatz und darüber hinaus erstrecken. Wie die Stadt Paris beschloss auch Wien, seinen zentralen, überfüllten Friedhof aufzugeben. Von ihm brachte man viele Gebeine in die Knochenlager, indes kamen reihenweise Jüngstverstorbene hinzu. Ihre Leiber, ob eingesargt oder nur in Tücher gehüllt, schichtete man ohne viel Federlesens einen auf den anderen, bis unter die Decke eines der Gelasse. War es voll, wurde ein nächstes ausgehoben und das vorige vermauert. Dennoch drang Fäulnisgestank aus ihnen hinaus ins Kircheninnere, so unerträglich schließlich, dass der Zugang zum Gotteshaus unterbunden wurde. Mit diesen im Barock geschaffenen Totengewölben ist der „Karner zu der Totenpein“ verbunden, in den durch eine Öffnung, nicht viel breiter als die Schultern eines Mannes, Leichen befördert wurden. Bis obenhin ist der Karner mit Skeletten gefüllt. Als die Katakomben 1783/84 geschlossen wurden, waren auf diese oder ähnlich verächtliche Weisen 10 893 Tote bestattet worden – entsorgt: weggeworfen.

     „Schrecklichste Szenen“, um Frances Trollopes Horrorbericht zu zitieren; „den Blicken von Sterblichen“ bleiben sie besser erspart. Doch wie die britische Autorin mutete sich auch der österreichische Erzähler Adalbert Stifter den Anblick zu. 1841 wagte er einen „Gang durch die Katakomben“ (so der Titel seines danach entstandenen Feuilletons), besah sich die schaurige Unterwelt und die Haufen von Gebeinen und sann nach: „Was werden alle diese Werkzeuge, als sie noch ein denkender Geist belebte, ein liebendes oder hassendes Gemüt stachelte, Schönes, Herrliches oder Entsetzliches getan haben? Nun liegen sie hier, starr, eine wertlose schauererregende Masse.“ In einem Gewölbe stieß er auf einen einsamen Sarg und erkannte darin die unverweste, gleichwohl verwahrloste Hülle einer Frau, „das Antlitz und der Körper wunderbar erhalten“. Schmerzvoll konstatierte er, was vom einstigen „Pomp“ ihrer Totengwänder übrig war: „Die züchtige Hülle [des Körpers] ist verstaubt und zerrissen, nur einige schmutzig-schwarze Lappen liegen um die Glieder und verhüllen sie dürftig, auf einem Fuße schlottert ein schwarzer seidener Strumpf, der andere ist nackt, die Haare liegen wirr und staubig, und Fetzen eines schwarzen Schleiers ziehen sich seitwärts und kleben aneinander wie ein gedrehter Strick. Diese Zerfetzung des Anzuges und die Unordnung, gleichsam wie eine Art von Liederlichkeit, zeigte mir ins Herz schneidend die rührende Hilflosigkeit eines Toten und kontrastierte fürchterlich mit der Heiligkeit einer Leiche.“

     Heilig, also sakrosankt, unantastbar, schon halb himmlisch, mutete die Tote mit keinem Überbleibsel ihres durch den irdischen Dreck gezogenen Leichnams mehr an. Was Stifter, der Poet, vor ihr zu beherzigen lernte, sollte kein Tourist in den Städten der Gestorbenen vergessen: Zur Würde des Lebens gehört die Würde des Todes dazu.



Nichts wie weg

Gegen Panik scheint kein Kraut gewachsen. Allein heuer haben vier Schreckensereignisse rund um wichtige Fußballspiele runde Jahrestage. Die gleiche extreme Angst, die Massen in tödliches Chaos führt, kann auch den Einzelnen anfallen.

Von Michael Thumser

6. März – Er trieb mit dem Entsetzen Scherz, indem er Amerika in einen Krieg gegen den Terror trieb. New York, 30. Oktober 1938: Aus dem Radio teilt eine Stimme nach den Nachrichten den Wetterbericht mit: alles Grau in Grau. Dann erklingt aus dem Park Plaza Hotel live Tanzmusik. Doch nicht lange, und eine Sondermeldung stört den einlullenden Feierabendfrieden: Forscher hätten, heißt es, auf dem fernen Mars unerklärliche Explosionen beobachtet … Kurz darauf schlägt in New Jersey ein Meteorit ein … Nein, melden Reporter, die sich sogleich an Ort und Stelle eingefunden haben, keinen Stein habe man entdeckt, sondern ein undefinierbares großes Artefakt von zylindrischer Gestalt … und es öffnet sich … und ein grausiger Außerirdischer steigt aus ... zückt eine Strahlenwunderwaffe, setzt damit flugs Feld und Scheune einer nahen Farm in Brand … Alsbald streichen zahllose Raumkriegsschiffe sengend und brennend über Nordamerikas Ostküste … Zehntausende Soldaten ziehen aus zu verzweifelter Verteidigung … lassen ihr Leben …

     Das Ganze war, natürlich, fake. Ersonnen hatte ihn der genialische Schauspieler und Massenmanipulator Orson Welles. Extra den Abend von Helloween hatte er gewählt, um mit dem Mercury Theatre on the Air einen „Krieg der Welten“ zu inszenieren, inspiriert von H. G. Wells’ gleichnamigem Roman. Die – seither legendäre – Hörspielproduktion warf eine beängstigende Frage auf und führte zu einer bedenkenswerten Einsicht: Reicht eine einzige Stunde aus, um den Fortbestand der Zivilisation auf Erden infrage zu stellen? Beeindruckend und bedrückend hatte Welles’ fantastisches Lehrstück zum Thema offenbart, was Medienmacht vermag und wieviel Verantwortungsbewusstsein sie denen abverlangt, die sie gebrauchen.

     Im Land, das bis heute uneingeschränkt an alles zu glauben bereit scheint, hatten Millionen wie festgenagelt vor den Rundfunkgeräten ausgeharrt und den atem- und fassungslosen Schilderungen der angeblichen Apokalypse gelauscht. Das Drama hatte ausgemalt, wie Einwohner Manhattans reihenweise atomisiert wurden oder in Panik massenhaft die Flucht ergriffen. Im richtigen Leben waren hier und da immerhin kleinere Scharen von Amerikanern losgezogen, um sich mit Notproviant zu versorgen oder sich irgendwo in vermeintliche Sicherheit zu bringen. Im deutschen Nazi-Reich, dass sich darauf vorbereitete, demnächst seine Nachbarn im Osten und Westen anzugreifen, höhnte Adolf Hitler, eine „verlogene, niederträchtige Presse“ schüre mit „Panikmache“ die allgemeine Kriegsfurcht derart, dass „selbst Interventionen von Planeten für möglich gehalten“ und auf den Straßen „heillose Schreckenszenen“ wirklich würden.

Katastrophen ohne Panik kaum vorstellbar

Der Krieg, Hitlers Krieg, wurde Wirklichkeit, kaum ein Jahr danach. Und Panik ist, immer wieder, möglich. Allein heuer gilt es, an die runden Jahrestage von nicht weniger als vier verhängnisvollen crowd disasters (wie Experten sagen) zu erinnern, die sich bei großen Fußballspielen zutrugen. Genau heute liegt das Bolton Disaster 75 Jahre zurück: Bei einem Pokalspiel am 9. März 1946 in der nordwestenglischen Stadt versuchten 20 000 Menschen, zusätzlich zu schon 65 000 Zuschauern ins prall gefüllte Stadion zu drängen, dessen Barrieren am Eingang und am Spielfeldrand unter dem Druck der Menge fielen. Über fünfhundert Menschen erlitten teils schwere Verletzungen, 33 blieben tot liegen. Im Ibrox Stadium von Glasgow kamen am 2. Januar vor fünfzig Jahren 66 Menschen ums Leben, als der Einsturz einer Tribüne in eine Massenpanik mündete – bis dahin das schwerste Unglück der britischen Fußballgeschichte. Vor 25 Jahren, am 16. Oktober 1996, wurden im überfüllten Estadio Doroteo Guamuch Floresin in Guatemala-Stadt über achtzig Personen erdrückt oder erstickten, weil auf den Rängen Trupps von Besuchern mit gefälschten Eintrittskarten mit den rechtmäßigen Inhabern der begehrten Plätze stritten; 150 Zuschauer nahmen bei den Rangeleien Schaden. Nach einem Meisterschaftsspiel im ausverkauften Stadion im ghanaischen Accra wurden am 9. Mai 2001, vor zwanzig Jahren, 127 Fans Opfer einer Panik; zuvor war es in dem afrikanischen Land bereits zu drei ähnlichen Tragödien gekommen.

     Oft ist, wo Katastrophen sich in die Historie einschreiben, von Panik kaum die Rede. Gleichwohl bleibt sie nur selten aus. Im Jahr 79 verschüttete die Explosion des Vesuvs das blühende Pompeji; etwa tausend Tote wiesen Archäologen in den Ruinen der 20 000-Einwohner-Stadt nach; wie viele mögen bei der wilden Flucht auf den Ausfallstraßen ihr Ende gefunden haben? Den guten Glauben der europäischen Aufklärung, die Menschen lebten in der „besten aller möglichen Welten“, machte am 1. November 1755 das Beben von Lissabon zunichte, als schwere Erdstöße, Flächenbrände und ein Tsunami die reiche Hauptstadt Portugals fast völlig auslöschten, als wütete das Jüngste Gericht. Dass mit Zar Nikolaus II. das russische Kaisertum und überhaupt das alte Russland untergehen würden, schien sich bereits kurz nach der Krönung des Monarchen im Mai 1896 anzukündigen: Auf einem riesigen Volksfest zur Feier der Inauguration löste das Gerücht, es würden Geschenke für alle verteilt, einen Massenauflauf aus, den 1389 Menschen nicht überlebten; 1300 kamen nur mit Verletzungen davon.

Hochinfektiöse Heidenangst

Am 24. September 2015 verwickelten sich in Mekka islamische Pilgermassen in einen folgenschweren Tumult, der wahrscheinlich über 2400 Gläubigen den Tod brachte; bis heute bleiben Hunderte vermisst. Hierzulande hat sich die Loveparade des Jahres 2010 in Duisburg, das letzte Spektakel seiner Art, ins kollektive Unheilsgedächtnis eingebrannt. 21 Raverinnen und Raver wurden am 24. Juli erdrückt und zertrampelt, über 650 trugen vielfach schwere Blessuren davon, als im langen Zugangstunnel am ehemaligen Güterbahnhof der Stadt die Lage außer Kontrolle geriet. Vermutlich hatten einige Technofans versucht, sich über eine gesperrte Nottreppe Zugang zum Festivalgelände zu verschaffen oder über die Sprossen eines Lautsprechergerüsts zu klettern, und waren abgestürzt.

     Mit Pan, dem im Grund gutmütigen, bei Ruhestörung allerdings jährzornigen Gott der Hirten, Wiesen und Wälder aus der griechischen Mythologie, hat die Panik wesensmäßig nichts zu tun, auch wenn sich ihm das Wort verdankt. Blitzartig pflanzt sich wie ein hochinfektiöser Schock die Überzeugung fort, Leib und Leben seien massiv bedroht. Für den Einzelnen wie für die von der blitzartig grassierenden Heidenangst erfasste Masse spielt es dabei keine Rolle, ob das Chaos einem tatsächlichen oder nur eingebildeten Anlass entspringt. Die Maxime heißt: Nichts wie weg!

     Angefacht vom Entsetzen der anderen – der vielen –, steigen im Organismus der Blutdruck und die Versorgung der Muskulatur mit Energie, das Hormonsystem schüttet verschwenderisch Adrenalin aus, der Blick verengt, das Wahrnehmungsvermögen verzerrt sich. Über die planende Vernunft triumphiert archaischer Instinkt, keinem Willen mehr gehorsam, keinem moralisch-altruistischen Gebot mehr folgend: der spontane Impuls zu unbedingter, unverzögerter Selbsterhaltung durch blinde Flucht, zugleich das triebhafte Bestreben, sich einer Gruppe, der Herde anzuschließen. Allgemeine Unbesonnenheit – und doch komplex im Zusammenhang; Panik entsteht aus einem Moment und verbreitet sich binnen Sekunden. Errungenschaften eines verständigen, durch gegenseitige Rücksicht geordneten Miteinanders, von der Spezies über Jahrhunderte mühsam erworben, löscht die Panik während eines Wimpernschlags aus und ersetzt sie , wie die Experten sagen, durch ein „Primitivverhalten“, wie man es aus aufgeschreckter Tierwelt kennt.

     Vorzugsweise bilden sich in „Flaschenhälsen“ Brutstätten solch tödlichen Gewühls, in Zu- oder Durchgängen also, Engstellen oder Nadelöhren, vor denen sich ein breiter Zustrom zusammenschiebt, verdichtet, staut. Zu den ererbten Verhaltensweisen des Menschen gehört eine unbewusste Anpassung des Schritttempos: Dort, wo er nur wenigen Artgenossen begegnet, verlangsamt er es entspannt, während er es an Stellen, wo sich eine Menge zusammenballt, anzieht, um nur rasch hindurchzukommen. Wenn in solchem Engpass eine Masse, warum auch immer, nicht mehr aus noch ein weiß, können sogenannte crowd turbulences entstehen, Schock- und Stop and go-Wellen, Strömungen und Wirbel, wie durch die Stöße eines Erdbebens ausgelöst. Wer jetzt an einer Wand oder Säule, einem Gitter oder Pfeiler steht, muss damit rechnen, zusammengepresst zu werden und zu ersticken; wer stürzt oder umgeworfen wird, den zerquetschen und zermalmen Hunderte Füße, oder Tausende, oder Zehntausende.

Schweißausbrüche, Herzrasen, Gliederzittern ...

Wenn die Denkfähigkeit der Individuen sich auflöst und eine Stampede die Menschen kopflos mitreißt, als wärs eine durchgehende Büffelhorde, ist Hilfe ausgeschlossen. Gegen Panik scheint kein Kraut gewachsen – es sei denn, umsichtige Veranstalter und Sicherheitsfachleute versuchen, es erst gar nicht dazu kommen zu lassen. Aufgrund vieler schlimmer Erfahrungen hat sich eine Art Wissenschaft zur Panik-Prävention und -Deeskalation herausgebildet. Die Maxime heißt: Gedränge vermeiden. Das lässt sich leisten, indem Menschenströme den Wegen angepasst geführt und, durch einbahnige Routen zum Ort des Geschehens hin und von ihm fort, voneinander getrennt werden, auch indem eine nicht mehr beherrschbare Übermacht gleichsam in ein Ablaufbecken umgeleitet wird. Video- und Computertechnik hilft, Verhaltens-, Strömungs-, Störungsmuster aufzuzeichnen, zu analysieren und, um rechtzeitig Abhilfe zu schaffen, gefährliche Situationen virtuell zu simulieren, bevor sie eintreten.

     Und allerdings ist die Panik als geistiger Ausnahmezustand und seelische Extremsituation nicht auf den Massemenschen als Tier in der Herde beschränkt. Grundsätzlich gehören Vorsicht und Scheu, Furcht und Angst, in Maßen und bei gemäßer Gelegenheit auftretend, zu den unveräußerlichen Komponenten des alltäglichen Selbstschutzapparats. Wo sie indes überreich und ungeheißen in ein Leben eindringen, wachsen sie sich zur Qual, zum Albtraum aus, wenn nicht zur Bedrohung: Zwischen fünf und zehn Prozent der Deutschen sehen sich mindestens ein Mal von einer Panikattacke heimgesucht, meist ohne erkennbare Ursache, stets ohne dass Gefahr für Leib und Leben bestünde. Dergleichen widerfährt doppelt so vielen Frauen wie Männern. Urplötzlich bricht den Betroffenen der Schweiß aus, das Herz rast, der Mund trocknet aus, der Atem stockt bei gleichzeitiger Hyperventilation, den Körper überläuft es heiß und kalt, die Glieder zittern, der Kopf fasst keinen klaren Gedanken mehr, der Körper ist zu keiner vernünftigen Handlung fähig. Ihnen ist, als ginge es unweigerlich aufs Ende zu. Bei vielen, so fanden Genetiker heraus, hängt der Raptus offenbar mit der Veränderung eines bestimmten Gens (des Transmembran-Proteins TMEM132D) und seinem abnorm starken Einfluss auf die Nervenverbindungen zwischen verschiedenen Bereichen des Gehirns zusammen. Freilich hilft jene Erkenntnis dem angstverwirrten Schädel bei Ausbruch des Anfalls nicht heraus. So spiegelt sich in Agoraphobikern – Menschen mit der außer Gefecht setzenden Angst, sich in die Öffentlichkeit und unter Menschen zu begeben – die Panik der Masse in der Panik vor der Masse.

„Dies ist keine Übung“

Umgekehrt verzeichnet die Geschichte Vorfälle, in denen Furchtbares geschah, ohne dass sich die Leute – zunächst – aus der Ruhe bringen ließen. Ein groteskes Beispiel gibt der unerwartete Angriff, den die japanische Luftwaffe am 7. Dezember 1941 auf die US-Pazifikflotte im Hafen von Pearl Harbour auf der Hawaii-Insel Oahu flog: Als die Rundfunksender aufgeregt von dem Inferno berichteten, das 2403 Amerikanern das Leben kostete, wollten viele Hörer nicht daran glauben und nahmen nicht einmal den Hinweis ernst, es handle sich ausdrücklich um „keine Übung“. Sie meinten, Orson Welles oder ein Spaßvogel seinesgleichen hätte sich abermals eine krachende Spinnerei ausgedacht. Wirklich sahen, auf furchtbare Art, die Folgen der Attacke ähnlich aus: Die USA traten nicht in einen „Krieg der Welten“, aber in den Zweiten Weltkrieg ein.

     Kein Weltkrieg, doch ein Krieg in vielen Teilen der Welt ist der Feldzug der Vereinigten Staaten gegen den Terror. Befeuert, wenn nicht erst eigentlich ausgelöst haben ihn die Attentate, bei denen Islamisten am 11. September 2001 drei Verkehrsmaschinen ins New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Arlington steuerten. Den verdammenswerten Anschlägen fielen fast dreitausend Menschen zum Opfer. Dutzende sprangen von den WTC-Türmen fast 400 Meter in die Tiefe – wahrlich kein Freitod, sondern einer, den die Unentrinnbarkeit des Verderbens erzwang. Ikonisch wurde eine schaurige, darum heftig umstrittene Aufnahme des Fotojournalisten Richard Drew: Sein Falling Man scheint einen entspannten Moment lang mit absonderlicher Eleganz in der Luft zu stehen, kopfüber, fast kerzengerade, die Arme gentlemanlike angelegt, ein Bein scheinbar bequem angewinkelt.

     Der ungeschützte Sturzflug ist freilich die Folge panischer Angst: Dem armen Kerl – sein Name war Jonathan Briley – war natürlich bewusst, dass er sich vor den Flammen und der Hitze nur auf denkbar absurde Weise retten konnte, durch einen Sprung in den sicheren Tod. Der aber vielleicht trotzdem so etwas wie ein Freitod war: Brileys letzter Schritt, einer ins Freie – entsprang er nicht doch seinem letzten eigenen Entschluss? War er nicht ein Schritt aus der Panik heraus?



 

Verständige Weiber

 

Am Montag ist Internationaler Frauentag. Noch immer gibt es schlimme Gründe, die ungleichen Rollen und Rechte der Geschlechter zu beklagen. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert waren viele der selbst ernannten Herren der Schöpfung nicht einmal bereit, ihren Gattinnen und Töchtern helle Köpfe zuzutrauen.

