Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

25. November, Selb, Rosenthal-Theater

Im Programm des Konzerts hätte der heute fast vergessene Komponist Josef Mysliveček leicht zwischen zwei Großmeistern zerdrückt werden können - aber die Hofer Symphoniker erwiesen ihm die Ehre, ihn ganz ernst zu nehmen. So behauptete er sich mit einer Ouvertüre neben Dvořáks Achter und Mozarts Klarinettenkonzert, das der erst  22-jährige Lyuta Kobayashi mit kultivierter Reife und exzellenter Technik beseelte.



Eckpunkt

Augenangst

Von Curiander

29. November 2025   Wer Gedrucktes lesen will, muss sehen können. Hingegen braucht, wer schreibt, dazu nicht unbedingt die Augen. Zwei Jahre, nachdem im August 2022 ein Islamist bei einer öffentlichen Lesung Salman Rushdie angegriffen, ihn schwer verletzt und eines seiner Augen zerstört hatte, verarbeitete der britische Schriftsteller das Trauma in einem gefeierten Buch. Hinter dem Titel „Knife“ (Messer) zeigt der Umschlag ein Papier mit vertikalem Schlitz, einen Schnitt, der entfernt an das Tagauge einer Katze erinnert. Auch im soeben erschienenen neuen Erzählband reflektiert Rushdie über die Verletzlichkeit und Hinfälligkeit des Menschen, des alternden zumal. Der Titel, „Die elfte Stunde“, lässt ahnen, dass der 78-Jährige allmählich sein Ende nahen fühlt. Zwölf Jahre älter ist seine Landsmännin Judi Dench; für sie, inzwischen neunzig, ist es vergleichsweise fünf vor zwölf, doch nimmt die Schauspielerin – unter anderem als Geheimdienstchefin „M“ in mehreren „James Bond“-Kinoabenteuern populär – es eher leicht, wie sie dieser Tage im Fernsehen erzählte: Zwar verdunkle eine Netzhautdegeneration ihr Blickfeld stark, trotzdem begrüße sie Freunde nach wie vor gern mit: „Schön, dich wiederzusehen.“ Elton John wiederum, mit Rushdie gleich alt, trägt weitaus schwerer an seiner Sehbehinderung: Das rechte Auge verloren, das linke schwächelnd – die vergangenen eineinviertel Jahre, klagte der Popstar jetzt im Magazin Variety, seien für ihn eine „niederschmetternde Herausforderung“ gewesen. In Mythologie und Kunst, etwa der Literatur, tritt Blindheit oft als besonders zeichenstarkes Manko hervor. Der griechische Sagenheld Ödipus, die unschuldig auf sich geladene Schuld an seinen Eltern durchschauend, blendet sich selbst, um sich für sein Verkennen zu bestrafen. Als vorrangiges Mittel der Erkenntnis rangiert das Sehen im berühmten Höhlengleichnis Platons, aber die römische Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, kann nur unparteiisch urteilen, solange sie nichts sieht. Um Allwissenheit zu erlangen, gibt Odin, der Obergott des nordischen Sagenkosmos, eins seiner Augen drein. John Milton, Schöpfer des klassischen englischen Epos vom „Verlorenen Paradies“, war blind wie auch der Argentinier Jorge Luis Borges, der wiederholt das Blindsein zum Thema seiner magisch-realistischen Dichtungen nahm. „Die toten Augen“ heißt eine Oper des deutschen Komponisten Eugen d’Albert. Wer E. T. A. Hoffmanns schaurige Meisternovelle „Der Sandmann“ als Schul- oder anderweitige Lektüre genoss, erinnert sich gewiss an den traumatisierten Schwärmer Nathanael, den als kleiner Junge die Furcht lähmte, es werde ein unheimlicher Wetterglashändler ihm die Augen ausreißen. Realere Varianten der Augenangst kennt die Wissenschaft: Als Ommatophobie bezeichnet sie eine vernunftwidrige Scheu vor Augen oder unmittelbarem Blickkontakt; Optophobie heißt der die Betroffenen terrorisierende Impuls, die Augen unbedingt geschlossen zu halten. Dass Sehen und Welt zwingend zusammengehören, hat Maurice Merleau-Ponty ganz im Sinne des Existenzialismus bekräftigt: Das Bewusstsein des Menschen sah der französische Philosoph aufs Engste verflochten mit der leiblich erlebten Außenwelt; im Sehen erkannte er eine Tätigkeit, die Welt zu erschließen – fatal also, wenn jemand „seine Augen verliert“. Weltfremdheit, Weltferne sollte man Blinden, nur ihrer Blindheit wegen, freilich keinesfalls unterstellen. Oft erfasst gerade, wer das oberflächlich Sichtbare nicht wahrnimmt, die Wahrheit der Wirklichkeit umso genauer. ■

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Rückblick

22. November, Buch
Eine namenlose Autorin in der Schreibkrise - und im Dschungel Panamas: Auf der Suche nach zwei vor Jahren verschollenen Mädchen erwartet sie dort „der Horror, der Horror“. In Die Holländerinnen imaginiert Dorothee Elmiger eine Reise ins „Herz der Finsternis“, nicht unähnlich jener, die Joseph Conrad 1899 in seiner grandiosen Erzählung unternahm. Vor Kurzem erhielt die Schweizerin dafür den Deutschen Buchpreis, sehr zu Recht: Ihr 

18. November, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Damit die Filmmusik Hollywoods zu dem aufblühen konnte, was sie einst war und manchmal auch noch ist, lernten ihre Komponisten viel von Erich Wolfgang Korngold und Sergej Rachmaninow. Die Hofer Symphoniker stellten beide Meister während eines Abends nebeneinander, den sie fesselnd-gefühlvoll der Nostalgie widmeten. Als Violinsolistin und am Dirigentenpult: zwei Damen, die das Publikum durch Inspiration und Ausstrahlung begeisterten.



Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Die Orestie
Nipplejesus
Das Leben ein Traum
Handbuch gegen den Krieg


Musiktheater
zuletzt
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva
Ranzlichter
Eugen Onegin


Theater andernorts
zuletzt
Die Meistersinger in Bayreuth
Salome
im Vogtlandtheater
Die Befristeten
auf Bayreuths Studiobühne
Tristan und Isolde
auf dem Grünen Hügel


Konzert
zuletzt
Spätwerk eines früh Verstorbenen: Mozarts Klarinettenkonzert in Selb
Übungen in Nostalgie: Korngold und Rachmaninow reichen sich die Hand
Klassiker der Leinwand:
Die Symphoniker spielen für die Sparkasse Hochfranken
Aus der Neuen Welt: Dirigent Johannes Wildner erfindet in Hof Dvořáks Neunte



Film
zuletzt
59. Internationale Hofer Filmtage
Mission Impossible - The Final Reckoning
48. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Maria


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Birgit Süß
erzählt das Graue vom Himmel


Anderes
zuletzt
Die Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht
Musik: Klaviermusik von Bach und Clara Schumann, Hartmanns Violinkonzert

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Bald kommt das neue Buch

SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 435 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.

Im Buchhandel und online erhältlich

KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeitet. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen deren raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.