Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Das Blut ist dünner,
aber es pulst

Die Hofer Symphoniker als Streicherensemble und Bläsernonett: Vor wohlweislich verkleinertem Instrumentarium agiert ARD-Preisträger Alexej Gorlatch am Flügel mit gehalt-, doch maßvollen Leidenschaften.

Von Michael Thumser

Hof, 16. und 17. Oktober – Ein Konzert mit Soloinstrument plus Symphonie – wörtlich: Wettstreit plus Zusammenklang –: Das ist, grob gesagt, das Standardprogramm eines Klassikabends mit Orchestermusik. Nun haben (Zyniker werden spotten: Corona sei Dank) die Hofer Symphoniker das Format neu erfunden: indem sie, notgedrungen und nutzbringend, eine kräftige Note Kammermusik hineinmischten. Am Freitag und am Samstag erklang zwar ein ausgewachsenes Klavierkonzert, jedoch beschränkt begleitet von einem überschaubaren Streicherensemble; und die Holz- und Blechbläser beschieden sich zuvor mit einem Nonett. Zum Hörgenuss taugte beides, schon darum, weil Dirigent Elias Grandy mit einfühlsamer Feinarbeit und jugendfrischen Antriebskräften nicht hinterm Berg hielt.

     Das Klavierkonzert: der Zählung nach das zweite, der Entstehungszeit nach das erste von Frédéric Chopin. Als erst 19-Jähriger schuf es der polnische Tastengott, doch schon mit ausgereiftem Schönheitssinn und enormem pianistischem Elan. Viel hat der Tonsetzer nicht für Orchester komponiert, weshalb manche Experten seine angeblich einfallslose Instrumentation monieren. Indes straft der Abend im Festsaal der Hofer Freiheitshalle die Kritikaster Lügen. Denn hier, wo (im Arrangement von Ilan Rogoff) die Bläser fehlen, wird offenkundig, wie unentbehrlich sie sind. Leidenschaftlich lässt Elias Grandy die Streicher die Einleitung intonieren und kann doch nicht verhindern, dass der Orchesterpart jetzt und fürderhin recht dünnblütig klingt, nicht ausgezehrt, doch zwangsläufig abgemagert, flau mitunter.

     Dem setzt Alexej Gorlatch darum einen passgenauen, weil aufmerksam abgemessenen Klavierton entgegen – er fügt ihn konzertierend, mit- oder widerstreitend, hinzu. Passioniert, auch sanftmütig verzögernd nimmt sich der 32-jährige deutsche, in Minsk geborene ARD-Preisträger der Themen an. Dabei gelingt es ihm, mit seinem präzisen und sonoren, zugleich kultivierten Anschlag an Koloristik nachzuarbeiten, was das Instrumentarium nur unvollständig leisten kann.

     Es ist, als verwandelte sich mit dem manipulierten Ensembleklang die Persönlichkeit der Klavierstimme auch: Tritt sie aus dem Kollektiv heraus – wie im finalen Vivace mit dem wirbelnden Gleichmaß trotzigen Schwungs, der immer wieder zerreißen und in Stücke gehen will –, so scheinen die Finger des Solisten den Symphonikern beinah davonzusausen. In fliegender Leichtigkeit absolvieren sie Tonkaskaden, Laufgirlanden, Akkord-Arabesken. Davor aber breitet Gorlatch das begehrliche Schmachten des Larghettos wie ein Liebeslied für eine vergötterte Dulzinea über das sparsame Streicher-Gewebe, nicht einfach in gebotener Zärtlichkeit, sondern geradezu anbetend, flehentlich; bis er sich selbst mit barschen Unisono-Gängen seiner beiden – unfehlbar griffsicheren– Hände aus der Inbrunst herausreißt. So vermag er der bestrickenden Romanze die gefährlichsten Zuckerspitzen abzubrechen, was ihm und den Symphonikern erst recht mit dem Schluss des Satzes anrührend gelingt, der im Unhörbaren vergeht.

