Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Junge Leser braucht das Land


Von Michael Thumser

10. November – Bücher, alle Bücher, selbst die besten, sind wie Menschen: Sie haben nicht nur gute Seiten. Und doch kommen viele von uns weder ohne die einen noch ohne die anderen aus. Bücher seien wie Briefe von Freunden, „nur dickere“, sagte Jean Paul, der hochfränkische Nationaldichter, der Zeit seines Lebens unglaublich viel schrieb und Berge von Schriften verschlang. In einem der meistzitierten seiner vielen wunderbaren Aphorismen lädt er uns ein, mit Büchern „wandern zu gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne“. Bis heute halten wenigstens ältere Bildungsbürger Bücher (zusammen mit CDs) für den ansehnlichsten Wandschmuck und fühlen sich dabei von einem Dichtergott ihrer Jugend – und mitunter wieder ihrer reiferen Jahre – bestätigt: Hermann Hesse fand ein Haus ohne Bücher „arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken“.

     Unter den Kulturtechniken zählt das Lesen, zusammen mit dem Schreiben, zu den grundlegenden. Davon, wie es Menschen geht, die es nicht oder unzureichend beherrschen, wissen hierzulande derzeit weit über sechs Millionen Analphabeten ein bitteres Lied zu singen. Keine Schule vermochte sie so hinreichend in das fundamentale Kommunikationsmittel Schrift einzuführen, dass sie mehr als einzelne Sätze zusammenbuchstabieren und in ihrem Sinn erfassen könnten; ebenso wenig gingen die notwendigen Impulse von Familie oder Freunden aus. Gerade aber im Elternhaus geschieht das Entscheidende: Viele von uns, die als Kinder Erwachsenen beim Lesen zusahen, wurden später selbst zu Lesern – erst recht solche, denen mit Verstand und Herz vorgelesen wurde.

Am 20. November ist „Vorlesetag“

So wie die UNESCO seit 1995 mit dem „Welttag des Buches“ am 23. April für regelmäßige Lektüre wirbt, tut es in der Bundesrepublik seit 2004 die Stiftung Lesen mit dem „Vorlesetag“ am dritten Freitag im November; der fällt heuer auf den zwanzigsten. Gut drei Wochen zuvor, Ende Oktober, kam die Stiftung mit ihrer alljährlichen Vorlesestudie heraus, mit der sie, der Verlag der Zeit und die Deutsche-Bahn-Stiftung das Münchner Institut Iconkids & Youth beauftragt hatten. Auskunft gaben 358 Mütter und 170 Väter von Kindern zwischen einem und sechs Jahren.

     In der so gewonnenen Statistik steht, wie könnte es anders sein, gleichzeitig Befriedigendes und Bedenkliches zu lesen. Zum Beispiel: Fast ein Drittel (32 Prozent) der Eltern  nimmt selten oder nie ein Buch zur Hand, um dem Nachwuchs daraus vorzulesen oder ihm die zu den Bildern passende Geschichte zu erzählen. Immerhin besagt dies, dass die deutliche Mehrheit von zwei Dritteln dergleichen zu tun pflegt, wie in den vergangenen Jahren auch. Die Hälfte derer, die es bleiben lassen, nannte als Grund, Beruf und Haushalt ließen für derlei Beschäftigungen keine Kraft; dafür mag man ein gewisses Verständnis aufbringen: „Es wäre gut“, räsonierte schon Arthur Schopenhauer, „Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.“ Und die andere, weniger erschöpfte Hälfte? In ihrem Lager reden sich viele Eltern damit heraus, sie verstünden nicht gut vorzulesen, oder es sei ihnen unangenehm oder bereite ihnen keine Freude, oder sie hielten es für wenig wichtig oder, mit Verweis auf die modernen Medien, sogar für veraltet, oder ihr Kind sei zu unruhig, um aufzupassen, oder wolle gar nicht vorgelesen bekommen oder sei noch zu jung dafür oder schlafe längst, wenn Mama oder Papa Zeit dafür fänden … Bezeichnend fällt zweierlei ins Gewicht: Zum einen berichten 21 Prozent der befragten Erwachsenen, ihnen selbst sei in der Kindheit auch nicht vorgelesen worden; zum andern geben fünfzehn Prozent zu, dafür einfach nicht gut genug lesen zu können. Unter solchen Vorzeichen wachsen keine Bücherwürmer heran. In 68 Prozent der Familien besitzen die Kinder denn auch nur zehn Bücher oder weniger.