Von Michael Thumser

6. März – Dass Frauen vom aktiven und passiven Wahlrecht völlig ausgeschlossen sind – was hierzulande bis 1918 der Fall war –: Kann man sich das heute noch vorstellen? Oder dass die Nationalsozialisten ihnen 1933 das passive Wahlrecht wieder abknöpften. Oder dass nach 1949 berufstätige Frauen zwar zum Alltagsstandard der DDR gehörten, aber in der Bundesrepublik weit weniger vorkamen und bis 1977 ohne Einverständnis des Herrn Gemahls keine bezahlte Tätigkeit aufnehmen durften („Warum willst du arbeiten? Ich verdiene doch genug“). Oder dass Frauen bis 1958 der Genehmigung des Vaters oder Ehemanns bedurften, um Fahrstunden zu nehmen, ein Bankkonto zu eröffnen und über das Geld in der Familienkasse zu verfügen. Oder dass sie bis 1997 von ihren Männern gegen ihren Willen zum Sex gezwungen werden konnten, ohne dass die fürchten mussten, als Vergewaltiger belangt zu werden.

     Am Montag ist Weltfrauentag. Vor 110 Jahren wurde er zum ersten Mal begangen, nicht nur in Österreich und der Schweiz, Dänemark und den Vereinigten Staaten – auch Deutschland war gleich im Premierenjahr dabei. In der „Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts“ waren die Feierlichkeiten, um Clara Zetkin zu zitieren, die bis dato „wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht“. Heutzutage herrscht In Deutschland längst Gleichberechtigung, zumindest nach dem Grundgesetz. Andere Länder kennen dergleichen kaum in Ansätzen: Der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums nennt den Jemen und Pakistan, den Iran und den Tschad, die Elfenbeinküste … – um nur einige Länder anzuführen – als Regionen, in denen die Mehrheit der Frauen schauerliches Unrecht leiden. Dabei ist das Verhüllungs- oder Verschleierungsgebot bei Weitem nicht das Schlimmste. Da dürfen sie weder Lesen noch Schreiben lernen, geschweige denn einen Beruf ergreifen. Dort müssen sich zwischen vierzig und achtzig Prozent der Mädchen von Beschneiderinnen schauerlich verstümmeln lassen. Hier bleibt es Vergewaltigten verwehrt, die beim Missbrauch empfangenen Kinder abzutreiben. Und überhaupt messen den Frauen die Männer - und oft auch das Gesetz - nur den Wert einer Nebensache bei.

     Seliges Europa? Die erste Frau, die in Deutschland zur Ärztin approbiert wurde, hieß Ida Democh und bestand vor jetzt 120 Jahren, am 18. März 1901, an der Universität von Halle ihr Colloquium vor der medizinischen Fakultät, wenige Tage vor ihrem 24. Geburtstag. Sie hatte das Glück, Kind aufgeschlossener Eltern zu sein. Zwar hatte sie nach entsprechender Ausbildung begonnen, im ostpreußischen Lyck als Lehrerin zu unterrichten, länger als ein halbes Jahr aber hielt sies nicht aus. So unterstützten sie denn Vater und Mutter in ihrem sehnlichen Wunsch, Ärztin zu werden. Das war, nach Beschluss des Deutschen Bundesrats von 1899, auch möglich; allerdings konnten Frauen die dafür beizubringenden Hochschulnachweise ausschließlich im Ausland erwerben. Zum Beispiel in der Schweiz: Ida Democh (die später erst in Dresden, dann in München praktizierte) nahm ein Studium in Zürich auf.

     Der Fall erinnert an einen weit früheren mit erst recht diskriminierenden Risiken und Nebenwirkungen – an den der Ärztin Dorothea Christiane Erxleben aus Quedlinburg. In einer „gründlichen Untersuchung“ beklagte sie schon als 27-Jährige, „dass das weibliche Geschlecht vom Studieren abgehalten“ werde, worin sie eine „Verachtung der Gelehrsamkeit“ überhaupt ausmachte. 1987, also 225 Jahre nach dem Tod der erst 46-Jährigen, ehrte die Deutsche Bundespost sie mit einer Briefmarke als willensstarke Impulsgeberin der Frauenbewegung, die lange, bevor es die Bezeichnung gab, erfolgreich und sich selbst nicht schonend für die eigene Selbstverwirklichung und die ihrer Geschlechtsgenossinnen eingetreten war. Das Wertzeichen zeigte das volle Profil einer jungen Frau mit stolz vorwärtsstrebender Nase und üppigem Lockenhaar, deren leichtes Lächeln gelassene Laune und zugleich widerständige Pfiffigkeit ausdrückt.

Mit allerhöchstem Wohlwollen

     „Jeder“, beanstandete sie, wolle zwar „gern ein verständiges Weib haben, aber die Mittel des Verstandes will man den Weibern nicht zulassen.“ Madam Erxleben war nicht gesonnen, sich vorenthalten zu lassen, worauf sie begründet Anspruch erhob. Als erste Ärztin in deutschen Landen praktizierte sie eigenständig und konnte sich sogar auf das allerhöchste Wohlwollen des „großen“ Preußenkönigs Friedrich II. berufen, der zwar keine Frauen schätzte, immer aber einen hellen Kopf. Gleich zwei Mal fand er sich bereit, der jungen und blitzgescheiten Dame Wind in die Segel ihres geradezu männlichen Bildungsstrebens zu blasen.

     1715 zur Welt gekommen, hatte sich die jugendliche Dorothea von ihrem weitsichtigen Vater, dem Quedlinburger Arzt Christian Leporin, theoretisch und bei Hausbesuchen in die Urgründe der Heilkunde einführen lassen. Da mochten die Kollegen des Papas maulen wie sie wollten. Einem königlichen Sondererlass verdankte sie 1741 den Zugang zu einem medizinischen Studium – eine Ungeheuerlichkeit für die akademische Männerwelt, die ein „Weib“ für dergleichen schlichtweg als untüchtig erachtete. Dann kam auch Dorothea erst einmal ein Mann dazwischen: Sie ehelichte den Diakon Johann Christian Erxleben, in dessen Haushalt sie sich besonders durch die Aufzucht seiner fünf mitgebrachten und der vier gemeinsamen Kinder weidlich ausgelastet sah. Gleichwohl stellte sie eine Dissertation fertig – über die „gar zu geschwinde und deswegen unsichere Heilung der Krankheiten“ –, die 1774 von der Universität in Halle angenommen wurde, wiederum auf Intervention des Königs hin. Dabei wäre royaler Druck vielleicht gar nicht nötig gewesen: „Vollkommen vergnügt“ zeigten sich die Prüfer, weil die Kandidatin „alle theoretischen und praktischen Fragen in lateinischer Sprache mit glücklicher Akkuratesse und modester Beredsamkeit“ zu beantworten vermochte. Fortan empfing sie in ihrer Heimatstadt Quedlinburg mit schönen Heilerfolgen Patientinnen und Patienten – freilich von der eingeschüchterten, darum peinlich berührten männlichen Konkurrenz übel angefeindet, verhöhnt, verleumdet.

    Die Damen Democh und Erxleben hatten es, jede zu ihrer Zeit, jede auf ihre Weise, geschafft. Nicht so, zum Beispiel, Laura Reusch-Form, eine US-Amerikanerin, die sich um ein Medizinstudium in Würzburg bewarb: Sie sah 1869 ihren Antrag abgeschmettert mit der summarischen – und grotesk bürokratendeutschen Begründung, dass „die Verleihung der Universitätsmatrikel an die Voraussetzung des männlichen Geschlechts geknüpft“ sei. In Bayern gab Prinzregent Luitpold erst 1903 den Frauen den Weg zum Studium frei (zuvor hatte sich nur Baden dazu durchgerungen), und auch danach mussten Akademikerinnen damit rechnen, dass ihnen männliche Missgünstlinge eine Hürde nach der anderen in ihre Berufs- oder gar Hochschullaufbahn stellten. Noch heute liegt in der Republik der Anteil der Frauen unter den Hochschulprofessoren bei trostlosen neunzehn Prozent; seltsam: wo doch 48 von hundert Studierenden weiblich sind.

„Verteidigung der Rechte der Frau“

Kein Wunder, dass viele, die für die Gleichstellung der Frauen in Familie und Gesellschaft, in Recht und Bildung, bei Lohn und Gehalt agitieren, sich radikaler Argumente bedienen. Das war immer so – wofür eine streitbare Dame des achtzehnten Jahrhunderts stehen kann, die Ende vergangenen Jahres in London endlich das verdiente Denkmal erhielt. Auf einem Wiesenplatz in Newington Green im Norden der Hauptstadt wurde es aufgestellt  – für 143 000 Pfund, die eine zehnjährige Spendenkampagne zusammengebracht hatte. Auf eigenwillige und sehr umstrittene Weise hält es die Publizistin Mary Wollstonecraft im Gedächtnis, die sich mit ihrem Hauptwerk, der 1792 veröffentlichten „Verteidigung der Rechte der Frau“, unauslöschlich einschrieb in die „Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts“.

     Auch Verehrern schön-schauriger Literatur muss sie insofern wichtig sein, als sie 1797 Mary Shelley das Leben schenkte, die, literarisch eindeutig frühreif, zu einer Protagonistin der fantastischen Weltliteratur heranwuchs: Mit ihrem nonkonformistischen Selbstbewusstsein Erbin der Mutter, schrieb sie neunzehnjährig den „Frankenstein“. Leider sah und las die Mama den grandiosen Roman nie: Anderthalb Wochen nach der Geburt erlag Mary Wollstonecraft dem Kindbettfieber. Erst 38 Jahre war sie da alt und hatte doch mit ihrem Engagement in Wort und Tat ebenso wie mit ihrer unangepassten Lebensweise bereits beträchtliches Aufsehen erregt.

     Mit gerade mal 25 Jahren schon setzte sie ihr Lebensthema greifbar und anschaulich um – die Erziehung der „Töchter“ zu selbst- und verständigen, lebenspraktischen und gesellschaftsgewandten Wesen: Gemeinsam mit ihren Schwestern und einer Freundin gründete sie eine Mädchenschule. Nach Ausbruch der Französischen Revolution zog sie als erklärte Republikanerin mit fliegenden Fahnen nach Paris und blieb auch nach der englischen Kriegserklärung dort, obwohl der Terror der jakobinischen Schreckensherrschaft sie anwiderte. In Frankreich lernte sie den US-Amerikaner Gilbert Imlay kennen und lieben, dem sie, unehelich, ihre erste Tochter gebar. Zurück in London, musste sie allerings einsehen, dass Imlays Interesse zu anderen Damen weitergezogen war. Verzweifelt versuchte sie deshalb, wie damals üblich „ins Wasser zu gehen“ und sich in der Themse zu ertränken, wurde aber gerettet; zum Glück: Sie fand, später, den Mann ihres Lebens. Im Haus ihres Verlegers Joseph Johnson – bei dem 1787 ihr erstes Buch, „Gedanken über die Erziehung von Töchtern“, herausgekommen war – traf sie 1791 auf den nicht minder streitbaren Philosophen William Godwin, der einem sozialistischen Anarchismus anhing. Zwar hielt er nicht viel von der Ehe; trotzdem heirateten die beiden 1797, weil Mary Wollstonecraft ein Kind von ihm erwartete. Von da an sollte beider Glück leider nur mehr wenige Monate währen.

Unter Kuratel gestellt

Befeuert von der Französischen Revolution, hatte Wollstonecraft sich 1790 mit einer „Verteidigung der Menschenrechte“ ideenreich und sprachmächtig für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ins Zeug gelegt und damit monarchistischen Meinungsführern in ihrer britischen Heimat den Fehdehandschuh hingeworfen. Zwei Jahre später legte sie mit ihrem frauenrechtlerischen Grundlagenwerk nach. Neuerlich forderte sie darin eine freiheitlich-gleiche Erziehung der Mädchen in einem reformierten Schulwesen. An der Rolle der Frau als Mutter rüttelte sie nicht, auch eine typisch feminine Neigung zur Welt der Gefühle wollte sie nicht leugnen. Aber sie bestritt, dass sie den Frauen angeboren sei.

     Vielmehr fand sie die Wurzeln dafür in einer Fehlbehandlung der „Töchter“ von klein auf – weil man eben „die Mittel des Verstandes Weibern nicht zulassen“ wollte; jenen Satz der Madam Erxleben hätte leicht auch Mistress Wollstonecraft niederschreiben können. Hinter der „Empfindsamkeit“, wie sie den unter Kuratel gestellten Frauen von den Herren der Schöpfung selbstherrlich aufgezwungen war – und die einer ganzen wehleidigen Kulturepoche den Namen gab –, erkannte Wollstonecraft den geschlechterpolitischen Zweck, die Damen dämlich zu machen, sie in Küche, Kinderstube und Salon zurück- und von öffentlicher Wirkung fernzuhalten. In Wahrheit und im Gegenteil war am moralischen und intellektuellen Format der Frau – wie auch an der Einsicht, dass es mit dem des Manns auf gleicher Stufe stehe – nicht zu zweifeln. Frauen seien nicht da, damit die Männer eine Freude hätten, unterstrich Wollstonecraft, sondern um gleichgeordnet als Gefährtinnen neben ihnen zu agieren.  Nur eine fortschrittliche Erziehung könne sie dazu in die Lage versetzen, denn „es ist zweierlei, Verstand empfangen haben, und den Verstand, den man empfangen hat, auch anzuwenden gelernt haben“. Jenes Diktum der Dorothea Christiane Erxleben wäre ihrer englischen Geistesverwandten Mary Wollstonecraft wohl aus der Seele gesprochen.

Aus Versehen frauenfeindlich

Den Männern, nicht nur des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, war und ist es ins Stammbuch geschrieben. Freilich unterläuft Frauenfeindlichkeit mitunter auch den Frauen selbst. Das erwähnte Londoner Ehrenmal, von der 76-jährigen Künstlerin Meggi Hambling nicht als Monument, sondern als ranke, silberne Bildsäule gestaltet und nahe des früheren Standorts von Wollstonecrafts Töchterschule aufgestellt – besteht aus einer sportlichen Figur auf der Spitze einer undefinierbar unförmigen, steil und unregelmäßig aufragenden Struktur. Seit der Einweihung im November verstummen die Vorwürfe nicht, das – in der Tat gründlich missratene – Werk würdige keine Propagandistin weiblicher Gleichberechtigung, sondern illustriere den feuchten Traum eines Pickeljünglings. Das kann man wohl sagen: Kein Abbild der Widmungsträgerin nahm sich die Künstlerin vor, sondern formte lieber eine anonyme junge Nackte, sinnlich schlank und sehnig durchtrainiert, mit merkwürdig männlichem Kopf und kurz geschnittener Lockenfrisur, dafür umso vollerem Haar im Schoß. Nicht eben ein Memorial des Feminismus.

     Obschon unfreiwillig und nur leise, klang eine misogyne Note sogar mit, als die „Vindication of the Rights of Woman“ gleich im Jahr nach der englischen Originalausgabe zum ersten Mal auf Deutsch erschien. 1799 gab der Reformpädagoge Christian Gotthilf Salzmann, der in Thüringen eine wohl beleumundete „Erziehungsanstalt“ betrieb, die Übersetzung heraus, mit der er seinen Schwiegersohn G.F.C. Weissenborn beauftragt hatte. Die beiden Bände erschienen ausgerechnet in einem Örtchen namens Schnepfenthal.




Die Weisheit der Einfältigen

Teil 2 und Schluss

Heute ist Faschingsdienstag. Aber viel Karneval ist nicht. Den Jecken, wenn auch nicht den Narren kommt das Corona-Virus in die Quere. Auf einer Reise durch die verkehrte Welt stößt man auf  Hofzwerge, Ozeanfahrer und einen Humanisten, der die Torheit rühmt.

Von Michael Thumser

16. Februar - Ein Narr der satirischen Kategorie wie der Kabarettist, die Kabarettistin hat mit dem dummen August nichts zu tun, verkörpert er doch zwei unverzichtbare Abwehrreflexe gegen die Macht der Regeln und den Ernst des Lebens. Auf der einen Seite ist er der leibhaftige Vertreter des Ausnahmezustands: Während das Gros von uns sich an Zeitgeist und Lifestyle, Trends und Tendenzen anpasst, steht er couragiert für den Gegenentwurf, für einen Lebensstil der Differenz, des Unterschieds. Auf der anderen Seite gefällt er sich als Stachel im Fleisch der Saturierten, als frecher investigativer Frager nach leeren Konventionen, unfairen Vorurteilen, wohlfeilen Lebenslügen. Das mag ihn schlimmstenfalls in die Isolation treiben; dort aber bleibt er wach und schärft Wahrnehmung, Witz und Urteilskraft.

     Als „Geist, der stets verneint“, führt jener Narr mit Genuss und zum allgemeinen Gaudium dorthin, wo unter alltäglichen Bedingungen niemand gern ankommt: auf den Grund der Skepsis. Hier, nur hier, wird sein Widerspruch fruchtbar: als Erleuchtung. Indem uns der Narr kontra gibt, bringt er unsere Erkenntnis voran. Denn sie, wie alle Wissenschaft, schreitet ja nicht durch den billigen Konsens breiter Massen fort, sondern durch die Widerlegung einer Auffassung, durch die Entkräftung der Gewissheiten. Von Falsifikation sprach der Philosoph Karl Popper und führte ein vielzitiertes Beispiel an: Der Umstand, dass die meisten Schwäne, so wie das von Parsifal, Richard Wagners „reinem Toren“, erlegte Geflügel, schneeweiß aussehen, könnte uns vermuten lassen, die Tierart trage überhaupt ausschließlich weiße Federn; stimmt aber nicht: wenngleich vereinzelt, schwimmen auch schwarze Exemplare übern Teich; indem wir dies zur Kenntnis nehmen, kommen wir der Wahrheit um die Spezies Schwan ein wichtiges Stück näher.

Die Wahrheit ist ein Privileg

Die Wahrheit, die unbekannte, gar die unbequeme, laut zu äußern: Das genoss der Hofnarr als sein Privileg. Nur bedurfte er währenddessen kenntlichmachender Verkleidung zu seinem Schutz. Oft durch bunten Habit, vielfach mit der Narrenkappe wies er sich als Aktiver einer Zunft aus, der erlaubt war, was sich sonst niemand straffrei unterstand. Vielfach übernahmen hellköpfige Männer (seltener Frauen) den Posten, für dessen Außenseiterposition Zwergwuchs, Buckel oder anderweitige Missgestalt sie zusätzlich qualifizierte; sollte man doch ihresgleichen mit den feinen und reichen Leuten schon äußerlich nicht verwechseln können. Vor allem Hofhaltungen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit leisteten sich derlei Unterhaltungskünstler. Günstigenfalls waren ihre Zungen geschickt genug, Dienstwege, steifes Protokoll und formellen Sprachgebrauch durch Direktheit, unverfrorene Schläue und geistblitzende Schlagfertigkeit zu unterlaufen.