Tatendrang und Drahtigkeit

Da scheinen die neun Interpreten von Charles Gounods „Petite Symphonie“ vergleichsweise zwanglos ans Werk gehen zu dürfen. Nie hemdsärmelig, doch humoristisch, weder gedankenlos noch gedankenschwer, dafür hell belebt und aufgeweckt charmant spüren die Flötistin Birgitta Kurbjuhn, die Damen Kern und Dietz mit ihren Klarinetten sowie die Herren Huljev und Masaoka (Fagotte), Redfearn und Korck (Hörner), Perretta und Kondakov (Oboen) den feineren wie den frecheren Wesenszügen des superben Werkes nach. Inspirieren ließ sich der französische Romantiker Gounod 1885 von vergleichbaren Spielmusiken namentlich des deutschen und Wiener Klassizismus. Ob den Einklang eines Nonetts wirklich erst ein Dirigent garantiert, mag dahingestellt bleiben; immerhin passt das Stück in seinem gespannten Tatendrang trefflich zur distinguierten Drahtigkeit des Dirigenten – und umgekehrt. Den beflügelnden Zeichen Elias Grandys folgen die Musikerinnen und Musiker von Anfang bis Ende mit bunt aufgefächerten Farben und energischen Pulsen.

     Nach der getragenen Introduktion schlagen sie im Kopfsatz die Grundstimmung des vierteiligen Ganzen an, eine vitale Pfiffigkeit, nicht spaßig burlesk, sondern elegant vermittelt durch die Fülle spritzigen Esprits. Das Andante gewährt der Flöte Kurbjuhns fünf Minuten, um sich schlicht und edel zu einer Solo-Arie aufzuschwingen. Umso druckvoller wird dafür im Scherzo ins Horn gestoßen, bevor im Trio die in sich verschlungenen, doch geordneten Stimmen rhythmisch rüstig einander zum folkloristischen Tanz bitten. Im Finale könnte die gewitzte Gutlaune der Künstlerinnen und Künstler tatsächlich in Leichtsinn umschlagen, beharrten sie nicht bis zum Schluss auf Schliff, Geschmeidig- und Genauigkeit.

     Derlei brillante Bläserstücke anregend-gefälligen Charakters nennt man auch Harmoniemusik; ein treffender Begriff. Nimmt man ihn wörtlich, bedeutet er: Tonkunst der Einmütigkeit.

Drittes Symphoniekonzert des Orchesters in Hof: am 13. und 14. November, jeweils um 19.30 Uhr, im Festsaal der Freiheitshalle (Mozart, Bruckner; Dirigent und am Klavier: Christian Zacharias).
Zur Veranstaltung im Netz: hier lang.




Lieder aus dem Labyrinth

Die Luisenburg-Festspiele mussten heuer ausfallen. Aber ein bisschen Luisenburg gibt es in Wunsiedel doch: Intendantin Birgit Simmler stellt in der Fichtelgebirgshalle das für 2021 geplante Musical „Der Name der Rose“, seine Schöpfer und sieben Nummern daraus vor.


Von Michael Thumser

Wunsiedel, 11. Oktober – Kaiser kontra Papst, allerhöchste Politik, das halbe Mittelalter und ganz Europa überschattend; Spiritualität, um Seelen in Demut zu erleuchten; die brutalen Taten eines Serienmörders; jugendliche Liebe und verbotene Lüste unter Mönchen; eine Klosterordnung, die das Lachen untersagt; ein Geheimnis hinter den Burgmauern einer Bibliothek … Da hat sich Birgit Simmler eine Menge aufgeladen: Wenn das Corona-Virus einverstanden ist, will die Intendantin das Musical „Der Name der Rose“ auf der Luisenburg inszenieren, um damit am 11. Juni 2021 die Festspiele zu eröffnen.

     Wer Umberto Ecos dickleibige Romanvorlage von 1980 gelesen oder zumindest Jean-Jacques Annauds sechs Jahre später entstandene Verfilmung gesehen hat, der erinnert sich wohl an den eminenten Ereignis- und Wendungsreichtum des Stoffes, seine gedanklichen Verflechtungen, die dichten historischen Hintergründe, vor denen er sich ausbreitet: eine Geschichte wie das Labyrinth, das den riesigen Bücherhort des besagten Klosters birgt. Birgit Simmler ist sich sicher: Sie schafft das. Am Sonntag sorgten sie und Dramaturg Christof Kaldonek für „ein bisschen Luisenburg-Feeling in dieser verrückten Zeit“ und in der Fichtelgebirgshalle. Applausbereit füllte ein hörbar vorfreudiges Publikum den Saal und eine Band die Bühne. Auf ihr waren um die Blech- und Holzblasinstrumente herum Plexiglas-Kabinen installiert, um sie am spreading entweichender Aerosole zu hindern. Verrückte Zeiten.

