29. November 2025 Wer Gedrucktes lesen will, muss sehen können. Hingegen braucht, wer schreibt, dazu nicht unbedingt die Augen. Zwei Jahre, nachdem im August 2022 ein Islamist bei einer öffentlichen Lesung Salman Rushdie angegriffen, ihn schwer verletzt und eines seiner Augen zerstört hatte, verarbeitete der britische Schriftsteller das Trauma in einem gefeierten Buch. Hinter dem Titel „Knife“ (Messer) zeigt der Umschlag ein Papier mit vertikalem Schlitz, einen Schnitt, der entfernt an das Tagauge einer Katze erinnert. Auch im soeben erschienenen neuen Erzählband reflektiert Rushdie über die Verletzlichkeit und Hinfälligkeit des Menschen, des alternden zumal. Der Titel, „Die elfte Stunde“, lässt ahnen, dass der 78-Jährige allmählich sein Ende nahen fühlt. Zwölf Jahre älter ist seine Landsmännin Judi Dench; für sie, inzwischen neunzig, ist es vergleichsweise fünf vor zwölf, doch nimmt die Schauspielerin – unter anderem als Geheimdienstchefin „M“ in mehreren „James Bond“-Kinoabenteuern populär – es eher leicht, wie sie dieser Tage im Fernsehen erzählte: Zwar verdunkle eine Netzhautdegeneration ihr Blickfeld stark, trotzdem begrüße sie Freunde nach wie vor gern mit: „Schön, dich wiederzusehen.“ Elton John wiederum, mit Rushdie gleich alt, trägt weitaus schwerer an seiner Sehbehinderung: Das rechte Auge verloren, das linke schwächelnd – die vergangenen eineinviertel Jahre, klagte der Popstar jetzt im Magazin Variety, seien für ihn eine „niederschmetternde Herausforderung“ gewesen. In Mythologie und Kunst, etwa der Literatur, tritt Blindheit oft als besonders zeichenstarkes Manko hervor. Der griechische Sagenheld Ödipus, die unschuldig auf sich geladene Schuld an seinen Eltern durchschauend, blendet sich selbst, um sich für sein Verkennen zu bestrafen. Als vorrangiges Mittel der Erkenntnis rangiert das Sehen im berühmten Höhlengleichnis Platons, aber die römische Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, kann nur unparteiisch urteilen, solange sie nichts sieht. Um Allwissenheit zu erlangen, gibt Odin, der Obergott des nordischen Sagenkosmos, eins seiner Augen drein. John Milton, Schöpfer des klassischen englischen Epos vom „Verlorenen Paradies“, war blind wie auch der Argentinier Jorge Luis Borges, der wiederholt das Blindsein zum Thema seiner magisch-realistischen Dichtungen nahm. „Die toten Augen“ heißt eine Oper des deutschen Komponisten Eugen d’Albert. Wer E. T. A. Hoffmanns schaurige Meisternovelle „Der Sandmann“ als Schul- oder anderweitige Lektüre genoss, erinnert sich gewiss an den traumatisierten Schwärmer Nathanael, den als kleiner Junge die Furcht lähmte, es werde ein unheimlicher Wetterglashändler ihm die Augen ausreißen. Realere Varianten der Augenangst kennt die Wissenschaft: Als Ommatophobie bezeichnet sie eine vernunftwidrige Scheu vor Augen oder unmittelbarem Blickkontakt; Optophobie heißt der die Betroffenen terrorisierende Impuls, die Augen unbedingt geschlossen zu halten. Dass Sehen und Welt zwingend zusammengehören, hat Maurice Merleau-Ponty ganz im Sinne des Existenzialismus bekräftigt: Das Bewusstsein des Menschen sah der französische Philosoph aufs Engste verflochten mit der leiblich erlebten Außenwelt; im Sehen erkannte er eine Tätigkeit, die Welt zu erschließen – fatal also, wenn jemand „seine Augen verliert“. Weltfremdheit, Weltferne sollte man Blinden, nur ihrer Blindheit wegen, freilich keinesfalls unterstellen. Oft erfasst gerade, wer das oberflächlich Sichtbare nicht wahrnimmt, die Wahrheit der Wirklichkeit umso genauer. ■
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Rückblick
22. November, Buch
Eine namenlose Autorin in der Schreibkrise - und im Dschungel Panamas: Auf der Suche nach zwei vor Jahren verschollenen Mädchen erwartet sie dort „der Horror, der Horror“. In Die Holländerinnen imaginiert Dorothee Elmiger eine Reise ins „Herz der Finsternis“, nicht unähnlich jener, die Joseph Conrad 1899 in seiner grandiosen Erzählung unternahm. Vor Kurzem erhielt die Schweizerin dafür den Deutschen Buchpreis, sehr zu Recht: Ihr
18. November, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Damit die Filmmusik Hollywoods zu dem aufblühen konnte, was sie einst war und manchmal auch noch ist, lernten ihre Komponisten viel von Erich Wolfgang Korngold und Sergej Rachmaninow. Die Hofer Symphoniker stellten beide Meister während eines Abends nebeneinander, den sie fesselnd-gefühlvoll der Nostalgie widmeten. Als Violinsolistin und am Dirigentenpult: zwei Damen, die das Publikum durch Inspiration und Ausstrahlung begeisterten.
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Nipplejesus
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Übungen in Nostalgie: Korngold und Rachmaninow reichen sich die Hand
Klassiker der Leinwand: Die Symphoniker spielen für die Sparkasse Hochfranken
Aus der Neuen Welt: Dirigent Johannes Wildner erfindet in Hof Dvořáks Neunte
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59. Internationale Hofer Filmtage
Mission Impossible - The Final Reckoning
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Birgit Süß erzählt das Graue vom Himmel
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Musik: Klaviermusik von Bach und Clara Schumann, Hartmanns Violinkonzert
Bald kommt das neue Buch
SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 435 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.
Im Buchhandel und online erhältlich