     Ihre Narrenfreiheit war die Freiheit des ungegängelten Geistes. Sie waren die Satiriker der höheren und hohen Aristokratie, geduldet, oft genug verabscheut, belacht sowohl als auch gefürchtet. Mag sein, dass der eine oder andere von ihnen bloß Kinkerlitzchen machte und sich auslachen ließ. Mag sein, dass dieser oder jener einem sadistischen Auditorium nur als leicht quälbares Opfer galt – so wie der „Hopp-Frosch“ geheißene, misshandelte Faxenmacher in der Novelle aus Edgar Allan Poes Todesjahr 1849, der eine Gelegenheit ausbaldowert und ausnutzt, um während einer seiner Possen flammende Rache an seinen entmenschten Peinigern zu üben. Von etlichen Kollegen ist indes bekannt, dass sie als geschätzte Ratgeber, allemal als Wahr-Sager ihrer Herrinnen und Herren dienten. Unverblümt durften sie Skandalöses, Bitteres, Empörendes benennen, von dem andere nur hinter vorgehaltener Hand zu klatschen wagten. Im Hofnarren verbanden sich der opportunistische Schmarotzer am Tisch des Millionärs, der undurchsichtige Gaukler des Jahrmarkts und der behände Witzbold; seine Artistik war die des Einfalls, des Scharfsinns und der Kombination.

     Gleichsam als Hofnarr ohne Hof soll der sagenhafte Till Eulenspiegel seinen Nächsten den Kopf gewaschen haben. Eine Figur der volkstümlichen Überlieferung, gleichwohl bis heute allseits beliebt spätestens seit dem frühen sechzehnten Jahrhundert: Damals, 1510 in Straßburg, erschienen Proben seines Schabernacks, auf Deutsch aufgeschrieben, erstmals in einem Volksbuch. Ausdrücklich aus dem bäuerlichen Bodensatz der Gesellschaft entstammt Eulenspiegel. Planlos verzettelt er sein Leben, weil er zwar hurtig denken kann, jedoch kein Handwerk zu Ende lernen will. Ein Verstoßener? Wirklich bleibt er unbehaust, aus freien Stücken allerdings, und ist immer unterwegs, ein Wanderer zwischen den Welten der Landleute und kleinen Lichter in den Städten, der besseren Herrschaften, stolzen Ämterinhaber und sakrosankten Kleriker. Vielleicht hat es einen wie ihn, als Original zur überlieferten Figur, im Schleswig-Holstein des vierzehnten Jahrhunderts wirklich gegeben: In Mölln weist ein angeblicher Grabstein das Jahr 1350 als Zeitpunkt seines Todes aus.

Tölpel übertölpeln

Eulenspiegels Gabe war, Tölpel aller Gattungen und Schichten zu übertölpeln. An seinem Namen dürfen wir ihn erkennen: Die Eule galt und gilt als Allegorie der Klugheit; den Spiegel hält der unzähmbare Schelm uns vor, damit wir sehen, dass uns nicht immer ein gescheites Gesicht, auch schon mal eine fiese Fratze daraus entgegenschaut. Für einen Kindskopf könnten wir ihn halten, dann wäre freilich auch Karl Valentin, der ihm als Typus deutlich nahestand, nicht mehr als das gewesen. Den Kindern empfahl ihn, den verschrienen Querkopf, erst die Nachwelt; vergnüglich geistreich hat Erich Kästner seine Streiche für sie nacherzählt. Für reife Leser erfand, 2017 erst, Daniel Kehlmann im Roman „Tyll“ Eulenspiegels Leben neu, mit erbaulich schönem Ernst.

     Im Spiegel des schlauen Scherzkekses zeigt sich, dass, wie die Bibel lehrt, „alles eitel“ ist, in doppelter Hinsicht. Zum einen lehrt der Spiegel uns, die Selbstverliebtheit und den Geltungstrieb, Anmaßung und Putzsucht der Menschen zu durchschauen; zum anderen die Nichtig- und Lachhaftigkeit der Welt einzusehen. Mit Eulenspiegel, ungeachtet seiner umtriebigen Vitalität, steht der Narr, als Allegorie, der Figur des Todes nah und fällt in manchen Bilddarstellungen sogar mit ihm in eins. Als Horrorclown vom Fach erteilt er klugen Rat: Memento mori, vergiss niemals, auch du musst sterben, und das letzte Hemd hat keine Taschen.

Verordneter Frohsinn

Wie die Narren früherer Zeiten sich verkleideten, so tuns die Karnevalisten unserer Tage in den deutschen „Hochburgen“ auch, ob sie nun in Aachen und Düsseldorf, Köln oder Mainz in quietschbunter und krachlauter Menge am Straßenrand die Umzüge verfolgen oder in unterschiedlichen Kleinbürgerrollen die Bütt besteigen, als Tanzmariechen in schillernden Alte-Fritz-Waffenröcken die Beine schmeißen oder in Smoking oder Robe und mit unförmiger Kopfbedeckung einem Elferrat angehören.

     Zum „Jecken“ wird hier der Narr und die Weisheit der vermeintlich Einfältigen zum profitträchtigen, mit Bierernst organisierten, möglichst multimedial vermarkteten Spaßspektakel des verordneten Frohsinns und der durchchoreografierten Ausgelassenheit. Der Nonkonformismus, auf dem der waschechte Narr besteht, weicht der Uniform der Prinzengarden und der Uniformität von Kostümierungen, die das Internet oder der Drogeriemarkt vorgefertigt feilbietet. Der anzügliche Angriff auf die öffentliche Ordnung, die sonst übers Jahr gilt, erstarrt selbst in Reglements. Über deren Einhaltung wachen argusäugig Funktionäre, die bei Verstößen und Versagen keinen Spaß verstehen. Der Exzess, mit dem der Narr einst die Stoßdämpfer rund um die Konventionen unverschämt in Stücke brach, findet statt als pflichtgemäßes Leistungssaufen, pünktliche Lustigkeit und promiskuitive Lust der Leiber. Immerhin, auf den Rosenmontagswagen mit ihren aufwendigen und nicht selten originellen Aufbauten kommt Satire, oft in aller Schärfe, vor.

     Ob Karneval oder Fasching, Fastnacht oder Fasnet: Ein ausdrücklich ‚unheiliges‘ Treiben darf sich temporär austoben – und wirklich macht es sich Jahr für Jahr, wie zum Trotz, nicht zuletzt im katholischen Süden und Westen der Republik breit. Im Gegensatz dazu tritt die Gestalt des „heiligen Narren“ – der vielleicht besser der närrische Heilige hieße – umso loyaler und tugendhafter mit dem Himmel in Kontakt. Im „Abenteuerlichen Simplicissimus“, Christoffel von Grimmelshausens wegweisendem Barock-Roman von 1668, brechen sich die Schwarzschatten des auch nach zwei Jahrzehnten noch unverwundenen Dreißigjährigen Kriegs in der Attitüde des wie in Wagners Oper arg- und ahnungslosen Titelhelden: Simplicius, ein „reiner Tor“ wie Parsifal. Vom tumben Hütejungen bringt ers zum gewitzten Offizier, um rechtzeitig vor seinem Ende als Eremit seine odysseischen Lebensfahrten aufzuzeichnen und gottgefällig seine Sünden abzubüßen. Aus dem „simplen“ Narren ist ein heiliger Narr geworden, ein Narr „in Christo“.

     Als prominentestes Vorbild dieser Variante verehrt die römische Kirche einen Italiener aus dem dreizehnten Jahrhundert. Jener Giovanni – alias Francesco – di Bernandone kam als Sohn eines reichen Textilkaufmanns in Assisi zu Welt, genoss eine brauchbare Erziehung, erlangte  bruchstückhafte Bildung, trat zunächst ins Geschäft des Vaters ein und zog später zu Felde. Aus ungeklärten Gründen aber – die Heiligenlegenden führen den Schritt auf einen gottgegebenen Traum zurück – zog er sich dann von Kommerz und Kriegshandwerk zurück, um fortan fromm das Dasein eines Besitzlosen zu fristen. Seiner Weltentsagung soll er anschaulichen Ausdruck verliehen haben, indem er sich in aller Öffentlichkeit nackt auszog und seine Kleider dem verblüfften Vater übergab. Einen idiota nannte er sich selbst - womit er sich freilich nicht bezichtigte, ein „Idiot“ zu sein, sondern auf seine angebliche Unbildung verwies. Mit einem gefügigen Gefährtenkreis, den „Minderen Brüdern“, lebte er keusch in Armut und gründete mehrere Orden. Der Tod des etwa 45-Jährigen, 1226, lag kaum zwei Jahre zurück, da erhob ihn Papst Gregor IX. als heiligen Franz von Assisi zur Ehre der Altäre.

Die Welt ist ein Tollhaus

Einen „Narren in Christo“, namens Emanuel Quint, beschrieb auch Gerhart Hauptmann. In seinem 1910 erschienenen Roman verfolgt er einen mittellosen Bußprediger auf seiner Wanderschaft von Niederschlesien durch Deutschland in die Schweiz. Wo er auftaucht, tröstet und stärkt er Arme und Kranke, sieht sich allerdings von Kirche und Behörden verdächtigt und verfolgt, sogar als geisteskrank diskreditiert. In den Schweizer Alpen geht er schließlich in die Irre und auf dem St. Gotthard im Schnee zugrunde. Mit Fjodor Dostojewskis berühmter Erzählung vom „Großinquisitor“ berührt sich die Geschichte insofern, als in beiden Fällen die personifizierte Bergpredigt Jesu Christi, einmal als der Messias aus Fleisch und Blut, einmal als sein Wiedergänger, auf die Erde zurückkehrt und neuerlich einem schmählichen Tod in die Augen sieht. Der Narr ist der Weise. Die Welt ist ein Tollhaus.

     So gesehen sind die wahren Narren die anderen: die Sünder und Ungläubigen, die Banausen und Diesseitsverliebten. Sie übervölkern und zertrampeln Gottes Schöpfung und machen eine verkehrte Welt aus ihr, in der nichts ist, wie es, ginge es recht zu, sein sollte. Im „Narrenschiff“, das der gebürtige Straßburger Sebastian Brant 1494 in Basel vom literarischen Stapel ließ (illustriert mit vielen Holzschnitten wahrscheinlich aus Albrecht Dürers Frühwerk), tummeln sich schräge Vögel aller Sorten und Couleurs, aus allen Ständen und Klassen: Säufer, Schlemmer, Modegecken, Wüstlinge und Streithammel, Gierschlünde, Geizhälse und Prasser, Lügner und Parasiten, Aufschneider und Klugschwätzer … 112 Kapitel für ebenso viele Verrücktheiten, für 112 Laster.

     Das sind Narren, die keine Freude machen: Schänder des von Gott geschenkten Lebens, Verächter des himmlischen Heilsplans. Dabei steht das Ende der Welt vor der Tür. Das Elend der Welt verhängt der Allmächtige nicht aus Niedertracht über seine halsstarrige Menschheit: Sie selbst verschuldet all die Kriege, Krankheiten, Entbehrungen. Gedankenlos stechen die Dummköpfe mit ihrem Schiff in See, Kurs nehmen sie auf „Narragonien“, das Land der Unbelehrbaren, Törichten und Hohlen, und weil die Reise über einen Ozean, folglich entlang an mancherlei Gefahren führt, so ist nicht sicher, ob und wo die stupide Mannschaft am Ende ankommt. Wohl dem, der sich selbst in einem der Passagiere – oder gleich in mehreren – erkennt; er mag noch kurz vor knapp zu rettender Einsicht kommen. Weil Brants Bußpredigt mit Derbheit und Finesse, mit Anspruch sowohl wie mit Amüsement daherkam, mochten die Leser sie gern. Der erste Bestseller in deutscher Zunge: Bevor der „Werther“ des jungen Johann Wolfgang Goethe alle Rekorde brach, war Brants satirisches Bestiarium das erfolgreichste Buch in deutscher Sprache.

Dem Unwissenden schlägt keine Stunde

Mit dem entgegengesetzten Mittel, dem der Ironie und des Spiels mit dem Uneigentlichen, sang Erasmus von Rotterdam das „Lob der Torheit“. Der bedeutendste Humanist der Niederlande lässt sie höchstpersönlich sprechen, die Göttin Narretei, und sie bekennt, dass sie große Stücke auf sich hält. Überall hilft sie den Menschen auf die Sprünge des Unverstands: Je weniger jemand weiß, desto freier und glücklicher darf er sich fühlen. Dem Unwissenden schlägt keine Stunde des Unglücks.

     Über die Verwerfungen im Zusammenleben, zumal dem der Geschlechter, helfen wir uns mit Liebedienerei und lobhudelnder Unehrlichkeit hinweg, an Kindern ergötzt sich unser Gemüt, weil sie noch närrischer als wir selber sind, Freunden schließen wir uns an,  weil wir blind für ihre Schwächen sind, und uns selber mögen wir ja auch. Alberne Sehnsüchte, absurde Hoffnungen helfen uns über die Allgegenwart von Ärger, Kummer und Enttäuschungen hinweg. Lieber Narr sein als Intellektueller: lieber zufrieden im Tal der Ahnungslosen hocken als sorgenvoll und zukunftsängstlich auf dem Gipfel der Erkenntnis hocken. Auch dem Christenglauben fehlt es nicht an Hirnverbranntheit, wobei Erasmus’ alter ego zum Exempel die katholische Lehre vom Fegefeuer und die Verehrung von Heiligen aufzählt. Am närrischsten findet die Göttin Torheit die Gelehrten, die Gottgelehrten an erster Stelle und die Inquisitoren: Ihren Verfügungen zufolge hat eine Predigt weit weniger der Wahrheit des Herrn und des Herzens zu genügen als formalen Schemata und Mustern zu folgen, durch die sie sich aufgeplustert wie ein prahlerischer Text für ein Theaterstück. Zugleich muss jeder, der kirchlicher Lehre zu widersprechen wagt, gewärtigen, als Ketzer abgestraft zu werden. Erasmus selbst war alles andere als ein Narr: Mit seiner Satire ätzte er auch wider sich selbst; und dass er sich Feinde gerade unter Theologen machen würde, war ihm wohlbewusst. Eben darum sprach er sich in seinem Pamphlet nicht selber aus, sondern formulierte es, zum Schein zumindest, als Rollenprosa der Torheit in Person.

Groß im Irrtum

Steht also uns, den Geisteszwergen und Einfaltspinseln, Stroh- und Schafsköpfen, schlechterdings kein Weg mehr offen, auf dem wir unser Leben mit einiger Würde abschreiten und das Haupt, trotz des kümmerlichen Hirns darin, achtbar aufrecht tragen könnten? Sind wir in unserm Stolz nur Ritter von trauriger Gestalt, Nachfahren jenes Don Quijote, den Miguel de Cervantes 1605 und 1615 in den zwei Teilen seines weltliterarischen Romans lächerliche Âventiuren ausfechten lässt?

     Andererseits, Heldenreisen sind die Waffengänge jenes Spinners gegen Windmühlen und andere Objekte voller Tücken schon, Mutproben einer edlen Seele: Groß ist Quijote, der Narr, in seinen Irrtümern und darum unserer Achtung wert. Auch der Till Eulenspiegel unseres Volksbuchs, heimlich sein Bruder im Geiste, hat das Zeug, mehr zu sein: mehr als ein schlitzohriger Quälgeist und gewiefter Bürgerschreck. In der dickleibigen „Legende und den heldenhaften, fröhlichen und ruhmreichen Abenteuern von Ulenspiegel und Lamme Goedzak“ von 1867 verwandelte der belgische Erzähler Charles de Coster ihn zum flandrischen Streiter gegen die Spanier: Auf nicht eben ritterliche, aber tapfere Art bewährt sich Ulenspiegel in dem Krieg, durch den die sieben Provinzen der „Vereinigten Niederlande“ von 1568 an die Vorherrschaft des Hauses Habsburg abschüttelten. So wurde, dreihundert Jahre nach dem Volksbuch, durch einen bekennenden Flamen in französischer Sprache ein literarischer Freiheitskämpfer geboren: aus dem befreienden Lachen eines Narren aus Deutschland.




Die Weisheit der Einfältigen

Teil 1

Eigentlich ist Fasching. Coronahalber aber fällt er weitgehend ins Wasser. Zu Umzügen und in Prunksitzungen strömen weder Närrinnen noch Narren. Die aber gabs schon immer, ganz unabhängig von der Jahreszeit.

Von Michael Thumser

13. Februar – Der junge Mann ist kein Idiot. Er hat nur, zugegeben, keine Ahnung. Seinen Vater kennt er nicht, wie er uns mitteilt, und kann noch nicht einmal den eigenen Namen nennen. Einen schönen weißen Schwan schoss er am „heiligsten Karfreitag“ tot – warum, vermag er nicht zu sagen. Gemeinsam mit uns sieht er endlos dabei zu, wie ein unlustiger König, von den Schmerzen einer unheilbaren Wunde ausgezehrt, ein Zaubergefäß, den Gral, aufdeckt und beschwört. So zelebriert er mit einer Runde kaum minder grimmer Ritter eine Art alleinseligmachender Eucharistie. Nach der Zeremonie soll Parsifal, besagter junge Mann, über das Erlebte Auskunft geben: „Weißt du, was du sahst?“ Natürlich weiß ers nicht. Durch „Mitleid“ mit dem blutenden König hätte er „wissend“ werden sollen und ward es nicht. Folgerichtig jagt man ihn, unsanft, davon: „Du bist doch eben noch ein Tor.“ Erst ein paar Theaterstunden später darf er in Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel“, das seinen Namen trägt, endlich den „Erlöser“ geben und selbst den Gral enthüllen.

     Ist Parsifal, bis es dazu kommt, ein Gimpel, Dummerjan – ein Narr? Oder sollen wir eher den 37-jährigen Friedrich Hölderlin für einen halten? Nach der ersten Hälfte seines Lebens, von 1807 an bis zu seinem Tod 1843, brachte er die zweite Hälfte im Tübinger Turmzimmer eines treusorgenden Schreiners zu, an Seele und Verstand, so schien es, unabänderlich zerrüttet. Vielleicht jedoch war er gar nicht geisteskrank; diese These – ziemlich steil und stets umstritten, doch nie völlig widerlegt – stellte 1976 der französische Germanist Pierre Bertaux auf: Der Dichter, eines Sinnes mit den Revolutionären im aufgewühlten Frankreich, habe endlich schmerzlich eingesehen, dass ein vergleichbarer Umsturz in deutschen Landen undenkbar bleibe; darum, so Bertaux, zog er sich wie ein Simulant, aus Selbstschutz, unter den Deckmantel vorgeblichen Irreseins zurück. Hölderlin: ein Weiser unter der Maske des Narren?

Vier Spielarten des Narren - mindestens

Es zeigt sich: Ein Narr kann vieles sein und vielerlei. Jetzt, in der „närrischen Zeit“ des (heuer weitgehend abgeblasenen) Karnevals, können wir ihn ruhig einmal genauer observieren – und finden mindestens vier Spielarten von ihm vor: den Arg- und Ahnungslosen parsifalscher Prägung; den Ignoranten; den Patienten der Psychiatrie; und den Spaßmacher.