     War das Mittelalter eine? Als aufgekratzte Moderatoren lassen Simmler und Kaldonek die Zuschauerinnen und Zuhörer ein paar Blicke in die Verzweigungen der Handlung werfen. Erst recht kommen sie auf deren brandneue Musical-Version zu sprechen. Die fast brandneue: Denn die Weltpremiere brachten im August 2019, als Sommerkultur noch in vollem Ausmaß möglich war, die Festspiele auf den Erfurter Domstufen heraus. Immerhin eine Erstaufführung kriegt Wunsiedel: Denn für die Luisenburg haben Gisle Kverndokk als Komponist und sein Librettist Øystein Wiik ein Drittel des Originals gestrichen sowie Instrumentarium und Chor verkleinert.

Ein Autorenduo, an Erfolg gewöhnt

Für „Der Name der Rose – das Konzert“ ist das an Erfolg gewöhnte Duo eigens aus Norwegen angereist. Siegesgewiss versprechen die beiden, dass sich der Stoff auch binnen zweier statt dreier Stunden mit „gleichbleibender Komplexität“ entfalten werde. Schon zuvor hätten die beiden das ecosche Original kräftig eindampfen müssen, wobei ihnen das chronologische Gerüst des schriftstellernden Gelehrten geholfen habe: „Sieben Tage, sieben Tote, sieben Todsünden.“

     Um die gedrängten Textmengen transportieren zu können, schwebte Gisle Kverndokk eine ausdrücklich „einfache“ Musik vor, melodiös, wie er sagt, und mit wiedererkennbaren Leitmotiven. Eingängig und einprägsam, oft schmachtend und angenehm schnulzig klingt sie – und erinnert ans Kino: Für die Ouvertüre stand unüberhörbar John Williams Pate. Es gibt schlechtere Lehrmeister. In Erfurt spielte ein 40-köpfiges Symphonieorchester; im Fichtelgebirge bescheiden sich die Theatermacher mit neun Musikerinnen und Musikern, die Thore Vogt am Pult zu Schmiss und Schmalz und zu einer Launig- und Süffigkeit motiviert, die eingedenk des düsteren Stoffs ein wenig überrascht. Es werde freilich auch, wie unter Mönchen üblich, gregorianische Gesänge geben, versichert Textautor Øystein Wiik, der an diesem Abend temperamentvolle Buffo-Qualitäten herauskehrt: Auf Norwegisch singend, gibt er das halb sympathische, halb diabolische Klosterfaktotum Salvatore, einen grotesken Halbverrückten und armen Hund mit posttraumatischer Belastungsstörung. Das Publikum, bravo rufend, jubelt ihm zu.

     Störend, wenn auch nicht belastend, macht sich im Saal allenfalls die verzerrende Lautsprecheranlage bemerkbar. Vielleicht hätten hier, unter Dach, die versierten Stimmen des Gesangsensembles auch unverstärkt getragen. Livio Cecini lässt einen intellektuell überlegenen, menschlich verständnisvollen William von Baskerville ahnen, neben dem Gunnar Frietsch, als sein junger Adlatus Adso, in einem Liebeslied unschuldig natürlich tönt. Rob Pitcher als Abt deutet an, wie schwer es einem „Macht“-Menschen fallen kann, „oben zu bleiben“, wenn sich in der Politik die „Gewichte verschieben“. Verliebte Zartheit steuert Marina Granchette bei, über deren Pferdeschwanz wie ein Damoklesschwert der Vorwurf schwebt, eine Hexe zu sein; trägt sie doch, zum schwarzen Hemdchen, rote Schuhe.

     44 457 Menschen sahen 2019 in Erfurt dem Musical zu. Das war vor Corona. Gleichwohl könnte, ‚nach Corona‘, das Musical auch in Wunsiedel das Zeug zum Publikumsmagneten haben. Übrigens war die Geschichte hier schon mal ein solcher: Als Schauspiel, von Claus J. Frankl erarbeitet und von Pavel Fieber inszeniert, zog es vor zwanzig Jahren Scharen auf die Luisenburg; und war trotzdem bestenfalls ein halbes, weil arg langatmiges Vergnügen. Nun kündigt sich anderes, Kurzweiligeres und Kürzeres an. Jeder Stoff hat eine zweite Chance verdient.

Mit der Premiere des Musicals und dem vorgeschalteten Festakt sollen die Luisenburg-Festspiele 2021 am 11. Juni um 20 Uhr offiziell eröffnet werden. Allerdings geht zuvor schon das Familienstück „Pinocchio“ nach Carlo Collodis 1881 erstmals veröffentlichtem Kinderbuchklassiker über die Naturbühne (Premiere: 19. Mai, 10.30 Uhr.)
Zu den Festspielen im Internet: hier lang.