     Vielfach versteckten sich die Befragten hinter der irrigen Annahme, Vorlesen empfehle sich nur für die Kleinsten und nur, solange sie die Kita besuchten. Tatsächlich bereitet es dort die wie Schwämme saugstarken Gehirne spielerisch-unterhaltsam auf die Schule vor. Zugleich aber und in vielen weiteren Jahren schafft und festigt es Zusammenhalt in der Familie und zwischen den Generationen. Dabei führt es eine über viele Jahrhunderte gepflegte weitere Kulturtechnik fort, eine aus den vielen und langen Epochen, in denen kein Kino, Fernsehen und Radio, weder Videospiele noch Streaming-Plattformen zeitvertreibend zur Verfügung standen.:Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war (mit Goethes Worten) „zu Genuss und Belebung oder zur Erkenntnis und Belehrung“ das vorgelesene Buch das Mittel der Wahl, zumal am Abend. Egal ob schlichtere Gemüter zu Geschichten aus Kalendern oder Almanachen griffen oder vornehme Herrschaften einen Band aus den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon aufschlugen – einer oder eine aus dem Familien- und Freundeskreis trug daraus vor, während die anderen handwerkten oder den Haushalt besorgten, spannen oder stickten … Oder einfach nur lauschten.

Die Ohren offenhalten

Wie gründlich das schiefgehen kann, ist in einer herrlichen Szene aus Wolfgang Staudtes Film „Rosen für den Staatsanwalt“ zu besichtigen: Da greift Martin Held als titelgebender Ex-Nazijurist erst zu Fichtes „Reden an die deutsche Nation“, dann doch lieber zu einem Band von Matthias Claudius, um den zu Andacht verdonnerten Seinen Vaterländisches vorzudeklamieren, wofür er den harschen Ton des Wehrmachtsoffiziers für angemessen hält: „Därrr – Monnt --- ist – aufffgegangen.“ Vergnüglich bezieht sich die Satire, unbeschadet ihrer entlarvenden Schärfe, auf eine dritte geistvolle Kulturtechnik neben dem Umgang mit der Schrift und dem Vorlesen: auf jene, in aller Ruhe die Ohren offenzuhalten. Mal mehr, mal weniger wird sie gepflegt; weniger zum Beispiel, wenn US-Präsidentschaftskandidaten bei würdelosen Wortschlammschlachten vor einem Zigmillionenpublikum einander mit wüsten Zwischenrufen in die Parade fahren; weniger auch in manchen der täglichen Fernsehtalkshows. Umso mehr bewährt sich jene Tugend, wenn etwa während eines Rezitationsabends ein Sprechkünstler für stilvolle Prosa oder Poesie menschlichen Atem, Seele und Bedeutung findet; eine (leider) aus der Zeit gefallene Kunstform, zugegeben. Durchaus ähnliche, moderne Medien verbaler Präsentation boomen hingegen unaufhörlich: das Hörbuch, ob es nun den jüngsten Fitzeck-Thriller oder einen Fontane-Roman zur Sprache bringt; auch der Audio-Podcast; auch das sich ausbreitende Angebot vieler Zeitungen und Zeitschriften, sich Artikel online vorlesen zu lassen. Das besorgen zwar maschinelle Stimmen, die aber zusehends humaner und seriöser klingen.

     Am besten freilich, wir betreiben das Vorlesen aus eigenem Antrieb und in eigener Regie, ist es doch beides: fürsorgliche Zuwendung an andere und zugleich erhellende Beschäftigung mit uns selbst; beides: eine Schule des Lesens und eine des Hörens.




Entwürdigender Nervenkitzel


Von Michael Thumser

8. Oktober – Seit Howard Carter 1922 das Grab Tutanchamuns geöffnet und die staunende zivilisierte Welt in einen altägyptischen Exotismus-Rausch versetzt hat, hoffen Archäologen im Land am Nil auf einen neuerlichen Triumph von solcher Größenordnung. Allerdings hängt die Latte arg hoch: Die letzte Ruhestätte des Pharaos, der 1323 vor Christus mit nur neunzehn Jahren – womöglich durch Mord – zu Tode kam, hatte der Brite unberührt vorgefunden, weil sich Grabräuber nie über den Schatz aus erlesenen Gebrauchsgütern und Kunstwerken hergemacht hatten. Gelohnt hätte es sich, denn vieles davon glänzt von lauter Gold, so wie die Totenmaske, die, längst ikonisch, wohl jeder von uns sogleich vorm inneren Auge sieht.