     In jedem Fall bekommen wirs mit jemandem zu tun, der uns vermuten lässt, es sei um seinen Verstand oder seine Vernunft oder um beides geschehen. Das mag in seiner Natur und seinem Schicksal begründet liegen, er mag aus freier Entscheidung oder unter äußerem Einfluss zu seiner extravaganten Haltung gefunden haben – allemal steht der Narr, die Närrin dem entgegen, was die Mehrheit von uns Anderen, die sogenannten Normalen nämlich, als Komment für ihr Zusammensein verbindlich anerkennen. Ob aus fröhlichem Mutwillen, Streitlust oder leidvollem Erleben, ob er nun nicht anders kann oder nur nicht anders will – der Narr ist Störenfried im Wortsinn: jemand, der die gewohnte Ordnung, das ruhige Gleichmaß des Verlässlichen verletzt, weil er es von sich abschüttelt. Dass die Majorität ihn darum ins Abseits stellt, indem sie ihn, wie man so sagt, für verrückt erklärt, folgt daraus unvermeidlich.

     Der Ahnungslose kommt beileibe nicht bloß in weihevollen Opern vor. Als geistig Gesunde leisten wir uns gern das Wohlgefühl, etwa einen zerebral Behinderten, der uns freundlich entgegentritt, für unbedarft zu halten, für unmündig und possierlich, hilf- und belanglos wie ein fremdes Baby oder Kleinkind, mag er auch schon an die zwanzig Jahre zählen. Eine Art von Kindchenschema macht sich in uns geltend. Erweist das Gegenüber sich als fügsam und lenkbar, reizt es die pädagogischen Triebe. Von Findlingen fühlten sich Erzieher einst besonders herausgefordert, von Kindern also, die ausgesetzt wurden oder verloren gingen und irgendwo und irgendwie verwildernd sich am Leben halten konnten, bis die Zivilisation sie wieder übernahm.

Einfach nicht zu zähmen

Aus Aveyron, einem Département im Südfranzösischen, wird ein erstaunlicher Fall aus der Zeit um 1800 berichtet, den der Filmregisseur François Truffaut 1970 in seinem Meisterwerk „Der Wolfsjunge“ fast dokumentarisch wiedergab. 1797 tauchte der Knabe erstmals auf, wohl noch keine zehn Jahre alt, ließ sich kaum fangen, entwich Mal um Mal; bis er, extremer Winterkälte wegen, selbst die Nähe zu den Menschen suchte. Nackt, scheu und keiner Sprache mächtig, ging er auf nichts als Nahrung aus. Ein Wesen der Natur, nicht der Kultur, ohne Geistigkeit und Reflexion, ohne erzählbare Erinnerung: Unverfälscht, unverdorben und -verbogen, ein leeres Blatt im Sinn John Lockes und Jean Jacques Rousseaus, schien er das Material zu sein, das ein wohlmeinender Mentor verantwortungsvoll zu einem Muster des aufgeklärten Menschen modellieren könnte. Als renommierter Trainer von Taubstummen fühlte sich der Arzt Dr. Jean Itard berufen, in die Rolle jenes Instrukteurs zu treten – und musste sich nach fünf Jahren geschlagen geben: Victor (so nannte Itard den heranwachsenden, doch kindlich bleibenden Fremden) erwies sich in jeder Hinsicht als nicht beschulbar und ausbildungsresistent.

     Sein deutsches Pendant hieß Kaspar Hauser. Mit etwa sechzehn Jahren trat er am Pfingstmontag des Jahres 1828 mutterseelenallein in Nürnberg auf; niemand erfuhr je, woher er kam und wer ihn in der Altstadt abgesetzt hatte. Eng eingesperrt, zwar mit Nahrung und Kleidung versorgt, aber ohne zwischenmenschlichen Kontakt, erst recht ohne eine wärmende Spur von Zuneigung hatte man ihn in einem kerkerartigen Versteck gehalten, wo ihm zur Beschäftigung nichts in die Hand gegeben war als ein hölzernes Pferdchen. Mit keinem als sich selbst hatte er sich ausgetauscht. Dann wurde er urplötzlich, ganz so, wie die Existenzialisten sagen, in die Welt geworfen. Auch Kaspars nahm man sich treusorgend an. Fünfeinhalb Jahre nach seinem unverhofften Auftauchen starb er, inzwischen als Schreiber beim Ansbacher Gericht in Lohn und Brot, an einem Messerstich. Seriöse Forscher nicht anders als sensationslüsterne Fantasten gingen lang Vermutungen nach, Angehörige des großherzoglichen Hauses Baden hätten Hauser, als dynastisch im Weg stehenden Nachkömmling, erst entsorgt und endlich von bezahlter Mörderhand eliminieren lassen. Aus heutiger Sicht ist nichts davon wahrscheinlich, geschweige denn belegbar. Glaubhafte Vermutungen legen nah, dass Hauser sich, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, mit Vorsatz, aber wenig Vorsicht selbst verletzte. Wie auch immer: Für Romane (etwa von Jakob Wassermann) und Filme (beispielsweise von Peter Sehr) bot die Tragödie einen geheimnisvollen Plot.

     Victor, Kaspar und Konsorten: Bevor sie ihre vorgeschichtliche Lebensweise verließen und in die entwickelte Gesellschaft traten, hatte kein souveräner Wille von außen sie gelenkt oder gehemmt, keine Anstandsvorschrift, kein Kanon gefälliger Manieren hatte ihr angeborenes oder im Überlebenskampf erworbenes Verhalten manipuliert. Mit ihnen trat nicht der ungezogene, sondern der unerzogene Mensch vor die Bürger, nicht das ungebildete, sondern das unverbildete Individuum in trauriger Idealgestalt.

Unterwegs von der Blase in den Echoraum

Von Bildungsinhalten und Wissensgütern, wie sie uns im Allgemeinen aus guten Gründen für verbrieft gelten, hält indes der Ignorant sich fern. Das ist einer, der nicht weiß, weil er nicht wissen will; der, anders als die meisten von uns anderen, über seinen Erkenntnishorizont und Erfahrungsschatz nicht hinausgelangt, weil Einsprüche gegen seine starren Meinungen ihm unwillkommen sind. Vor jeder Anfechtung von außen zieht er sich in seine „Blase“ Gleichgesinnter zurück; schalldicht abgeschottet hat er seinen „Echoraum“, von wo aus seine verqueren Fantasien sich in ein paralleles Universum unbegrenzter Möglichkeiten aufmachen. Aus derart absurder Ver- und Geborgenheit erheben sich, gerade unterm Eindruck der Corona-Pandemie, die Köpfe mit den echten oder den imaginierten Aluhüten, die Verschwörungserzähler und ihre blindgläubigen Gefolgschaften, die Seuchenleugner und schönfärbenden Verharmloser; schon viel länger krakeelen ähnlich die Pegida-Plärrer, selbst ernannten Weltretter und Rassetheoretiker mit ihrem Stolz, arisch und weiß, Deutsche oder Amerikaner zu sein.

     Ihr Narrentum wurzelt in der Borniertheit jedes Fundamentalismus: Wer, statt zu wissen, sich im Vollbesitz der Wahrheit glaubt, verschließt sich der Dialektik eines ergebnisoffenen Meinungsaustauschs, dem allein wir Wachstum und Wandel von Kenntnis und Verständnis danken. Den Debattengegner erklärt der Orthodoxe engstirnig für uninformiert naiv oder für uneinsichtig aufgrund geistiger Beschränktheit; oder er bezichtigt ihn, selbst leibeigener Teil des undurchdringlichen Steuerungs- und Machtapparats zu sein, in dem der fundamentalistische Narr seine Todfeinde vermutet. Mit ihnen meint er nicht allein die „Eliten“ des etablierten demokratischen Systems, sondern ebenso die Wissenschaft. Ihr spricht er Objektivität ab, indem er unterstellt, sie arbeite dienstwillig dem globalen Komplott von ein paar Handvoll Super- und Einflussreichen zu.

Das Tollhaus als Folterkerker

Gegen die blinde Wut der Eiferer ist kaum ein Kraut gewachsen. Unter solche Toren und Stümper, Vernunftverweigerer und Besserwisser freilich dürfen wir die geistig Kranken nicht rechnen, jene, die man früher verrückt nannte, weil sich ihnen die Welt ver–rückt hat. In ihrem Verstand erleiden sie, was andere an Herz und Kreislauf, Magen oder Darm, Knochen oder Bändern erleiden – kein moralisches Manko, sondern einen Schaden ihrer Unversehrtheit.

     Zu Victors und Kaspar Hausers Zeiten war es gern und rasch geübter Brauch, Manische und Depressive, Epileptiker, posttraumatisch Belastete oder schlicht Unliebsame in gefängniskarge Verließe wegzusperren. Als Besessene gab man sie aus, namentlich die Kirche, die lange behauptete, Satan, Dämonen, Höllengeister vollbrächten ihr schlimmes Werk an den armen Schluckern. Irregeleitete Exorzisten probierten grausige Teufelsaustreibungen an ihnen aus. Im Tollhaus oder Irrenhaus vegetierten viele von ihnen, zusammengepfercht mit Landstreichern und Bettlern, Ganoven und zwielichtigem Gelichter, rechtlos, mangelernährt, ausgebeutet, immer heimgesucht von Ungeziefer und oft von Therapieversuchen, die Foltern glichen. Ein unbefristetes Exil in Hoffnungslosigkeit, Erniedrigung und Schmutz: Bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein hatte im Narrenturm keiner was zu lachen.

     Beim Spaßmacher ists anders: genau andersherum. Aus Jux und Tollerei narrt er die Zeitgenossen – das heißt: er ermuntert, zerstreut, erheitert, täuscht sie, ihnen Streiche spielend. Der Clown oder Comedian, Hanswurst oder Harlekin ist Narr auf Zeit und aus eigenem Willen. Wo ihm mehr gelingt als platte Pointen, Kalauer und Zoten, modelt er seinen Geist mit dem Mittel des Humors um in Esprit. Zynismus und Sarkasmus, eine gewisse Bösartigkeit mithin, schließt das nicht aus. Übertreibung gehört dazu, karikierende Verzerrung, grenzüberschreitende Parodie. Und stets ist Ironie im Spiel, die Gabe, von einem Ding so zu sprechen, dass sich ahnen lässt: Es ist das Gegenteil gemeint. Im Kabarett, zum Beispiel, vollendet sich heute diese Kunst, seit jeher schon in allen Formen der Satire, die immer, wenn sie auf sich hält, mit einem Sakrileg beginnt. Diese Narren, die mit dem zeitgemäßen Schalk im Nacken, lockern das scheinbar Festgefügte auf, indem sie es infrage stellen, und indem sie die Ordnung hohnlachend mit gebrochenen Tabus traktieren, nehmen sie den Druck aus ihr. Womöglich ist, was die so lang schon rund und straff erhält, ja doch nur heiße Luft.

(Teil zwei und Schluss folgen in der nächsten ho-f-Ausgabe am Faschingsdienstag.)




Es walle Wolle im Gesicht

Teil 2 und Schluss
Der Bart ist eine natürliche Vermummung des Mannes. Mit den FFP-2-Masken, die uns vor dem Corona-Virus schützen sollen, verträgt er sich schlecht. Ein paar Blicke auf das Haar zwischen Stirn und Hals heute und gestern.

Von Michael Thumser

6. Februar – Auf landläufigen Andachtsbildern trägt Jesus von Nazareth zu wallendem Haupthaar eine mehr oder weniger ausgeprägte Barttracht. Andererseits ist er auf ganz alten Darstellungen aus frühchristlicher Zeit noch als engelsgleicher Jüngling mit glatten Wangen zu sehen, soll heißen: im Stande himmlischer Reinheit; was indirekt darauf verweist, dass die irdische Geschichte des Bartes immer auch die Geschichte der Rasur ist.

     Die Moden wechselten von Kultur zu Kultur und im Verlauf der Epochen. In den frühen sumerischen und babylonischen Zivilisationen des Zweistromlands verwendeten die Männer auf Wachstum, Pflege und Ausschmückung ihrer Bärte gehörig Zeit, Mühe und Geschmack. Ihre minoischen Geschlechtsgenossen hingegen, die vor über 4500 Jahren auf Kreta begannen, ein elegantes Leben zu führen, beseitigten gründlich die Stoppeln auf ihren Gesichtern. Später ließen die Griechen sowie, auf der Apennin-Halbinsel, die Etrusker und frühen Römer den Bart mal mehr, mal weniger ins Kraut schießen, bis die Expansion der hellenistischen Kultur ihn wieder verdrängte. Um die Zeitenwende warb Kaiser Octavian, genannt Augustus oder der Erhabene, auf seinen vielen Standbildern für gründliche Rasur, während zweihundert Jahre später Hadrian den kurzen Bart an Wangen, Kinn und Oberlippe propagierte.

     Eine Entwicklung, die Kaiser Konstantin I. – wieder einer von den „Großen“ – neuerlich umkehrte. Indem er vom Jahr 325 an mit großer historischer Weitsicht die Siedlung Byzantion am Bosporus mit angemessener Pracht und Herrlichkeit als neue Hauptstadt des Römerreichs auszubauen begann, führte er die Bartlosigkeit auch in jene europäisch-asiatische Grenzregion, die nach dem Untergang des weströmischen Imperiums für tausend Jahre das oströmische, Byzanz genannt, beherbergte.

Ge- und Verbote

Bart-Gebote – wie heute unter Hipstern – haben Tradition: Die Priester der orthodoxen Kirchen halten oder hielten sich daran, auch Eremiten und manche Klosterleute im Westen; nicht aber, um mit der Manneszier zu protzen, sondern weil sie das Rasieren als Akt verbotener Putzsucht verwarfen. In den Vereinigten Staaten verweigern sich die Amischen oder Amish people vielen Errungenschaften der modernen Technik und, sobald die Männer unter der Haube sind, den Rasiergeräten.

     Gleichzeitig drängen Bart-Verbote zum gehorsamen Beschnitt. Kaum ein römisch-katholischer Geistlicher erlaubt sich Gesichtsbehaarung, wo doch in früheren Jahrhunderten viele Päpste Rauschebärte trugen. In Russland, an der Wende des siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert, verbot Zar Peter I. (auch er: der „Große“) den Bojaren, niederadeligen Grundbesitzern, ihre Bärte, weil er sie für Zeichen der von ihm bekämpften russischen Rückständigkeit ansah; denen, die sich widersetzten, ließ er sie zwangsweise abschneiden – es sei denn, sie dispensierten sich durch Zahlung einer Extrasteuer. Im zwanzigsten Jahrhundert fand solches Gebaren Nachahmer, wenn auch etwas zurückhaltendere: So ließ Walt Disney, dem selbst ein schmaler Schnauzer kokett im Gesicht stand, in seinen Freizeitparks keine Bartträger zu. Knapp fünfzig Jahre lang blieb es dabei, bis im Jahr 2000 immerhin gepflegte Oberlippenbärte durchgingen und die gängelnde Verfügung 2012 vollends auslief; fast vollends: Länger als dreizehn Millimeter darf das Barthaar nicht keimen. Streit gab es und gibt es gelegentlich noch um unterschiedlich ausgelegte Haar- und Barterlasse der deutschen Polizei und der Bundeswehr. Da ist gegebenenfalls haargenaues Schnippeln nötig.

     Für den Hipster, wie unbestimmbar sein Charakterbild in der Gegenwart auch schwankt, gilt das mindestens genauso. „Die einzige Regel, die du nicht brechen darfst, ist: ohne Hipster-Bart kein Hipster-Look“, dekretiert bündig eine Website des Amsterdamer Elektrokonzerns Phillips und gibt Empfehlungen für Aufzucht, Hege und Styling, fürs Trimmen „streunender Haare“ und die überzeugende Individualisierung durch „Ränder an Hals und Wangen", „Aussparungen unter dem Mund oder andere Details“. Vor allem soll der stilbewusste Mann nichts übereilen: „Ein Hipster-Vollbart ist ein gemütlicher Zeitgenosse.“ Erlaubt ist ihm alles, „nur gut gepflegt sollte er sein“.

Stein, Schere, Messer

Denn wie für die Vergangenheit gilt für alle Zeiten: Über Bärte lässt sich nicht reden, ohne über Rasur zu reden. Und das heißt: in erster Linie über Klingen jeder Art. Spätestens als unsere fernen, Höhlen oder Erdhäuser bewohnenden Vorvorfahren lernten, sich vor klumpigem Schmutz an ihrer Haut zu ekeln und vor Ungeziefer und Parasiten in Acht zu nehmen, fingen sie an, überflüssiger Behaarung zu Leibe zu rücken. Das ließ sich mit Feuer verrichten, was aber oft schmerzhafte Nebenwirkungen zeitigte. Geringere Risiken ging Mann mit der Schärfe von Objekten ein. Zunächst standen ihm Steine zu Gebot, später haltbareres Metall: Für Jahrtausende blieben Schere und Messer, meist mit professioneller Geschicklichkeit von bewährten Barbieren geführt, die Mittel der Wahl. Selbst die Wiedererfindung der einklappbaren, dadurch weniger verletzungsgefährlichen Rasiermesser 1680 im englischen Sheffield – vergleichbare Geräte gab es bereits dreitausend Jahre vorher – änderte nichts am Verfahrensschema.

     Bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Brüder Frederick, Richard und Otto Kampfe im US-amerikanischen Brooklyn eine Epochenwende einleiteten. Die sächsischen Einwanderer verfielen darauf, eine kurze, im Querschnitt keilförmige, an der Schneide ungewöhnlich scharfe Klinge in einen Rahmen mit Griff einzuspannen. 1901 glückte dem Erfinder King Camp Gillette der nächste, nun entscheidende Coup: Er brachte, obwohl Freunde und Kollege abrieten, eine hauchdünne, zweiseitig extrem geschliffene Einwegklinge auf den Markt, die, in die Halterung des zugehörigen „Rasierhobels“ geschraubt, die Nassrasur zur (meist) unblutigen Nebensache machte.

     Wer den Bartschnitt lieber trocken bewerkstelligte, kam erst 1931 auf seine Kosten, durch die brillante Idee Jacob Schicks, der in Alaska nach Gold grub. Seit 1910 in den frostigen Weiten des nördlichsten US- Bundesstaats unterwegs, verging ihm eines Winters die Lust, sich den Seifenschaum für die Nassrasur täglich mit Wasser aus umständlich geschmolzenem Eis zu schlagen. Stattdessen kam er auf die Idee, eine Vielzahl kleiner Stahlklingen auf einer Platte zu befestigen, die er mittels eines Elektromotors in vibrierende Schwingungen versetzte; über den Klingen wölbte sich als „Scherblatt“ eine metallene Gitterhaube, durch deren feine Öffnungen nur die Bartstoppeln drangen. Das erlaubte ihm, mit dem Kopf des laufenden Geräts über die Haut zu fahren, ohne sie aufzukratzen oder aufzuschneiden. Mit dem 1923 erteilten Patent in der Tasche gründete er eine Firma, optimierte seine Erfindung bis zur Serienreife und beglückte die Männerwelt 1931 endlich mit dem ersten elektrischen Rasierapparat.

Affe im Gesicht

Auch geneinsam treten Bart und Rasiergerät in den Dienst ausgefallenen Gesichtsdesigns, und zwar dort, wo die Klingen oder Scherköpfe aparte Linien oder Muster, augenfällige Zeichen, wenn nicht gar Zeichnungen ins Haar fräsen. Einen „neuen Trend“ stellte vor anderthalb Wochen Leif Lasse Andersson in der Bild-Zeitung vor: den „Affenschwanzbart“. Im Selbstversuch vollbringt der (unter Pseudonym schreibende) Kolumnist „das schmale Kunstwerk“ wie folgt: Eine seiner Wangen rasiert er glatt; auf der anderen beginnt der Bart „auf Koteletten-Höhe, läuft in zwei Zentimetern Breite nach unten, umrundet mein Kinn und endet als Schnauzer. Als hätte ich einen Affen auf der Schulter sitzen, welcher mir sein Schwänzchen durchs Gesicht schlenkert.“ Etwas für Tierfreunde? Etwas für den Zoo.