Man ahnt schon gleich,

was kommt

Vier mehrsätzige Werke in gut einer Stunde: Das Georgische Kammerorchester aus Ingolstadt baut in Selb mit symphonischen Kleinigkeiten eine Brücke von der österreichischen Klassik zur Klangwelt des britischen Kinos.


Von Michael Thumser

Selb, 8. Oktober – Was eine Symphonie ist, ahnt selbst, wer klassischer Musik eher fernsteht. Aber eine Sinfonietta: Was könnte das wohl sein? Wörtlich übersetzt, ists eine kleine Symphonie, begrenzt sowohl was ihre Dauer als auch was die instrumentale Besetzung betrifft. Eine Erscheinung vor allem des vergangenen Jahrhunderts: Prokofjew und Poulenc haben Sinfonietten komponiert, Leoš Janáček die mit Abstand bekannteste; und Max Reger, unmäßig wie so oft, die bei weitem größte jener Kleinigkeiten: gesetzt für einen vielköpfigen Klangapparat, der fast eine Stunde lang zu tun hat.

     Eine Stunde? Nicht viel länger währte am Donnerstag das Gastspiel des Georgischen Kammerorchesters in Selb; obwohl das aus Ingolstadt angereiste Ensemble neben einer Sinfonietta – von Malcolm Arnold – noch drei klassische Symphonien im Programm hatte. Um Kleinigkeiten handelte es sich insofern, als keines der Werke nach pompöser Expression und gravierenden Gedanken strebt. Eindruck machten sie gleichwohl, zwar keinen ‚großen‘, keinen nämlich, der darauf berechnet gewesen wäre, die etwa sechzig Zuhörer zu überwältigen; aber durch feinen Sinn und festen Klang zu fesseln, das leisteten die Musikerinnen und Musiker: Durch Spielwitz sorgten sie amüsant für gehobene Unterhaltung.

     Zwei Klassiker, drei Symphonien: Zu Frische, gar zu Fröhlichkeit animiert Dirigent Ruben Gazarian das Orchester in der siebzehnten, also noch frühen Symphonie Wolfgang Amadeus Mozarts, der bei ihrer Entstehung, 1772, zarte sechzehn Lenze zählte. Straff spannt Gazarian die Aktivitäten seiner Künstlerinnen und Künstler im ersten Satz zusammen und lässt dem Übermut im letzten die Zügel schießen. Dazwischen schaltet er die volksliedhafte Thematik des Andante gemütlich, doch nicht bräsig ein. Mitteilsam verteilt der Dirigent, vor 49 Jahren im zurzeit kriegerisch aufgewühlten Armenien geboren, seine großzügigen und mühelos verständlichen Gebärden. Er zeigt nicht nur an, was gerade gespielt wird, er deutet zugleich voraus, was im nächsten Augenblick geschehen und sich verändern wird. Zuschauend ahnt so auch der Zuhörer schon, was gleich kommt.

Gegenbewegungen zwischen Hell und Dunkel

Zwei Mal beherrscht Joseph Haydn, nach den drei divertimentohaft verspielten Mozart-Sätzen, die substanziell stärkere Mittelstrecke des kurzen, aber guten Abends. Im fünfzehn Jahre älteren C-Dur-Werk, der Nummer I:37 des Hobokenverzeichnisses, nehmen bei gleichbleibendem, durchaus schon mal burschikos auftrumpfendem Elan die Abwechslungen zu: durch Gegenbewegungen zwischen Dur und Moll, Hell und Dunkel. Der Dirigent betont sie durch Akzente, die oft und überraschend zu Kontrasten wachsen. Im Trio des an zweiter Stelle stehenden Menuetts nutzen die Stimmführer der Violinen, Bratschen und Celli die Gelegenheit, solistisch als Streichquartett hervorzutreten, was die Musik kaum verhaltener, aber etwas leichter wirken lässt (und stellenweise etwas derb tönt).