     Trotzdem berichten uns Ausgräber ab und an von Funden, die als Sensation gelten dürfen. So kamen im vergangenen Jahr in Luxor, im Süden des Landes, dreißig Mumien zum Vorschein, in hölzernen Totentruhen, die seit über dreitausend Jahren unbehelligt im Dunkeln lagerten und darum noch heute ihre reichhaltige Ornamentik in unverblichenen, wie jüngst aufgetragenen Farben entfalten. Ebenso wirken die Kolorierungen an den 59 Särgen, auf die Forscher vor wenigen Tagen in der südlich von Kairo gelegenen Totenstadt Sakkara stießen, frisch wie von gestern, und auch die Leichen der Priester und Würdenträger in den Behältnissen, so sagte einer der Experten, sähen aus, „als wären sie erst am Vortag mumifiziert worden“. Dabei lagen sie etwa 2600 Jahre im Verborgenen.

     Schreit das nicht geradezu danach, auch diese sterblichen Überreste öffentlich vorzuzeigen – so wie das seit Jahrhunderten und erst recht in der jüngeren Vergangenheit gang und gäbe ist? Den Wissenschaftlern und Sammlungskuratoren dürfen wir zugutehalten. dass sie achtenswert ihrem berufsspezifischen Drang nach Erkenntnis, Dokumentation und Präsentation folgen wollen. Gleichzeitig aber nennen wir Grabräuber, die eine letzte Ruhestätte ausräumen, angewidert Leichenfledderer. Nachvollziehbar herrscht breites Interesse gerade an ihren Fund- oder Beutestücken – weil die, ungewohnt anschaulich, mindestens so sehr als historische Objekte faszinieren wie als Projektionsflächen für unseren wohligen Grusel. Um so zu empfinden, müssen wir nicht als geile Schaulustige geboren sein.

     Gleichwohl sollte sich uns die Frage aufdrängen, warum wir im Fall der toten alten Ägypterinnen und Ägypter erlauben, was wir bei eigenen Angehörigen oder gar uns selbst für strafbar hielten. Auch heute scheuen sich viele von uns, Tod und Transzendenz kaltschnäuzig für zwei Schuhe zu halten, die kein Paar ergeben. Das aber sollte uns lehren, dass auch jene Verstorbenen unsere Achtung verdienen, die von den Ihren, egal vor wieviel Jahrhunderten, nach für heilig erachteten Ritualen beigesetzt wurden. Haben wir wirklich das Recht, die religiösen Bestattungs-Zeremonien des Nilreichs als Aberglauben zu geringzuachten? Sind die Annahmen unserer neuzeitlichen Naturwissenschaften über den Tod, sind althergebrachte christliche Glaubensinhalte und das mögliche Danach der komplexen Vorstellungswelt vergangener Hochkulturen wirklich haushoch überlegen?

     Nun ließe sich einwenden, die Zeitläufte hätten zwischen uns und jenen Toten – oder dem als „Ötzi“ in aller Munde und vor aller Augen geratenen Steinzeitmann aus dem Tisenjoch – einen Abstand geschaffen, weit genug, um sie wie entmenschte Artefakte erscheinen zu lassen. Wäre dem indes so, dürften wir wohl auch Regenten oder Päpste etwa des Mittelalters um den zeitlichen Teil ihrer ewigen Ruhe bringen und aller Welt vorführen.

     Sofern Mumien, ans Tageslicht befördert, der Gelehrsamkeit dienen können, sollen Forscher Hand an sie legen – mit seriösen Absichten und behutsamen Methoden, respektvoll und unter Ausschluss einer gierigen Öffentlichkeit. In Museen und Ausstellungen aber oder gar als kitschdramatisch inszenierte „Plastinate“ des „Doktor Tod“ Gunther von Hagens zur Schau gestellt, geraten sie ohne eigenes Zutun in den schmählichen Ruch, unsere sogenannten niederen Instinkte aufreizen zu sollen. Dann rückt die verständliche Neugier massenhaft strömender Betrachter allzu nah an Vorwitz und Voyeurismus, Schnüffelei und Nekrophilie heran. Die Würde des Todes zu wahren, gebietet unserer aufgeklärten Zivilisation das Wunder des Lebens, auch beim Blick in jahrtausendealte Vergangenheit. Ein Museum, erst recht eine Grabkammer ist keine Geisterbahn.