     Etwas für Enthusiasten. Jedenfalls nichts für Menschen, die unter Pogonophobie – von griechisch pógon, Bart, und phóbos, Furcht – leiden, der krankhaften Angst vor Körper-, namentlich Gesichtsbehaarung. Und auch nichts für den spanische Maler Salvador Dalí seligen Angedenkens: Die Enden seines langen Schnurrbarts zwirbelte der demonstrativ exzentrische Surrealist in einer säbelkrummen Kurve oder steil-senkrecht nach oben, sozusagen himmelwärts, denn mit ihnen als „Antennen“ behauptete er in der Lage zu sein, von Gott persönlich „Informationen“ und „Momentaufnahmen der Wahrheit“ zu empfangen. Auch über den Tod hinaus? Als 2017, 28 Jahre nach seinem letzten Atemzug, die einbalsamierte sterbliche Hülle des 84-jährig verblichenen Künstlers für einen Vaterschaftstest exhumiert wurde, signalisierten die unversehrten Schnurbarthälften wie die Zeiger auf einer Uhren-Werbung „zehn nach Zehn“; so hatte Dalí sichs gewünscht.

     Sich von seiner transzendenten Empfangsanlage zu trennen, hätte er wohl ebenso entschieden abgelehnt, wie es der populäre Fernsehkoch Horst Lichter tat. Ihn wollte, wie er einer Zeitschrift erzählte, am Beginn seiner TV-Karriere ein Sender für sein Frühprogramm verpflichten, verlangte aber, dass er sich dafür den „nicht mehr zeitgemäßen“ Schnurrbart abschneide. Das kam nicht infrage. Auf volle Zustimmung dürfte Lichter damit bei Jürgen Burkhardt aus Leinfelden-Echterdingen nahe Stuttgart stoßen, der vier Mal die Bartweltmeisterschaft gewann und den „Bart- und Kulturclub Belle Moustache“ gründete. Weil seine je fünf Haarspiralen links und rechts unter keine handelsübliche FFP-2-Maske passen, ließ sich der 63-jährige Vize-Präsident des Weltbart-Verbands von einer Schneiderin eine Spezialmaske fertigen. Leichter nimmt die Pandemie der dreißig Jahre jüngere Christian Feicht, der als Präsident dem Ostbayerischen Bart- und Schnauzerclub 1996 vorsitzt: Als süddeutscher Meister und italienischer Vizemeister – Kategorie „Freistil“ – hält er seinen Bart für die „Eintrittskarte zur Welt“ und unlösbar mit seiner Persönlichkeit verbunden. Auf ihn verzichten würde er nur, „wenn es aus gesundheitlichen Gründen unbedingt notwendig wäre“, wie er dem Magazin Der Spiegel sagte, „also für eine Operation am Hals vielleicht. Ansonsten fällt mir kein Grund dafür ein.“ Auch Corona ist für ihn augenscheinlich keiner.

Der Bart des Propheten

Mag sein, dass man in islamistischen communities ähnlich denkt. Für Osama bin Laden, den Urheber des New Yorker Flugzeugterrors vom 11. September 2001, für die Kämpfer der Taliban und die Schergen des IS, für die follower des fundamentalistischen Salafismus war und ist ein geziemender Bart obligater Ausweis weniger für ihre Männlichkeit als für ihre religiöse Überzeugung. Auch fernab fanatischer Gewalt tun sich mit Blick auf den Bereich der Spiritualität vor uns kaum beantwortbare Fragen auf: Schworen Moslems einst wirklich „beim Barte des Propheten“ – von dem die Stadt Srinagar im indischen Teil Kaschmirs übrigens ein Haar als kostbare Reliquie verwahrt –, oder behauptet dies, reichlich respektlos, nur eine deutsche Redensart? Und trifft es zu, dass der Gott der Juden und der Christen Bart trägt? Das machen uns zahllose Bilder glauben, so in Rom die Szene aus Michelangelos Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle, in der ein vollbärtiger Schöpfervater den soeben erschaffenen, körperhaarlosen Adam von Fingerspitze zu Fingerspitze mit Leben beseelt. Können wir uns, wenn wirs überhaupt tun, Gott anders vorstellen denn als gütig-strengen Opa mit wuchernder Matte um Wangen, Kinn und Hals? Etwa so wie das berühmte Greisen- (und angebliche Selbst-) Porträt, das Leonardo da Vinci als Sechzigjähriger 1512 mit Rötel auf Karton zeichnete? Oder wie den Weihnachtsmann?

     Vielleicht mag sich der Herr im Himmel lieber bartlos, so wie auf Erden über sechzig Prozent der deutschen Männer. Wenn nur Morgen für Morgen das leidige Rasieren nicht wär. Wem das zum Hals heraushängt, aber auch kein Bart gefällt, dem bleibt zu guter Letzt als Lösung nur, sich enthaupten zu lassen.



Es walle Wolle im Gesicht

Teil 1
Der Bart ist eine natürliche Vermummung des Mannes. Mit den FFP-2-Masken, die uns vor dem Corona-Virus schützen sollen, verträgt er sich schlecht. Ein paar Blicke auf das Haar zwischen Stirn und Hals heute und gestern.

Von Michael Thumser

2. Februar – Hipster sehen anders aus. Jetzt hat sich, dem Covid-19-Virus die Suppe versalzend, auch Florian Janik seinen Kinn- und Oberlippenbart abgenommen, auf dass die FFP-2-Maske Mund und Nase passgenau umschließe. In Zeiten, da jeder von uns unversehens zum influencer mutieren und eine community von followern um sich scharen kann, machte der vierzigjährige Oberbürgermeister der Stadt Erlangen mit seiner Entscheidung Schule. Denn bald folgte ihm der Oppositionsführer im Stadtrat. Wenn auch schweren Herzens, waren die zwei mit gutem Beispiel vorangegangen: Inzwischen haben etliche weitere kommunalpolitische Kollegen an der „Bart Challange“ teilgenommen.

     Waren die Apostel Hipster? Kaum ein sakrales Bild, das uns diese zwölf entschlossensten follower aus der wachsenden community Jesu Christi nicht von üppigen Bärten umweht vorstellt. Weniger menschliche Einzelwesen als ein heiliges Kollektiv erkennen wir in den Gestalten: Der Bart vermummt sie nicht unkenntlich und gleicht doch wie eine Maske den einen an den andern an. In Oberammergau hingegen, wo die Passionsspiele seit 387 Jahren Tradition haben, nehmen die Akteure des gottgefälligen Spektakels coronakrisengerecht Abstand vom Urbild: Bart ab!, heißts auch hier; zumindest hat die Spielleitung vor wenigen Tagen für alle Bühnen-Jünger, die beim Infektionsschutz lieber auf Nummer sicher gehen, den seit Langem geltenden Barterlass aufgehoben. Der legt eigentlich fest, dass das Gros der männlichen Mitwirkenden, zumal das Dutzend der engsten Gefolgsleute (außer dem noch knabenhaften Johannes) ab dem Aschermittwoch des Jahres vor der nächsten Aufführungsserie sich weder Haupt- noch Gesichtshaar scheren soll: Es walle Wolle in den Gesichtern. Für gewöhnlich betreten allein die Römer, als die gewaltbereiten Besatzer Judäas, mit glatter Haut an Kinnen und Backen die Bühne. Das nächste Mal, voraussichtlich vom 14. Mai bis zum 2. Oktober 2022, wirds anders sein: Auch Hebräer, die dies wünschen, dürfen zum Friseur und sich weiterhin rasieren.

Ohne Bart kein Hipster

Weil Bartpracht, je voluminöser, die FFP-2-Masken desto mehr von der Haut abhebt, bereitet sie beim Atmen den von Viren geschwängerten Aerosolen in der Luft den Weg. Darum durchleben nicht zuletzt die Hipster unter uns schwere Zeiten. Zur Erinnerung: Das ist jene nicht mehr ganz hippe, noch nie genau definierte Gruppe unter unsern Zeitgenossen, die einst als lose community von Anpassungsverweigerern den modischen mainstream unterlief, indem sie einen eigenen, nonkonformistischen bis kauzigen lifestyle kreierte; der freilich blähte sich, weil immer mehr vor allem junge follower zügig an dem hervorgekehrten Individualismus Gefallen fanden, alsbald seinerseits zum mainstream auf. Für den, der dazugehören will, gehört der Bart dazu, gern voll und dicht. So reiht sich der Hipster nun, epidemiologisch gesehen, in die Corona-Hochrisikogruppe ein.

     Ein junger Mann, zu dem der Bart auch unbedingt gehört, beschäftigte vor fast genau fünf Jahren ein Gericht in Kairo, nicht als Beschuldigter indes – als Opfer. Ihm war, wie bei einer allzu groben kosmetischen Behandlung, der Bart abhandengekommen. Abgebrochen war, bei Räumarbeiten im Ägyptischen Museum, der lange, graue Kinnzopf von der ikonischen Goldmaske Tutanchamuns, weswegen Ende Januar 2016 acht teils hochrangigen Beteiligten an der unbeholfenen Aktion der Prozess gemacht wurde. Nach dem Missgeschick hatten sie aufs Dilettantischste versucht, dem Pharao das Bruchstück mit Kunstharz wieder anzukleben, wobei sie ihm den schimmernd-makellosen Teint zerkratzten.

     Die Herrscher des Nilreichs, meist glattrasiert, trugen solcherart Zeremonialbärte schon zu Lebzeiten, sie konnten sie nach den Feierlichkeiten wieder abnehmen; denn sie wurden den Gesichtern nur umgebunden. Aber warum überhaupt Bart? Die Antwort bleiben uns Biologen und Anthropologen bislang schuldig. Ebenso wenig vermögen sie zu begründen, warum den männlichen Bewohnern mancher Weltgegenden so gut wie keiner zu wachsen pflegt, jenen in anderen dafür umso mehr. Unter den mancherlei Theorien vermutet eine, er habe sich als Atavismus aus den halbtierischen Vorzeiten unserer Spezies erhalten: Dem Steinzeitmann sei bei klammem Klima das Gesicht mit den klappernden Zähnen nicht gar so schnell kalt geworden. Sollte dem so sein (was die meisten Experten für wenig wahrscheinlich halten), befänden sich die Frauen evolutionsbiologisch in einem schwer nachvollziehbaren Nachteil: Sie müssten frieren, weil sie an Leib und Gliedern weit weniger zum Haarwuchs neigen.

     Was bei nicht wenigen von ihnen wiederum dazu führt, dass sie gerade den Bart als Ausweis von Männlichkeit schätzen. Umfragen ergaben, dass sich die Frauen in bartstarken Regionen zwar nicht auffallend zu bärtigen Männern hingezogen fühlen. Umgekehrt aber gilt in unseren nicht allzu haarsprießenden Breiten die Manneszier bei den Damen als besonders verlockend, sofern sie nicht überhandnimmt. Im vergangenen Sommer machte der Online-Partnervermittler Parship das Ergebnis einer Erhebung bekannt: „Bloß nicht zu viel Haar im Gesicht, und bitte keine Experimente bei der Rasur!“, stand als Fazit in der Zeitschrift Men’s Health zu lesen. „Ein Dreitagebart macht Männer sexy. Keine andere Gesichtsbehaarung hat beim Attraktivitätscheck so gut abgeschnitten.“

Die Vollreife des Alphatiers

Attraktivität – und Aggressivität: Im Lauf der Kulturgeschichte standen Bärte vielfach für virile Vollreife und die Dominanzbegabung des geborenen Alphatiers. Auch soziologische Studien aus jüngster Zeit erweisen, dass gerade Jugendliche und junge Männer zwischen sechzehn und 29 Jahren vom Grad ihres Bartwuchs den Grad ihrer Maskulinität ablesen wollen; vice versa nehmen sie seine Spärlichkeit oder sein gänzliches Fehlen als peinliches Manko wahr, zumal viele Jungen der irrigen Meinung anhängen, an der Ausprägung ihrer Gesichts- und Körperbehaarung könnten Generationsgenossinnen ihre sexuelle Leistungsfähigkeit ermessen. Bart oder (noch) kein Bart: für Pubertierende ein Riesenproblem.

     Da muss es uns nicht wundern, dass der Bart unter Gottheiten, Herrschern, Helden als Accessoire lang unverzichtbar war. Tatkraft und Tapferkeit zeigte er bei ihnen an, Erhabenheit, Allmacht. Derart geprägt, suchte auch der weit weniger erlauchte, aber selbstbewusste Normalsterbliche mit Ausmaß und Stärke seines Barts einen besonderen Status mitzuteilen. Wenn in unseren Breiten Männer einst „bei ihrem Barte“ schworen, setzten sie für den Fall, als Lügner entlarvt zu werden, ihre Ehre aufs Spiel. Wer allerdings in einer haarigen Angelegenheit „um des Kaisers Bart streitet“, tut dies unter falschen Voraussetzungen: Gleichsam durch einen Hörfehler als Hintertür schlich sich das gekrönte Haupt in die Redewendung ein; ursprünglich stritt man sich wohl „um den Geißenbart“, bis der weitere Gebrauch der deutschen Floskel das zugrundeliegende lateinische Zitat verballhornte; de lana caprina rixari heißt es bei Horaz, um die Wolle von Ziegen streiten, weil im alten Rom offenbar die Meinungen darüber auseinandergingen, ob das schnöde Haar des Ziegenbarts denn auch als kostbare Wolle durchgehe – für den römischen Dichter ein läppischer Streit, über den er bissige Verse verlor. Korrekter als wir Deutschen folgt dem lateinischen Wortlaut das Englische: Dort heißt die Phrase to contend about a goat’s wool, um die Wolle einer Ziege streiten.

     Dass besonders kleingewachsene Herren gern streiten und zu auffallendem Dominanzverhalten neigen, ist weniger Klischee als anthropologische Konstante; davon, wie der Versuch misslingt, die vermeintliche physische Dürftigkeit mit einem exorbitanten Bart zu kompensieren, berichtet das Märchen von „Schneeweißchen und Rosenrot“. Darin erzählen (neben anderen) die Brüder Grimm von zwei unschuldslammfrommen Schwestern, die bei drei Gelegenheiten einem Zwerg beistehen, seiner Unverschämtheit ungeachtet. Beim Baumfällen klemmt der Wicht seinen überlangem Bart in einen Holzspalt ein, später verwickelt er ihn in eine Angelschnur, schließlich krallt sich ein Vogel darin fest. Ein ums andere Mal befreien ihn die titelgebenden Mädchen, indem sie ihm mit der Schere ein Stück des Barts abschneiden – und werden dafür von ihm schroff gescholten. Denn solche Läsion kommt seiner Entmachtung, psychoanalytisch gedeutet: seiner Entmannung gleich. Folgerichtig sieht er sich am Ende der tödlichen Tatze eines Bären wehrlos gegenüber. Eine Allegorese – sie besagt: Wer den Bart einbüßt, verliert die Kraft und muss sich unterwerfen, wenn nicht unterliegen.

Die "heilige Kümmernis" und andere Frauen mit Bart

Daran gemessen, ist dem Goldjungen Tutanchamun fast dreieinhalb Jahrtausende post mortem eine tatsächlich schimpfliche Entwürdigung widerfahren. Gut hundert Jahre älter als seine Maske ist eine Darstellung der altägyptischen Königin Hatschepsut aus dem fünfzehnten vorchristlichen Jahrhundert, die der Bedeutung des Bartes als Herrschaftssymbol paradox Nachdruck verleiht: Denn sie belegt, dass auch Herrscherinnen sich eine solche Attrappe umhängten. Viel später tingelten barttragende Frauen als Attraktion durch die Jahrmärkte unserer Städte. Auf erbliche Veranlagung, eine Tumorerkrankung oder hormonelle Anomalie kann der nur selten vorkommende Hirsutismus zurückgehen, der dafür sorgt, dass sich ein weiblicher Körper mit männlicher Langbehaarung bedeckt; nicht erst heutzutage für die Betroffenen eine äußerst unliebsame Entstellung.

     Gleichwohl konnte sie zur Ehre der Altäre führen, zumindest der Legende nach. Ums Jahr 130 soll in Portugal die junge, liebliche Wilgefortis – zu Deutsch etwa: die Willensstarke –, Tochter eines heidnischen Königs, drei qualvolle Tage lang den Marter- und Märtyrertod am Kreuz erlitten haben: Als unbescholtene Christin hatte sie die Hand eines ebenfalls ungläubigen Prinzen tapfer ausgeschlagen und, um vor seiner Begierde sicher zu sein, den Himmel angefleht, er möge ihr blühendes Aussehen vertilgen. Wunschgemäß entspross ein stattlicher, für den Brautwerber unakzeptabler Bart ihrem hübschen Gesicht. Als „heilige Kümmernis“ ging die Gestalt während der frühen Neuzeit in die Volksfrömmigkeit ein. Die Frau als Bartträgerin – Dulderin eines schrecklichen Schicksals. Der Bartträger als Frau hat es da leichter und wird unter günstigen Bedingungen womöglich als Star gefeiert: Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth entschied 2014 den European Song Contest umjubelt für sich.

     Und allerdings: Keineswegs zu jedem Mann „gehört“ ein Bart. Heutzutage verzichten in unseren Breiten viele Politiker und Unternehmer (von Hipster-artigen Start-up-Gründern abgesehen), ebenso die meisten Medienleute und Intellektuellen auf ihn. Schon in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden hielt ihn so mancher Mächtige, Reiche und Einflussreiche für entbehrlich, darauf bauend, auch ohne ihn ausreichend Geltung und Prestige auszustrahlen. Der kampfeslüsterne Makedonenkönig und Großreichsgründer Alexander, den bereits die Zeitgenossen den „Großen“ nannten, der römische Diktator und Eroberer Caesar, Napoleon Bonaparte, Europa mit Kriegen überziehend – sie alle präferierten eine ordentliche Rasur.

Barbarossa alias Rotbart

Zugleich listet die Weltgeschichte bekanntermaßen Potentaten und Rebellen, Denker und Künstler reihenweise auf, die ohne Bart unerkennbar blieben. Zu ihnen zählen viele Weisheitslehrer und erleuchtete Köpfe des alten Griechenlands, zum Beispiel Sokrates und Platon, soweit antike Porträtbüsten uns ihr Aussehen glaubhaft vermitteln. Ebenso eindrücklich behauptet der deutsche Kaiser Friedrich I., genannt „Barbarossa“, unter ihnen seine Position, von dem die Sage sagt, es hätten ihn –  nachdem er 1190 auf dem Dritten Kreuzzug im südtürkischen Fluss Saleph, dem heutigen Göksu, ertrunken war – übernatürliche Mächte nach Thüringen und dort tief ins Berginnere des Kyffhäusers versetzt; hier schläft er auf einem elfenbeinernen Thron, während sein singulärer „Rotbart“ durch die Marmorplatte eines Tisches und darum herum wächst.