     Wohltuend ins Moll, in d-Moll, zieht sich, nach viel Ausgelassenheit, Haydns 34. Symphonie zurück: Weniger grabschwer als schwermütig tritt das Orchester ins einleitende Adagio ein. Im folgenden Allegro hingegen stürmt es drauflos, als wollte es zuvor aufgestaute Energien schnell wieder loswerden – ein Druck, der sich auch aufs gar nicht behäbige Menuett überträgt. Das finale Presto kocht über zu feuriger Schärfe. Dabei spornt nicht allein Gazarian die Instrumentalisten an, umgekehrt reißt die Musik nicht weniger den Dirigenten mit und stachelt ihn zu Fuß- und Beinarbeit im Übermaß auf.

     Keins der Werke dauert viel länger als ein Viertelstündchen. Mit nur zehn Minuten gar bescheidet sich das Opus 48 von Malcolm Arnold: Folglich darf es mit Fug und Recht Sinfonietta heißen; sie ist die erste von zweien im Œuvre des produktiven Briten, der 2006 mit 84 Jahren starb. Die Knappheit der drei Sätze hindert Gazarian nicht, sie humoristisch mit wechselnd gewichtetem Aufruhr herauszuputzen, wenn auch sein Ensemble – das 1964 in der georgischen Hauptstadt Tbilissi (Tiflis) als Staatskammerorchester gegründet wurde und seit 1990 in Ingolstadt sitzt – die komplexen Nuancen der Partitur nicht vollständig auszureizen weiß. Die zerrissene Rhythmik des aufgekratzten Schluss-Allegros legt es mit dem Schwung eines Rausschmeißers hin, wobei neben den von Anfang an superben Oboen endlich auch die Hörner eifrig als Melodieträger und Energielieferanten mitwirken dürfen. Kurz zuvor haben sie, umso beherrschter, zur Sanglichkeit des Mittelsatzes beigetragen. Der klingt am schönsten, wenn er ein wenig nach guter alter Filmmusik klingt. Das darf so sein: Malcolm Arnolds soundtrack zu David Leans „Brücke am Kwai“ wurde 1957 mit einem Oscar vergoldet. Eine Brücke schlägt seine Sinfonietta auch: Sie überquerend, gelangt der Esprit der Divertimenti, wie man sie im achtzehnten Jahrhundert schätzte, in die ‚Klassik‘ der Moderne.

Am Sonntag im Rosenthal-Theater: „Madame Piaf – Enttarnung einer Diva“. Mit Marie Giraux (Mezzosopran), Jenny Schäuffelen (Klavier, Akkordeon) und Frédérique Labbow/Jule Hinrichsen (Cello). Beginn: 17 Uhr.
Zur Veranstaltung im Internet: hier lang.




Eheähnliche Verbindung

Ihren Saisonstart widmen die Hofer Symphoniker Max Reger und dem Geist Mozarts. Die Geigerin Lena Neudauer und der Bratschist Wen Xiao Zheng demonstrieren vollendetes Duo-Spiel von unauflöslicher Delikatesse.


Von Michael Thumser

Hof, 2. und 3. Oktober – Mächtig stolz war er auf die Qualität seiner Arbeit und, wie er wissen ließ, auf den darauf verwendeten Fleiß: „Enorm“ sei der gewesen. Dennoch habe er, betonte Max Reger, seine „Mozart-Variationen“ opus 132 mit einem „wirklich kleinen Orchester“ besetzt. Nun ja, auch Größe ist was Relatives. Im Großen Haus der Freiheitshalle, wo die Symphoniker am Freitag und Samstag ihr erstes Hofer Konzert der neuen Spielzeit gaben, da füllte das Orchester das weite und breite Podium dann doch aus – natürlich auch weil die Musikerinnen und Musiker pandemiebedingt ungewohnt großzügig hatten platziert werden müssen. Indes folgte daraus zugleich, dass sich ihr kultiviert-akkurates Spiel auffallend transparent und voluminös im Raum hörbar machrn konnte. Wozu auch die – zur Klangverstärkung unverzichtbare – Tonanlage wohlausgesteuert beitrug; weitgehend wohlausgesteuert: Fünf Mal knallten am Freitag kleine Kanonenschüsse aus den Lautsprechern.

     Umso unspektakulärer stimmen erst die Holzbläser, dann die Streicher das Thema an. Wolfgang Amadeus Mozart, in seiner Klaviersonate KV 331, hat es selber variiert, wenn auch, versteht sich, ganz anders als Reger. Der, ein glühender Verehrer des Klassikers, ließ 1914 seine hochromantische Fantasie, sein hochchromatisches Harmonieverständnis, aber auch, nach acht Variationen, in der Schlussfuge sein Traditionsbewusstsein über die Ausgangsmelodie laufen. Am Hofer Pult schaltet Hermann Bäumer, dem als conductor in residence die Leitung der Saisoneröffnung vorbehalten ist, lange Pausen zwischen den Abschnitten ein, sodass das Werk nicht als in sich geschlossenes Ganzes, eher wie eine Suite erscheint.