     Nicht zu vergessen: zum Beispiel Charles Darwin oder Abraham Lincoln; Otto von Bismarck und Friedrich Nietzsche; der Kaiser der deutschen Reichsgründung von 1871, Wilhelm I., und sein unseliger Enkel Wilhelm II., der aus Zufriedenheit mit seinen sorgsam aufgezogenen, steilen Schnurrbartspitzen das stolze Diktum prägte: „Es ist erreicht!“; oder Albert Einstein, unvergesslich abgelichtet mit der lang herausgestreckten Zunge unterm Schnauzer; oder aus dem sozialistischen Lager Wladimir Iljitsch Lenin und Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili alias Stalin, die Revolutionäre Ernesto „Che“ Guevara und Fidel Castro … In grauen Vorzeiten könnten wir die Prominentenliste beginnen lassen und würden so bald nicht fertig mit ihr. Dabei dürften wir keinesfalls Charlie Chaplin und Adolf Hitler als Diadochen übergehen: Der britische Schauspieler und Regisseur behauptete, der nazideutsche Tyrann habe ihm sein Zahnbürstenbärtchen plagiierend abgeschaut; nach dem Kinoklassiker „Der große Diktator“, seiner satirischen Abrechnung mit der braunen und überhaupt aller Despotie, nahm er, um ein Zeichen zu setzen, das Bürstchen für immer ab.

(Teil zwei und Schluss folgen in der nächsten ho-f-Ausgabe.)




Auf die Hand? Am Tisch?

Bevor der Mensch für den komfortablen Genuss das Restaurant erfand, verköstigte er sich beim Schnellimbiss mit Speisen zum Gleichessen oder Mitnehmen. Darauf deutet auch ein Fast-Food-Lokal, das Archäologen unlängst aus den Ruinen des antiken Pompeji ausgruben.

Von Michael Thumser

26. Januar – Eine halbe Autostunde von Neapel entfernt macht seit vier Wochen ein Restaurant von sich reden. Genau genommen ist es nur ein Schnell- und (wahrscheinlich) Stehimbiss, gleichwohl zog er kurz vor Weihnachten internationales Interesse auf sich. Und das, obwohl sich hier gar keine Gäste tummeln. Ausnahmsweise liegt dies nicht am Corona-Lockdown, der zurzeit auch die Gastronomie in die Knie zwingt. Vielmehr schloss das Lokal bereits vor 1942 Jahren, gleichfalls zwangsweise: Als im Jahr 79 der Vesuv ausbrach, verbarg die verkrustende Asche aus seinem explodierenden Krater die blühende Römerstadt 25 Meter tief unter einem bewahrenden Deckel. Seit etwa 150 Jahren graben Archäologen die vielfach faszinierend konservierten Reste zunftgemäß wieder aus. Kurz vor Jahresende gingen die Bilder eines thermopoliums um die Welt, eines vollständig freigelegten Fast-Food-Restaurants, das dem heutigen Betrachter den authentischen Eindruck einer antiken Garküche vermittelt, ohne das Vorstellungsvermögen dabei über Gebühr zu strapazieren.

     Drei Mal im rechten Winkel durchquert die Theke den Raum. In ihre Oberfläche sind Löcher unterschiedlicher Größe eingelassen; offenbar wurden in die einen Amphoren eingestellt, die anderen dienten allem Anschein nach zur Aufnahme von Behältnissen für verschiedene Speisen. Auch Gegenstände fanden sich: neben etlichen Amphoren zwei kleine Flaschen aus Glas, eine Trinkschale aus Bronze, ein tönernes Kochgefäß. Vollends überwältigend stechen, wie in frischen Farben prangend, die Malereien auf den äußeren Ziegelwänden des Tresens ins Auge. Auf zitronengelbem Grund scheint gleichsam die Speisekarte der Snackbar abgebildet zu sein: Demnach konnte der Kunde mindestens zwischen Schafs- und Ziegenfleisch, Hähnchen und Ente wählen. Sogar auf weggeworfene Knochen und Essensreste stießen die Ausgräber. Indes war der gemalte Hund, der angekettet die Auslage bewacht, wohl nicht für den Verzehr vorgesehen.

     Ein thermopolium: dem buchstäblichen Wortsinn des (altgriechischen) Begriffs zufolge ein Ort, an dem Warmes verkauft wird. Hundert oder mehr solcher Schnellimbisse, die für ihre Laufkundschaft Essen auf die Hand feilboten, stehen auf den sich immer mehr ausweitenden Plänen Pompejis verzeichnet; um einen Einzelfall handelt es sich bei dem aktuellen Fund mithin nicht. Einzigartig macht ihn sein außergewöhnlicher Erhaltungszustand. Natürlich handelt es sich um eine postapokalyptische Trümmerstätte; doch hier siehts aus, als hätte sich die Katastrophe erst vor einer Woche, nicht vor knapp zweitausend Jahren zugetragen.

Man aß mit den Fingern

So weit und weiter noch reicht in Europa die Geschichte des Restaurants zurück; genau genommen die des Schnellimbisses. Denn lange bevor Erstere zu kultiviertem Schmausen einluden, machten sich Letztere in den Städten und an den Landstraßen dadurch verdient, dass sie Passanten, die keine Zeit oder keine Gelegenheit zum Kochen hatten, mit Nahrung versorgten. Statt mit Messer und Gabel nahm man die Mahlzeiten mit den Fingern, bestenfalls mit Kellen und Löffeln zu sich. Zweifel an der Güte und Verträglichkeit besonders der Fleisch- und Wurstwaren waren allerdings angebracht, wenn man den alten Quellen glaubt. Die Menschen damals nahmen das wohl oder übel hin. Denn viele, die unter teils erbärmlichen Verhältnissen scharenweise die gewaltigen Mietshäuser Roms und anderer altrömischer Städte bewohnten, verfügten in ihren winzigen Gelassen über keine Herdstelle. Sie kauften sich, was sie erschwingen konnten, im nahen thermopolium oder in einer popina, einer eher schäbigen Gaststätte, wie sie in vielen Erdgeschossen rauchten und dampften.

     Noch bedrängender stellte sich die Ernährungsfrage Kaufleuten, Meldegängern und Konsorten, die über Land unterwegs waren. Sie setzten sich nicht nur den Kapriolen und Unbilden des unzuverlässigen Wetters und der Gefahr aus, von Räuberbanden oder anderen Dunkelmännern an Leib und Leben bedroht zu werden. Nicht weniger mussten sie befürchten, mit ihrem mitgeführten Proviant am Ende zu sein, bevor sie, wer weiß nach wie langer Zeit, an einer menschlichen Behausung vorüberkamen, wo ihrem Hunger und Durst mit Speis und Trank abgeholfen werden konnte. Weil die wenigen Städte weit auseinanderlagen und die Reisenden zu Fuß und selbst mit Pferd oder Wagen nur langsam vorankamen, wendeten sie Tage, Wochen, Monate auf, um an ihr Ziel zu gelangen. Namentlich an Hauptrouten des Handels, an Wegkreuzungen, Pässen und Furten, Stapel- und Fährplätzen boten Herbergen gegen Geld zeitweilig Unterschlupf. Meist musste der Reisende mit dem einen Tagesgericht vorliebnehmen, das die Wirtsleute gerade auf dem Ofen hatten. Auch für Schlafplatz war gesorgt, den sich die Übernachtungsgäste freilich mit Ungeziefer von vielerlei Art teilten. Nicht selten wurde ihnen der Zugang zu Kammern offeriert, worin ebenso wenig reinliche Damen amouröse Dienstleistungen anboten.

     Ohne tiefgreifende Veränder- oder gar Verbesserungen blieb die gastronomische Infrastruktur im Mittelalter und in der frühen Neuzeit vielerorts gleich. Als die Zahl und Größe der Städte wuchs, nahm auch die Zahl der Märkte und Stadtfeste zu, wo fliegende Händler Snacks zum Mitnehmen verkauften. Die nur sehr allmählich sich vermehrenden Verkehrs- und Transportwege in den deutschen Ländern und bei ihren europäischen Nachbarn und auch das Pilgerwesen hätten ohne ein expandierendes Netz der Versorgungsmöglichkeiten weit weniger stark anschwellen können.

Das Essen war Nebensache

Erst nach Jahrhunderten einer meist minderen Schnell-, Bedarfs- und To go-Gastronomie formte sich in Europa die Idee des Restaurants heraus, jenes (im Fernen Osten längst omnipräsenten) Speise-Etablissements, dessen scheinbares Hauptangebot, eben die Speisen, in Wahrheit gar nicht so ins Gewicht fielen – zumindest wenn man den Recherchen Christoph Ribbats folgt. Der Amerikanist und Kulturhistoriker von der Universität Paderborn (der auch originelle Monografien etwa über Neonlicht oder Basketball publizierte) meint in seinem 2016 erschienenen Buch „Im Restaurant“, die Erfindung solch feineren Speiselokals verdanke sich weniger dem Hunger als dem neurasthenischen Schonungs- und Kommunikationsbedürfnis der vornehm und empfindlich gewordenen Bürgerinnen und Bürger im französischen achtzehnten Jahrhundert. Sie suchten jene Gaststätten auf, um sich und ihr Befinden mitzuteilen und dabei leicht genießbare und verdauliche restaurants einzunehmen: So hießen ursprünglich kräftigende Brühen und bekömmliche Suppen, von denen der Name später auf die Einrichtungen überging, in denen sie gereicht wurden.

     Wenngleich von Historikern bislang nicht verifiziert, scheint eine – auch vom Larousse Gastronomique, dem Hauptbuch für französische Küchenchefs, zitierte – Überlieferung aus dem Paris der 1760er-Jahre nicht ganz unglaubhaft: Ihr zufolge warb ein Unternehmer namens A. Boulanger im Jahr 1865 für seine Gerichte öffentlich mit den Slogan: „Boulanger débite des restaurants divins“; sinngemäß übersetzt, vertrieb er also geradezu göttliche Mittel zur Wiederherstellung oder Auffrischung des Wohlbefindens. Für das erste regelrechte Restaurant in modernem Sinn darf man wohl die Grande Taverne de Londres halten, die 1782 in der Hauptstadt des ancien régime die Tore öffnete.

À la carte

Die Französische Revolution, die sieben Jahre später in Paris losbrach, führte dazu, dass viele Köche, die bislang die missliebig gewordenen, vertriebenen oder guillotinierten Aristokraten luxuriös mit Leckereien versorgt hatten, ihre Künste fortan in öffentlichen Speisesälen einem wohlhabenden mittelständischen Publikum anboten. Und das blieb gern unter sich: Die bis dato von einer zufällig zusammengewürfelten Esserschar besetzte lange Einheitstafel mit dem Einheitsmahl wich separaten Tischchen und Tischen für Alleinspeisende, Paare oder einverständige Grüppchen. Die wählten, wonach ihnen der Sinn stand, auf einer Speisekarte aus und konnten sich, wo vorhanden, in ein Separee zurückziehen, wenn ihnen das Treiben im Saal zu bunt wurde. Dergestalt mal mehr, mal weniger im Blickfeld der Öffentlichkeit, gewöhnten sie sich stubenreine Tischmanieren an.

     In dem seit 1665 und also seit elf Generationen im Familienbesitz gehaltenen Gasthaus in Eilsbrunn bei Regensburg nehmen heute die Wirtsleute Röhrl in Anspruch, nicht bloß die älteste ohne Unterbrechung tätige Gaststätte Bayerns oder Deutschlands, sondern der Welt zu betreiben. Den Ehrentitel beurkundet nicht nur das „Guinessbuch der Rekorde“ seit 2010; erst recht beglaubigt ihn die über dem Haupteingang in römischen Ziffern vermerkte Jahreszahl MDCLXV. Viel, viel älter, nämlich unüberschaubare 45 500 Jahre alt ist die Tierdarstellung, über die vor zwei Wochen das Wissenschaftsmagazin Science Advance berichtete: Das Wildschwein, das die Bewohner einer Höhle auf Sulawesi mit rostbraunen Erdfarben lebensgroß auf eine Wand ihres Felsendomizils auftrugen, gilt von nun an als die älteste bekannte Höhlenmalerei überhaupt. Kaum denkbar, dass die Zeichnung – wie die antiken Kneipenbilder in Pompeji – darbende Wandersleute einladen sollte, sich an Ort und Stelle mit einer preiswerten Fleischmahlzeit zu stärken. Überhaupt steht dahin, wie gastfrei sich auf der indonesischen Insel die steinzeitlichen Sippen gegenüber Fremden betrugen. Höchstwahrscheinlich aber hat das Graffito mit der Jagd und wiederum doch mit dem Essen zu tun, mit behaglichem Feuer, stimulierendem Kochen und traulicher Geselligkeit.




Das Gute im Menschen

Alle Jahre wieder verwandelt sich Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ aus dem viktorianischen London in Filme oder Serien, Comics, Hörbücher oder -spiele mit und ohne Musik. Unter den einschlägigen Dichtungen der Weltliteratur ist wohl nur die Erzählung von der Geburt Jesu aus dem Lukas-Evangelium populärer.


Von Michael Thumser

24. Dezember – Jedes Medium, jede Zeit und ihr Stil hat sich diese Geschichte passend hingebogen. So ist sie mehr als nur ein Stück Literatur aus dem viktorianischen neunzehnten Jahrhundert. Zum Mythos taugt sie, also gemäß der Definition zu einer Ur-Geschichte, die sich frei macht von der Zeit und den Bedingungen ihrer Entstehung und ihrer Rezeption und Grundsätzliches berichtet vom Menschen: von seiner Erschaffung und Natur, vom Feuer in ihm oder seinen Dämonen, auch davon, was aus ihm wird, wenn er sich bewährt, siegt oder untergeht. Wenig wahrscheinlich, dass Charles Dickens jene epochenübergreifende und globale Wirkung absah, als er in den 1840er-Jahren die berühmteste seiner Weihnachtsgeschichten (denn er verfasste mehrere) ersann. Die vielleicht berühmteste überhaupt.

     Als „A Christmas Carol in Prose”, als Weihnachtslied in Prosa hat der Dichter sie komponiert und sie, trotz ungebundener Sprache, wie einen frommen Gesang in fünf „Strophen“ unterteilt. In ihnen breitet sich bei nächtlicher Kälte und Dunkelheit eine Parabel um Geiz und Geister aus, und doch intonieren die Strophen ein warmes und helles Preislied auf Gemeinsinn und Barmherzigkeit - ein Geburtstagslied aufs Christkind, das an Heiligabend mit dem Mythos um seine Geburt für den guten Glauben an das Gute im Menschen steht. Im biblischen Bericht singen himmlische Heerscharen, Hirten beten an, weise Könige machen sich auf den Weg zur Krippe nach Bethlehem: Die Welt ist heil. Ist sie natürlich nicht: Oft genug sieht sie sehr anders aus als im Evangelium und bei Charles Dickens. Gleichwohl wird, hier wie dort, nicht einfach nur ein Märchen erzählt.

     Erzählt wird bei Dickens vom empörend knickrigen Kaufmann Ebenezer Scrooge. Seit vor Jahren sein charakterverwandter Geschäftspartner Marley gestorben ist, duldet der Nimmersatt nur noch das arme Faktotum Cratchit um sich, dem er im winterlich frostigen Kontor das Leben schwer macht. Gute Wünsche weist Scrooge mit demselben Hohn zurück, mit dem er Bettler und Spendensammler abblitzen lässt. Da sucht ihn an einem Heiligen Abend Marleys Geist, mit Ketten behangen, heim und warnt: Scrooge werde es nach seinem Tod nicht anders als ihm ergehen, wenn er nicht der Gier abschwöre und auf seine Nächsten zugehe.

Geschichte einer Läuterung

Nacheinander führen ihn sodann drei „Geister der Weihnacht“ durch seine bittere Kindheit und sein nüchternes Leben, durch das weihnachtliche London und zum kargen, aber nestwarmen Christfest seines unterbezahlten Angestellten Cratchit, zu kaltschnäuzigen, hartherzigen Kapitalisten – und schließlich an sein eigenes künftiges Grab. In dem wird er liegen, ohne dass jemand ihn betrauert oder vermisst. Aber natürlich ist Dickens’ „Weihnachtslied“ die Geschichte einer Läuterung: Derart schockiert, kommt Scrooge zur Vernunft. Und mehr noch: Die Heilige Nacht, deren Feier er bislang für bloßen „Humbug“ hielt, hat ihn zum freundlichen Wohltäter um- und umgedreht.

     An milden und wilden, heiteren und horriblen, pathetischen und parodistischen Adaptionen des Stoffs herrscht kein Mangel. In etlichen Comic-Versionen gibt es ihn, speziell heuer als „aufwendig produziertes und hochkarätig besetztes Hörspiel“ des Hessischen Rundfunks („Ein Geschenk für die ganze Familie“) und als Orchesterhörspiel des Norddeutschen. Wie Meterware reiht der einschlägige Artikel des Online-Lexikons Wikipedia erst recht Dramatisierungen und Verhohnepipelungen auf, vor allem aber die schier zahllosen Kino- und Fernsehverfilmungen. Der jüngsten, über den Bezahlsender Sky empfangbaren Serien-Fassung der BBC sagt die Wochenzeitung Die Zeit nach, sie sei „ein mit Fantasy-Elementen durchsetzter und mit Schockmomenten aufgeladener Albtraum, der die kapitalistische Gier als Horror der Gegenwart inszeniert“. Wäre das für den Autor zu viel des Guten gewesen: zu viel des Bösen? Oder könnte er darin, sähe ers, doch die eigene sozialkritische Haltung wiedererkennen?

     Immerhin kannte Charles Dickens das Leben als Habenichts, wie es sein Märchen in den Familienszenen um Bob Cratchit verklärend ausbreitet, aus eigener leidvoller Vergangenheit. Zum Märchen könnte sein Leben selbst taugen: Während es in den Vereinigten Staaten Glückspilze sprichwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär brachten, gelang ihm der Weg vom halben Analphabeten zum Bestsellerautor. Doch an der Wiege war ihm dies nicht gesungen. 1812 kam er in der Nähe von Portsmouth zur Welt, wuchs aber hauptsächlich in London auf, nicht in proletarischen, sondern durchaus anheimelnden, allerdings brüchigen bürgerlichen Verhältnissen. Die Eltern gaben mehr Geld aus, als sie besaßen, wodurch sie sich und Teile der Familie ins Schuldgefängnis brachten. Der Knabe Charles schuftete, während die Seinen einsaßen, in einer Fabrik im Akkord. Die Legende besagt, er habe sich das Schreiben weitgehend selbst beigebracht, nachdem er zwölfjährig die Schule habe verlassen müssen, um als Hilfsarbeiter ein paar Pennys zu verdienen. In Wahrheit durfte er die Schulbank drücken, bis er fünfzehn war, und lernte das Schreiben immerhin so gut, dass er später einen Beruf daraus machen konnte.

In der Schule des Lebens

Die Schule des Lebens, hart und grausam, unterrichtete ihn darüber, wie die englische Metropole abseits der Nobelfassaden, im Schmutz der Elendsviertel, in den Knochenmühlen der Ausbeuterbetriebe, in der Fuselatmosphäre der Kellerkneipen aussah. Immer wieder sollte der arrivierte, schließlich glänzend verdienende Schriftsteller in seinen oft dickleibigen Romanen zurückkehren in jene Kummerquartiere der Ärmsten, die seine Fantasie gern zu höllischen Mördergruben und Räuberhöhlen ausstaffierte.