     Damit muss man nicht einverstanden sein und kann dem Dirigenten dennoch nachsagen, dass er spannende Gegensätze herausarbeitet: etwa zwischen dem tänzerischen Ballsaal-Schwung der zweiten Variation und der dritten mit ihrem kurzen, wie atemlosen Phrasenbau und dem unheilverkündenden Moll; oder, in der vierten Veränderung, zwischen der aus den Hörnern schmetternden Grandezza einer fürstlichen Jagdgesellschaft und dem aufgewühlten Gespensterreigen der fünften. In der achten Variation, der beeindruckendsten Episode, changieren die Symphoniker zwischen satt blühenden Samtfarben von Klage und Erlöstheit und gelangen zu Stimmungstiefen und Gedankenflügen, als wärs ein Adagio von Mahler. Zu fast übertrieben dichter Faktur hat der besessene Kontrapunktiker Reger die mächtige Schlussfuge ausgearbeitet; Bäumer aber gewichtet mittels zahlloser erlesener Nuancen den Klang so wechselvoll, dass der noch in der triumphalen Endphase, wo Mozarts Thema als Festchoral aus den Trompeten schallt, nie Gefahr läuft, kompakt zu verklumpen: ein gewaltiges Finale, aber kein gewalttätiges.

Paganini im Barockgewand

Mit vergleichbar dramatischen Variationen haben zuvor die Solisten des Abends aufgewartet: Als spektakuläre Zugabe verehrten die Violinistin Lena Neudauer und der Bratschist Wen Xiao Zheng dem bravo rufenden Publikum die berühmte Passacaglia Johan Halvorsens; 1893 schrieb der Norweger sie auf ein Thema von Georg Friedrich Händel. Also vermischen die Interpreten folgsam die Energien romantischer Virtuosität à la Paganini mit barocker Vielstimmigkeit – aber derart vollendet gelingt ihnen dies, dass man das Spiel der zwei, sähe man sie nicht vor sich, leicht für das Musizieren eines ausgewachsenen Streichquartetts halten könnte. Der außerordentlichen Eintracht der Künstler im Empfinden, ihrer ungestörten Gleichzeitigkeit selbst bei heiklen Aktionen verdankt sich diese Wirkung.

     Wie Regers Werk ist auch ihr Auftritt dem Geist Mozarts verpflichtet, für dessen Sinfonia concertante KV 364 sie sich zu einer eheähnlichen Verbindung zusammenschließen. Nahe bei Divertimento und anderer Spielmusik verorten manche Musikschriftsteller das Doppelkonzert, zu Unrecht, wie die Darbietung in Hof belegt. Denn Neudauer und Zheng lösen die in der Komposition überreich eingeschlossenen Inspirationsquellen mit eigener musikalischen Intelligenz heraus, um sie organisch hervor- und zusammenwachsen zu lassen. Dabei intoniert die Oberstimme von Neudauers Geige die kontrollierte Geläufigkeit des Kopfsatzes mit fraulicher Noblesse, während Zheng seinem Alt-Part jugendlich-männliche Sonorität verleiht, ohne die atemdünne Flachbrüstigkeit, die der Bratsche sonst bisweilen innewohnt. Gleichgewichtig hält das Bündnis der Instrumente bis in die gemeinsamen Empfindungen und verdoppelten Triller der Duo-Kadenzen hinein.

     Am ehesten finden sich die beiden im Schluss-Presto zur unterhaltsamen Divertimento-Attitüde bereit, munter bis zur Verspieltheit; am wenigsten hingegen im Andante davor. Genau reagieren Lena Neudauer und Wen Xiao Zheng aufeinander, vertrauensvoll lässt sie ihn und er sie gewähren. So entwickelt sich der Gestus einer nicht unbesorgten, aber krisensicheren Intimität. Mozarts lichte Geistigkeit berührt sich mit der Delikatesse seines gern mal verschwenderisch lauten Jüngers Reger: in einer Schlichtheit ohne Einfalt, einer Größe ohne Aufschneiderei. 

Zweites Symphoniekonzert des Orchesters in Hof: am 16. und 17. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr, im Festsaal der Freiheitshalle. Zur Veranstaltung im Internet: hier lang.