     Dass er, wie in seinen populärsten Büchern „David Copperfield“ und „Oliver Twist“, die Geschicke wehrloser, von Verwahrlosung bedrohter Kinder aufrollte, liegt in besonders schlimmen Erinnerungen an die eigene Kindheit begründet. Nie verzieh er seiner Mutter den „Verrat“, den sie an ihm beging, als sie nach der Freilassung des Vaters den begabten Filius am liebsten weiter hätte rackern lassen, für einen Hungerlohn, weil Kleinvieh ja auch Mist mache. Der lieblosen Dame scheint eine Seele von Scrooge’scher Abgründigkeit innegewohnt zu haben. Die neue BBC-Verfilmung nimmt diese Seelenwunde ernst: „Ebenezer Scrooge“, schreibt Die Zeit, erscheine darin „als ein traumatisierter Mensch, der sich gegen die Erinnerung an die Verletzungen seiner Kindheit einen Panzer aus Empathielosigkeit zugelegt hat.“ Das Trauma also teilte Dickens mit seiner Figur; nicht freilich die Konsequenz daraus.

     Dergestalt geprägt, half er, eine realistische, gesellschaftskritische Erzählkunst in Europa, zumal in England, erblühen zu lassen. Dabei blieb ihm der bierernste Naturalismus etwa eines Thomas Hardy („Tess von den d’Urbervilles“) fremd. Anders als jener jüngere – nicht minder grandiose – Kollege und Landsmann trieb er seine Geschichten mit dem Zündstoff des Humors voran und ließ sie meist in achtbare Liebe, geordnetes Glück und integren Wohlstand versöhnlich einmünden. Sein Gefühl kennt die Zähren der Zerknirschung oder der Verzweiflung ebenso wie die gezuckerten Tränen der Freude und des Friedens, wenn sich die Helden den Weg durch alle Prüfungen hindurch und über letzte Hindernisse hinweg gebahnt haben. Der Glaube an das Gute im Menschen regt sich stark, auch mal feierlich und salbungsvoll. Den edleren Teil des dickensschen Personals führt unzerstörbarer Idealismus zum Sieg.

Der rechte Weg zur Nächstenliebe

Zur Dialektik der ‚realistischen‘ Epoche, die sich zur Wirklichkeit bekennt, gehört das Vergnügen ihrer Repräsentanten am Umgang mit dem Irrationalen und Übersinnlichen. Nicht dass sie selbst an Geister und Erscheinungen geglaubt hätten; aber sie ließen sie gern auftreten und teils maßgeblich mitwirken – so wie Dickens in seinen Prosastrophen den kettenrasselnden Wiedergänger Marley und die drei „Geister der Weihnacht“. Sie machen nun freilich keine Schauernovelle aus dem Text, sondern treten bei der Rettung des von allen guten Geistern verlassenen Scrooge an den Platz, den in anderer Erbauungsliteratur erleuchtete Einsiedler oder Engel einnehmen. Den Sinn des Pfennigfuchsers lotsen die Traumwesen während der christnächtlichen Vision durchs großstädtische Kleinbürgertum auf die rechte Bahn der Nächstenliebe und der Liebenswürdigkeit, wobei sie dem Geschäftemacher lehrreich und ironisch die artige Zufriedenheit der Mittellosen als Spiegel vorhalten.

     „Ich habe mich bemüht“ – so rechtfertigte der Autor sein am 19. Dezember 1843 erschienenes „kleines Geisterbuch“ - „den Geist einer Idee heraufzubeschwören. Möge dieser Geist freundlich walten und niemand den Wunsch hegen, ihn auszutreiben.“ Unter den turmhohen Stapeln von Weihnachtsgeschichten der Kinder- und Gebrauchs-, Unterhaltungs- und Weltliteratur blieb es der dickensschen vorbehalten, weltweit beinah so bekannt zu werden wie die fast zweitausend Jahre alte im Lukas-Evangelium des Neuen Testaments. Von Erlösung handeln beide. Unter diesem Ziel führt Charles Dickens in seiner unverwüstlichen, weil mythischen Mär sie alle zusammen: den geheilten Geizhals Scrooge, Jesus in seiner strohgepolsterten und doch christfestlichen Krippe und jeden Leser, jede Leserin, der oder die glaubt, durch jenen biblischen Unschuldsknaben befreit, verwandelt, selig zu werden - jeder von ihnen ein Mensch wie neugeboren.




Gekonnt war das schon, einfach so auf die Knie

In der Geschichte fehlt es nicht an symbolstarken Gesten bedeutender Persönlichkeiten. Doch sehen die wenigsten so schlicht und ergreifend aus wie Willy Brandts Kniefall in Warschau vor fünfzig Jahren: ein Inbild deutscher Demut und west-östlicher Versöhnungsbereitschaft.

Von Michael Thumser

5. Dezember – An den Kriegsführer Alexander, den man den „Großen“ nennt, reicht so leicht keiner heran: Hochmütig durchschlug der Makedonenkönig den unlösbaren Gordischen Knoten kurzerhand mit dem Schwert und illustrierte so seinen Anspruch, als Beherrscher der Welt unsterblich zu werden. Eine Tat von unerreichbarer Symbolkraft. Etliche welthistorische Epochen später, am Montag vor fünfzig Jahren, sank während eines Staatsbesuchs in Polen Bundeskanzler Willy Brandt auf den regennassen Boden vor dem Denkmal für die Naziopfer des Aufstands in Warschaus jüdischem Ghetto 1943 auf die Knie – auch die Strahlkraft dieses Schuldbekenntnisses bewegte die Welt.

     An großen Gesten der Geschichte herrscht kein Mangel. Jede Krönung eines mittelalterlichen deutschen Kaisers durch den Papst war eine, zum Ritual erhoben, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Macht zu demonstrieren. Wer sich als Monarch später nicht geschickt genug dagegen auflehnte, musste sich am Ende doch dem Stuhl Petri unterwerfen, so wie es 1077 der gebannte Heinrich IV. durch seinen seither sprichwörtlichen Bußgang nach Canossa tat, wo er tagelang, frierend im Schnee vor dem Burgtor, Verzeihung von Gregor VII. erheischte. Am 16. Januar 1969 brannte sich der freiwillig in Flammen stehende tschechische Student Jan Palach als lebende Fackel der Freiheit ins Bildgedächtnis der Völker ein. Küsse einer bis dato ungekannten deutsch-französischen Freundschaft tauschten fast auf den Tag zwei Jahre später Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Paris. Ein Zeichen, an das sich Helmut Kohl und François Mitterand am 22. September 1984 auf dem Soldatenfriedhof von Verdun anschlossen: Sichtbar in Trauer vereint, hielten sie sich an den Händen.

Signale für die Öffentlichkeit

Solch große Gesten sind Bilder: Narrative, die ikonisch werden. Große Gesten der Geschichten sind augenfällige Aktionen, von bedeutenden Persönlichkeiten unternommen, um der Öffentlichkeit ein Signal zu geben. Sogar Gesten, die unterbleiben, vermögen das: Im März dieses Jahres frisch zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählt, verweigerte Bodo Ramelow von der Linken dem zur Gratulation angetretenen AfD-Politiker Björn Höcke den Handschlag; damit drückte er mehr aus als in seiner Parlamentsrede danach.

     Einprägen sollen sich die Signale; lange müssen sie darum nicht dauern, schon gar nicht, seit Pressefotografen immer und überall bereitstehen und nur darauf warten, sie abzulichten. Manchmal, selten, verdanken sich derlei zeitgeschichtliche Ikonen dem Zufall oder einem Augenblicksentschluss – wie der berühmte „Sprung in die Freiheit“ des NVA-Unteroffiziers Conrad Schumann am 15. August 1961 über eine der Stacheldraht-Rollen hinweg, die Berlin für den Mauerbau in zwei Teile zerschnitt. Meist indes steht gründliche Überlegung, wenn nicht wohlerwogene Inszenierung hinter den bildkräftigen Großmomenten. Wie verhielt es sich am 7. Dezember 1970 in Warschau? Zwar nahm der kniende Kanzler nicht namens der Bundesdeutschen die Schuld an den Nazi-Verbrechen auf sich, bekannte sich aber eindeutig zu ihrer Verantwortung dafür, dass jene Schuld umfassend aufgedeckt werde. Hatte Willy Brandt das schon lang so geplant? Oder entschloss er sich spontan dazu? Die Überraschung war jedenfalls allgemein, auch wenn sie, auf den berühmten Fotos, den Gesichtern der Umstehenden nicht abzulesen ist (eine Dame, mit strengen Gesicht, scheint sich gar pikiert abzuwenden.) Manche fragten verständnislos und bang: „Ist der Kanzler gestürzt?“

     Zuvor hatte er sich als Staatsmann doppelt bewährt: als kompromissloser Verächter des Nationalsozialismus ebenso wie als Gegner eines autoritären, imperialistischen Sozialismus sowjetischer Prägung; doppelt zugleich durch pragmatische Tatkraft wie durch den Mut zur Vision. Mit seinem Warschauer Kniefall bewies er der Weltöffentlichkeit, dass (West-)Deutschland bereit war, sich mit den vom „Dritten Reich“ heimgesuchten und unterdrückten Nachbarn auszusöhnen und dessen böse Geschichte erschöpfend aufzuarbeiten.

     Günter Grass, als stets politisch denkender Schriftsteller Gefolgsmann, auch Parteimitglied der SPD, obendrein eine Zeit lang Verfasser brandtscher Ansprachen, würdigte die Taten des Staatsmanns als epochemachende Schritte einer Neuorientierung deutscher Europa- und Weltpolitik. „Bewundernswert ist“, staunte Grass noch 2013, zwei Jahre vor seinem Tod, in einem Interview „dass Brandt den Mut hatte, ‚mehr Demokratie zu wagen‘ “, und dass er „uns Deutschen einen Weg wies, wie man aus einer verfahrenen Situation wie dem Mauerbau mit einer ‚Politik der kleinen Schritte‘ Fortschritte machen kann“, nicht durch einen Ad-hoc-Coup, sondern durch das „dauernde Gespräch mit der kommunistischen Seite“.

Mehr Bewegungsfreiheit zwischen Ost und West

Aus dieser Perspektive lässt sich Brandts Kniefall kaum mehr als kniefällige Bittstellerei deuten. Gleichwohl warfen ihm in Deutschland revisionistische Oppositions- und Vertriebenenpolitiker, dazu ein notorisch rückwärtsgewandter Teil der Medien vor, die Würde der Nation verraten zu haben. Weit stärker wuchs freilich die Zahl derer, die sein Auftreten in Polen so wie Grass als Signal des Aufbruchs verstanden. Und wirklich mündete die „Politik der kleinen Schritte“ Richtung Osten in große Ergebnisse: Den Anschluss an den Westen hatte die damals neue Bundesrepublik Konrad Adenauer zu verdanken; auf dieser Grundlage erprobte Willy Brandt mit der Gegenseite in der anderen Himmelsrichtung eine Ostpolitik der Entspannung und Normalisierung. Auf dem Kontinent, den der Kalte Krieg zusammen mit weiten Teilen der übrigen Welt zerrissen hatte, entstand Bewegungsfreiheit. 1971 erhielt Brandt für die im Vorjahr abgeschlossenen (ersten) Ostverträge den Friedensnobelpreis – und war damit nach Gustav Stresemann 1926, (dem oft vergessenen) Ludwig Quidde 1927 und Carl von Ossietzky 1936 seit Langem der erste Deutsche, dem diese höchste politische Ehrung auf Erden zuteilwurde. Als noch größere Belohnung empfand er womöglich, dass er erleben durfte, wie „zusammenwächst, was zusammengehört“: Mit dem Fall der Berliner Mauer, deren Errichtung er als Regierender Bürgermeister hatte hilflos dulden müssen, und der Wiedervereinigung der beiden Deutschländer vollendeten die Jahre 1989 und 1990 sein Werk.

     Auch zu literarischen Ehren gelangte Brandts Warschauer Bekenntnis-Akt – in einem Buch von Günter Grass; von wem auch sonst? Der Literaturnobelpreisträger ließ, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, „Mein Jahrhundert“ Revue passieren, indem er jedem Jahr zwischen 1900 und 1999 eine kleine Skizze widmete. Unter der Jahreszahl „1970“ kommt ein (fiktiver) Schreiberling zu Wort, vielleicht ein Reporter der Springer-Presse, jedenfalls einer mit borniert reaktionären Einstellungen. Schnoddrig berichtet er, wie er zusammen mit etlichen anderen Medienleuten den Bundeskanzler nach Polen begleitet, sich am 7. Dezember am Warschauer Ehrenmal einfindet und dort, bei „Sauwetter“, eine unerhörte „Extratour“ verfolgt: Der Kanzler „kniete für Deutschland! Direkt auf den nassen Granit, aus den Kniekehlen raus, geht er runter, macht ein Karfreitagsgesicht, wartet das Klicken der Fotografenmeute ab und kommt dann mit einem Ruck hoch, als hätt er das trainiert.“ Für einen ausgebufften Journalisten, keine Frage, „als Aufmacher ein Knüller“. Zwar sieht der Federfuchser bedenkliche Folgen kommen: „Na, der wird sich wundern, wenn er nach Hause kommt. Zerfetzen werden sie ihn [für den] schmählichen Verzicht auf urdeutsches Land.“ Immerhin: „Gekonnt war das schon, einfach so auf die Knie.“ Und, ja: „Fein ausgeklügelt war das“ von dem Kniefälligen, das muss ihm der Zeitungsfritze zugestehen: „Von wegen plötzlich.“ Immerhin ging es darum, einen der Gordischen Knoten des Ostwest-Konflikts zu lösen.

„Unter der Last der jüngsten deutschen Geschichte“

Brandt selbst trat allen Vermutungen entgegen, er habe die historische Tragweite der Geste zuvor austüftelnd berechnet. Vielmehr sei er einer inneren Notwendigkeit gefolgt, die der Moment ihm auferlegt habe: „Unter der Last der jüngsten deutschen Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen. So gedachte ich der Millionen Ermordeten.“ Dass die Bilder aus den Apparaten der „Fotografenmeute“ sogleich um den Globus rauschen würden, muss er abgesehen haben.

     Sie wurden, ungezählt, zu Kopien der europapolitischen Vision des Willy Brandt. Jedes der Fotos widerlegt das kaltschnäuzige Diktum seines nicht minder pragmatischen Amtsnachfolgers und Parteigefährten Helmut Schmidt, dass, „wer Visionen hat, zum Arzt gehen“ solle. Eine halbe Minute lang reglos, stumm, gesenkten Hauptes kniend, wuchs der Regierungschef zu einem buchstäblich schlichten und ergreifenden Sinnbild von unüberbietbarer Beredsamkeit auf: nicht durch Worte – sondern durch eine Geste; nicht durch Gebärden – sondern durch eine Haltung. Oder eigentlich: durch den Verzicht auf Haltung. Indem er sich den aufrechten Gang versagte, erwies sich seine Aufrichtigkeit ganz.




Auf alten Pferden lernt
man reiten

Vier Rösser und ein Wagen – mehr braucht es nicht für einen Mythos und ein Nationaldenkmal. Eine Quadriga gibt es zum Beispiel, aber keineswegs nur in Berlin, dort sogar bald doppelt.

Von Michael Thumser

14. November– Die berühmteste Verfolgungsjagd der Kinogeschichte kommt, natürlich, in einem amerikanischen Film vor. Nicht aber in „French Connection“ oder einem Streifen der „Fast & Furious“-Reihe; auch führt sie nicht Karosserien zerscheppernd durch die City einer US-Metropole. Vielmehr reißt sie im ersten Jahrhundert nach Christus 200 000 Schaulustige in Roms Circus maximus von den Sitzen und lässt, als spektakulärer Höhepunkt in William Wylers „Ben Hur“-Verfilmung, seit 61 Jahren scharenweise die Freunde von Sandalenfilmen fiebern. Mit einem nicht nur für 1959 ungeheueren Aufwand gipfelt in dem sagenhaften Rennen die Todfeindschaft zwischen dem judäischer Aristokratie entstammenden Titelhelden aus Jerusalem und seinem einstigen Intimus, dem römischen Tribun Messala. Der Endkampf wird in Wagen ausgetragen, die jeweils von vier nebeneinander laufenden, siegesdurstigen Pferden gezogen werden. Zwar bedient sich Messala unlauterer Hilfsmittel – an den Rädern seines Gefährts „griechischer“ Bauart sind lange Fräseisen befestigt, mit denen er beim absichtlichen Kontakt mit anderen Fahrzeugen deren Räder zerspreißelt –; aber gegen Ben Hur, der mit der Tugend, dem Menschenrecht und seinem Gott im Bund steht, hat der Trickser keine Chance. Aufs Furchtbarste verunglückt der perfide Römer: Im Sand des sechshundert Meter langen, 140 Meter breiten Rundparcours von den nachfolgenden Pferden und Vehikeln krachend zerstampft und überrollt, gibt er den Geist als bluttriefender Fleischklumpen auf. Kein schöner Anblick.

     Aber die Gespanne mit den prachtvollen Tieren davor, die sind einer. Quadriga heißt solch motorloses Kraftfahrzeug mit vier Pferdestärken: Stehend auf dem Wagen posiert der kühne Lenker – oder die Lenkerin – und gebietet souverän über die Galopper wie der griechische Gott Helios oder dessen römischer Cousin, der sportlich-schöne, licht- und geistvolle Apoll, über die feurigen Rösser des rasenden Sonnenwagens. So wenig hat jenes mythische Himmelsfahrzeug und mit ihm sein irdischer Abkömmling, das breite Viergespann, an ästhetischem Reiz und wuchtigem Effekt verloren, dass Ben Hur, sein Wagenrennen und Triumph 2009 in London in einer monumentalen Liveshow Auferstehung feierten; die Hamburger Premiere bejubelten später 8000 Neugierige.

     Freilich ist die Quadriga schlechthin, zumindest die der Deutschen, nicht an der Elbe, sondern an der Spree zu finden; und es soll sie demnächst sogar doppelt geben. Die eine krönt in Berlin, als Skulpturengruppe aus Kupferblech, das Brandenburger Tor am Pariser Platz – weltbekanntes Wahrzeichen der Kapitale. Der anderen Ausfertigung können Besucher des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses im Regierungsviertel hoffentlich bald wieder bei ihrer Entstehung zusehen: In einer für zwei Jahre geöffneten Schauwerkstatt fügen Restauratoren das Abbild zusammen, wozu sie Gipsformen aus dem Jahr 1942 benutzen. Die waren, als Bombardements die Hauptstadt Hitlerdeutschlands immer heftiger bedrohten, sicherheitshalber vom Original abgenommen worden und dienten bereits 1957 dazu, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte Gruppe zu rekonstruieren. Zuletzt lagerte, was von den Modeln intakt oder beschädigt überdauert hat, im Landeskriminalamt. Die Rekonstruktion vor der Rekonstruktion – die Sichtung, Ordnung und Ergänzung jenes Fundus – ist denn auch eine Arbeit wie für Detektive.

Friedensbotin mit „Nachtlaterne“

Als das metallene Viergespann 1794 auf dem als „Friedenstor“ errichteten Bauwerk montiert wurde, war sie das erste seiner Art, das seit der Antike von Künstlerhand geschaffen worden war: Über den sechs Säulenpaaren und ihrem Kranzgesims, aus denen Carl Gotthard Langhans von 1788 bis 1791 das Portal komponierte, zieht das Pferde-Quartett den Streitwagen der Victoria. Nicht allerdings als Siegesgöttin, sondern als Eirene, als Friedensbringerin, kehrt sie in die Stadt ein – so wars gemeint, als Johann Gottfried Schadow, mit 29 Jahren ein Vorreiter des damals aufblühenden deutschen Klassizismus, die Großplastik konzipierte und Emanuel Jury sie aus Kupferblech trieb. Dass die siegreiche Rosselenkerin ihren Kampf bestanden hatte, demonstrierte sie für kurze Zeit mit Trophäen an der Spitze ihres Speers: gegnerische Schilde, Harnisch, Helm. Ein Jahr später wurden die Attribute – von den maulfertigen Berlinern lang genug als „Nachtlaterne“ bespöttelt – durch Lorbeerkranz und Adler ersetzt.

     Zur Allegorie der Niederlage, nämlich jener der Preußen gegen die Armee Napoleon Bonapartes, taugte die Quadriga auch, wenngleich unfreiwillig. 1806 hatte der Kaiser der Franzosen, nach seiner Selbstkrönung auf hohem Ross sitzend, die Entscheidungsschlacht bei Jena und Auerstedt gewonnen; nachdem er sich die Schlüssel des von Regent und Hof fluchtartig verlassenen Berlins hatte übergeben lassen, zog er dort durchs Brandenburger Tor ein – das er „magnifique“ fand – und befahl, die Quadriga herunterzuholen, um sie, zu welchem unbekannten Zweck auch immer, wohlverpackt an die Seine schaffen zu lassen. Fortan ragte acht Jahre lang nur mehr die Eisenstange steil und hässlich in den Himmel, die das Bildnis im Innern gehalten hatte – ein Mahnmal des Verlustes. 1814 aber hatte eine große Kriegskoalition, aufs richtige, nämlich das antifranzösische Pferd setzend, das Blatt endlich gewendet: Nun stand Paris seinerseits unter Besatzung, und Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. fand nichts Eiligeres zu tun, als die Quadriga in seine und ihre Heimat zurückzuholen.

     Mit beträchtlichem Pomp geschah dies, hatte ihr doch gerade das Verschwinden und Nichtmehrvorhandensein den Rang eines Nationaldenkmals verliehen. Unter Teppichen aus Blumen ließen Patrioten die Transportwagen verschwinden; in den Städten, die der Konvoi passierte, feierten die Menschen auf Straßen und Plätzen. In Berlin angekommen, bekam die Victoria von Karl Friedrich Schinkel, einem der Vollender des klassizistischen Stils, ein neues, dem Zeitgeist gemäßes Feldzeichen in die Rechte gedrückt: das von ihm entworfene Eiserne Kreuz, umringt von einem Kranz aus Eichenlaub, den wiederum ein Adler, gekrönt und mit gespreitetem Flügelpaar, in seinen Klauen hält. So ausgerüstet, repräsentierte die Quadriga zwar einerseits den Erfolg eines Militarismus preußischer Prägung, schloss andererseits aber auch symbolisch zur aufkeimenden deutschen Einigungsbewegung auf.

     Noch heute steht das Sieges- oder Friedenszeichen so da. Es steht – und macht vergessen, dass das Fahrzeug der Göttin in alten Zeiten als Rennwagen galt. Aus Griechenland, wo Wagenrennen seit dem Jahr 680 vor Christus als Wettkampfdisziplin auf den Sportstätten Olympias nachgewiesen sind, gelangte der noble, doch gewagte Sport auf den italischen Stiefel und ins Imperium Romanum. Um einen der nach Farben unterschiedenen Rennställe zu unterhalten, waren gewaltige Zahlungskräfte nötig: Unsummen verschlangen Zucht und Erwerb, Unterbringung und Verpflegung der Pferde, Konstruktion und Bau der zweirädrigen Wagen, der Lohn für die bei jeder Konkurrenz Leib und Leben riskierenden Lenker. Eine Sache nur für wahre Pferdenaturen: Sieben Runden in Form langgezogener Ellipsen drehten die Ben Hurs der antiken Wirklichkeit im Circus maximus, 4,2 Kilometer legten sie folglich pro Rennen zurück. Zusammenstöße bedeuteten für die möglichst leicht gebauten Fahrzeuge meist ein fatales Ende und für die Athleten, die sich die langen Enden des Zügelgewirrs um den Körper zu winden pflegten, desgleichen. Als Unfallschwerpunkte erwiesen sich naturgemäß die Spitzkehren an den Enden der Bahn, zwei Haarnadelkurven, die fast mit Höchstgeschwindigkeit durchmessenen wurden. Nur allzu oft ging das nicht gut.

Mit dem Mann kann man Pferde stehlen

Arg lang ist das schon her. Trotzdem hat ein Viergespann des Altertums, als Einziges, die Zeiten überdauert, wiederum eins aus Kupfer und obendrein mit Gold verbrämt. Eine Quadriga indes ohne Wagen: Heute als „Die Pferde von San Marco“ namhaft, entstand sie wohl im zweiten oder dritten nachchristlichen Jahrhundert und also in einer Hochzeit des römischen Kaisertums. Später verschlug es die Gruppe nach Konstantinopel, ins Zentrum der östlichen Reichshälfte, wo sie, den Vermutungen von Archäologen zufolge, womöglich als übergroßer Nippes die Pferderennbahn schmückte. Nachdem die byzantinische Weltstadt am Bosporus, sagenhaft reich und für unbezwinglich gehalten, während des vierten Kreuzzugs 1204 gefallen und zur Plünderung freigegeben worden war, ließ der venezianische Doge Enrico Dandolo die Pferde an den Lido verschiffen; von hier datiert ihre erste gesicherte urkundliche Erwähnung. Einen Ehrenplatz erhielten sie über dem Hauptportal des Markusdoms; seit 1977 ersetzen dort Kopien die Archetypen, die, von Umweltgiften bedrohlich angegriffen, durch eine veritable Rosskur restauriert und unter Dach verpflanzt wurden.

     Napoleon übrigens, offenbar ein Liebhaber des bildhauerischen Sujets und zweifellos ein Mann, mit dem man Pferde stehlen konnte, widerstand 1798 der Versuchung nicht, auch diese Quadriga zu deportieren: Bereits acht Jahre vor der Entführung der Berliner Rösser verschleppte er die byzantinisch-venezianischen nach Paris, wo sie ihm auf dem kleinen Triumphbogen im Südosten des Jardin des Tuileries besser gefielen; bis zu seinem Untergang. 1815, nach Waterloo, kehrten sie nach Italien zurück. Auch den Arc de Triomphe du Carrousel, unweit des Louvre, schmücken wie San Marco heute Nachbildungen des Urbilds.

     Überhaupt: ein gern aufgegriffenes Thema für vielerlei Variationen. Weniger prominente Quadrigen schnaubten oder schnauben mehr oder weniger kriegslüstern auf der Kuppel der Bayreuther Eremitage – wo einem seltsam gleichgültigen Apoll die Gäule in alle Richtungen durchzugehen scheinen – und in Braunschweig, sowohl in Rom wie in Wien, in Moskau und Dresden, New York oder Kopenhagen … Seit zehn Jahren reihen sich am Berliner Kurfürstendamm vier brave Bären goldfarben nebeneinander auf, von einem im Wagen stehenden „Buddy Bär“ mit segnend erhobenen Tatzen dirigiert statt gezügelt. Und die Bavaria auf Münchens Siegestor lässt sich, gleichfalls eher geruhsam, von vier Löwen ziehen, die keine Pferde scheu machen; eher tapsen die Raubkatzen als verkaterte Kater einher, wie Personifikationen von bairischer „Gmiatlichkeit“ und deren Folgen.

     Umso gründlicher räumt ein weit wilderes Reiterensemble mit aller Seelenruhe auf: Im Bild der vier Apokalyptischen Reiter erweist sich die symbolische Doppelgesichtigkeit des Pferds, das ja nicht nur für göttliche Herrlichkeit und irdische Herrschaft stehen kann, sondern gleicherweise für den Tod. Am Schluss der Bibel, im Buch der Offenbarung und dort im sechsten Kapitel, glänzt Christus als Triumphator auf einem Schimmel; der Reiter des zweiten, roten Pferds bringt den Krieg über die Menschheit, der des dritten, schwarzen Pferds Teuerung und Hunger; der letzte, auf einer „fahlen“ Mähre, ist der Sensenmann, „und die Hölle folgt ihm nach“. Schlimme Aussichten? Häufig nahmen sich Künstler des unheilvollen Vorwurfs an, als berühmtester Albrecht Dürer auf einem grausigen Holzschnitt 1511. Fast genau fünfhundert Jahre später kam das Ende für den Münchner Produzenten Franz Abraham und seine „Ben Hur Live“-Show: Zwanzig Millionen Euro hatte das Spektakel gekostet; krachend machte es 2010 Bankrott.




Er starb einfach zu spät

Vor hundert Jahren beschloss Max Bruch sein gefeiertes Komponistenleben. Inzwischen könnte er ganz vergessen sein – wären da nicht ein one-hit wonder und ein, zwei andere beständige Sachen.


Von Michael Thumser

2. Oktober – Nicht, dass der Tonsetzer zu Lebzeiten als Mauerblümchen im schalldichten Winkel vegetiert hätte. Er war nur einfach arg spät dran. Noch aus heutiger Sicht will Max Bruchs musikalischer Charakter als der eines deutschen Vollblut-Romantikers nicht recht passen zum Zeitpunkt seines Todes: Heute vor hundert Jahren starb der traditionsverbundene, schaffensstarke Komponist und Dirigent in Berlin-Friedenau, letztlich enttäuscht. 82 war er da und hatte im Alter erlebt, wie Impressionismus und Expressionismus seiner scheinbar aus der Zeit fallenden Klang- und Gefühlswelt höhnisch absagten. Um jenes Jahr 1920 war die schon lange aufdämmernde Atonalität gerade auf dem Weg zu einem Gipfel, den sie mit der Zwölftonmusik der Neuen Wiener Schule um Arnold Schönberg strengen Sinns erklomm. Da wollte Bruch nicht mit.

     Gleichwohl spielte damals - wie heute - jeder Geiger, der auf sich hielt, Bruchs Violinkonzert, und das erwartungsgemäß mit üppigstem Publikumserfolg. Bruchs erstes Violinkonzert, muss es korrekt heißen, aber dieser Gassenhauer der gehobenen Geigenliteratur wuchs zu solcher Popularität heran, dass er die zwei bis drei Schwesterwerke vergessen machte, die der Meister inzwischen danebengestellt hatte. Es heißt, er habe das g-Moll-Werk, das dem dreißigjährigen gebürtigen Kölner nach der Bremer Uraufführung 1868 lebenslang anhaltenden Ruhm bescherte, mit den Jahren mehr und mehr verabscheut, weil er kommen sah, was wirklich kam: Von jenem Geniestreich abgesehen, macht sich sein umfangreiches Œuvre in den Konzertsälen – wenn auch nicht so sehr auf dem Tonträgermarkt – weitgehend rar.

     Ein veritables one-hit wonder also. Hauptsächlich aus der Popmusik kennt man Vergleichbares: „In the Summertime“ von Ray Dorset oder „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas oder „Macarena“ von „Los del Rio“ … Und nicht minder aus der Literatur: Margaret Mitchels „Vom Winde verweht“ oder Lee Harpers „Wer die Nachtigall stört“, den „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak oder Jaroslav Hašeks „Braven Soldaten Schweijk“ …

Hilfe von außen   

Während der Arbeit an dem Konzert war Max Bruchs in jeder Bedeutung des Wortes einzigartiger Totalerfolg keineswegs absehbar. So wird berichtet, er habe es Johannes Brahms aus der Klavierpartitur hingebungsvoll vorgespielt; danach habe der um fünf Jahre ältere Kollege geäußert: „Erstklassig!“, damit aber das Notenpapier gemeint, dessen Qualität er neidisch mit den Fingerspitzen prüfte: „Wo kaufen Sie es?“

     Und stammt das Gold-Stück überhaupt von Bruch – von ihm allein? Unbestritten zeigte er sich in der technischen Behandlung der Geige, seines Lieblingsinstruments, als Soloinstrument nicht sattelfest. Während der vierjährigen Entstehungszeit konsultierte er darum mehr als einen Violin-Athleten, allen voran den damals berühmtesten, Joseph Joachim, dem Bruch sein Opus 26 denn auch widmete und der es in Bremen aus der Taufe hob. Überdies beriet Joachim ihn bei einem späteren, verwandten Werk, der „Schottischen Fantasie“, die der leidenschaftliche Walter-Scott-Leser Bruch 1880 vollendete. Einem weiteren Starvirtuosen seiner Zeit, dem Spanier Pablo de Sarasate, eignete er es zu. Auch damit ist Bruch bis heute zu hören – gelegentlich. Seine regulär gezählten Violinkonzerte zwei und drei hingegen könnten als verschollen gelten, nähmen sich nicht hin und wieder seitenwegverliebte Interpreten mit CD-Einspielungen ihrer an.

     Hat ers verdient, so abgetan zu sein? Als er starb, konnte er auf reichlich Wertschätzung und gewichtige Ehrungen zurückblicken. Zur Welt kam er am Dreikönigstag 1838, wenn nicht als Wunderkind, so doch mit früh erkennbarer musikalischer Hochbegabung. Dass sie entdeckt wurde, ist der Mutter zu danken, die sich eines bedeutenden Gesangstalents erfreute; die Fähigkeiten des 14-jährigen Frankfurter Mozart-Stipendiaten strukturiert zu entfalten, besorgten so namhafte Lehrer wie Ferdinand Hiller, Carl Reinecke und Vincenz Lachner. Nach dem in Köln uraufgeführten Opernerstling des 20-Jährigen brachte Bruch noch vor Abschluss seines Studiums in Mannheim ein zweites Bühnenwerk, „Die Loreley“, heraus; beide sind, wie ein, zwei weitere, längst aus den Musiktheatern verschwunden. In Sondershausen erklang, von ihm selbst dirigiert, im Geburtsjahr des Violinkonzerts erstmals auch seine dem mäkelnden Brahms dedizierte erste Symphonie; mit den beiden gleichfalls attraktiven Folgewerken, auch mit so mancher stilvoller Kammermusik hat sie heute gemein, schön zu klingen und unbekannt zu sein. In Liverpool, später in Breslau, diente Bruch als Orchesterleiter, zwischendurch reiste er 1883 zwei Monate lang durch die Kulturmetropolen der Vereinigten Staaten. In Berlin (wo er 1881 die Sängerin Clara Tuczek geheiratet hatte) lehrte er ab 1891 an der Akademie der Künste, als deren Vizepräsident er von 1907 an amtierte, obwohl ihn im selben Jahr ein Schlaganfall ereilte. Auch danach legte er den Stift nicht aus der Hand.

Wagner war seine Sache nicht

Geachtet war er zu seiner Zeit nicht zuletzt für seine Vokalmusik. Bruch, enthusiastischer Verehrer Felix Mendelssohn Bartholdys und Verächter der von Franz Liszt im Geiste Richard Wagners angeführten Neudeutschen Schule, eignete sich die Gattungen Lied, Chormusik und Oratorium besonders gern an; denn gerade sie boten ihm reichlich Gelegenheit, seine Vorliebe für volkstümliche Melodien, Inhalte, Stimmungen zu pflegen. Eine Volksweise hielt er für mehr wert als zweihundert Kunstlieder. Folgerichtig mit einer Kantate, „Frithjof“, gelang es ihm 1864, sich endgültig als Komponist durchzusetzen. Auch diese Sparte seines Schaffens verschwand aus den Repertoires einschlägiger Ensembles.

     Es sei denn, eines von ihnen besinnt sich darauf, wie dies in Bayreuth der dort ansässige Philharmonische Chor und die Hofer Symphoniker unter Arn Goerke, dem langjährigen Musikchef des Theaters Hof, vor gut acht Jahren taten. Damals sorgten sie fesselnd für ein abendfüllendes Comeback des „Lieds von der Glocke“, eines der sieben Oratorien, die Bruch – von einem „Moses“ abgesehen – sämtlich über weltliche Sujets schuf. Textlich gründet es auf Friedrich Schillers Langgedicht desselben Titels von 1799; es wird, der vielen darin geprägten geflügelten Worte wegen nach wie vor dauernd zitiert, wenn auch kaum mehr gelesen oder gar gelernt. Hingegen war es im neunzehnten Jahrhundert und in etlichen Jahrzehnten des zwanzigsten in aller Munde, zumal in aller Gymnasiastenmunde, sofern die armen Oberschüler der patriotischen Pflicht nachkamen, die sage und schreibe 425 Verse bis zum Ende zu memorieren.

     Ungeachtet allen Pathos und der unzähligen geschraubten Sentenzen sprechen Schillers lehrreicher Hymnus und Bruchs dramatische Vertonung für vier Solisten, Chor und großes Instrumentarium angenehm und anschaulich von „ewigen und ernsten Dingen“: Irgendwo zwischen Mendelssohns „Elias“, Wagners „Meistersingern“ und Gustav Mahlers Achter, der „Symphonie der Tausend“, siedelte Bruch Gehalt und Gestus des Oratoriums an. Zum Tönen bringt es die Glocke – sowohl Schillers neunzehn Strophen als auch das schallende Metallgefäß als solches – als sonore „Nachbarin des Donners“ wie als erlösende „Stimme von oben“. Affirmative Adaption eines fragwürdig gewordenen Poems: Den Guss einer Kirchenglocke verfolgend, sinnt das Werk bilder- und gedankenreich über das Auf und Ab des menschlichen Lebens zwischen Wiege und Grab nach, ruft zu „holdem Frieden, süßer Eintracht“ auf – und vertritt gesellschaftlich in teils heileweltlicher, teils himmelsseliger Diktion eine biederbürgerliche, wenn nicht reaktionäre Haltung. Dem Ausdrucks-, Farben-, Melodienreichtum der Musik tuts keinen Abbruch. Wenn nur „rein und voll die Stimme[n] schalle[n]“, so „schwelgt das Herz in Seligkeit“.

Ein sanftes Lied

Ein Beispiel für Bruchs Volksliedbegeisterung gibt auch die erwähnte „Schottische Fantasie“, ebenso ein von ihm als „kleines Pendant“ dazu konzipiertes Konzertstück für Cello und Orchester, „Kol Nidrei“ betitelt, das gleichfalls hilft, den Namen dieses Allerspätestromantikers lebendig zu halten. Indes lag hier wiederum die Frage nahe: Stammt es überhaupt von Bruch? Zumindest schien dies dem seinerzeit gefeierten Cellisten Heinrich Grünfeld zweifelhaft. Als der Komponist Einwände gegen Grünfelds Interpretation erhob, fertigte der ihn hochmütig mit den Worten ab: „Ich habe das ‚Kol Nidrei‘ schon gespielt, lange bevor sie es komponierten.“ Denkbar wäre das nur, falls der Künstler seinem Instrument bei irgendeiner früheren Gelegenheit die zwei originalen hebräischen Melodien entlockt hätte, die Bruch dem getragenen Adagio zugrunde legte. Der damals 42-Jährige – später gerade dieses Stückes wegen, eigener antisemitischer Anwandlungen zum Trotz, von den Nazis für einen Juden namens Baruch ausgegeben – hat die überlieferten Tonfolgen in ein sanftes Lied verwandelt, so beschwörend schwermütig wie befreiend. 1880 war das – da stand solcher Liebreiz und Wohllaut mit der Musikwelt durchaus noch in Einklang.