18. März 2026 Ein Text, eine Zeichnung, ein Gemälde entsteht nicht nur, indem wir Wort an Wort reihen, Kontur für Kontur stricheln, Farbschicht auf Schicht auftragen. So wichtig wie das Hinzutun sind das Weglassen, also der Verzicht, und das Wegnehmen: die Korrektur. Fehlerhaftes, das uns in einer Bleistiftnotiz unterläuft, löschen wir mit einem Radier-„Gummi“ aus Kautschuk, PVC oder Silikon geschwind wieder aus, wobei wir mal mehr, mal weniger deutliche Spuren auf dem Papier hinterlassen. Einst, an der Schreibmaschine, kam uns Tipp-Ex sehr gelegen. Sollten schriftliche Arbeiten für Schule oder Studium tadellos aussehen, war es uns so unentbehrlich, dass wir gern den Erfinder geherzt und gekost hätten: ersparte er uns doch die komplette Neuschrift einer Seite, die wir mühsam heruntergehämmert hatten, bis wir sie ausgerechnet in der vorletzten Zeilen durch eine Serie dummer Buchstabendreher verhunzten. Der löbliche Erfinder war eine Erfinderin: Zwar wusste Bette Nesmith Graham, Bürokraft einer texanischen Bank, den Komfort der – in den 1950er Jahren – neuen elektrischen Schreibmaschinen zu schätzen; ärgerlicherweise aber vertippte sie sich, wegen der schon auf leise Berührung ansprechenden Tasten, fortan häufiger. Als Hobbymalerin verfiel sie darum auf die Idee, eine weiße Farbe anzurühren, die sich mit einem Pinselchen aufs Papier mit der fehlerhaften Stelle auftragen und, nach kurzer Trocknung, korrekt überschreiben ließ. Liquid Paper, „flüssiges Papier“, nannte sie die Tinktur, durch die sie von 1958 an reich wurde. Etwa zur selben Zeit kam in Deutschland Wolfgang Dabisch auf einen ähnlichen Gedanken: Sein „Tipp-Ex“ wurde als kleiner, mit ablösbarer weißer Farbe beschichteter Papierstreifen international bekannt, ab 1965 gleichfalls in flüssiger Form. Genial – keineswegs aber ein Geistesblitz aus der jüngsten Vergangenheit unseres technischen Zeitalters. Denn britische Archäologen im Fitzwilliam Museum der Universität Cambridge für antike Kunst haben unlängst entdeckt, dass sich bereits vor etwa 3300 Jahren die Gestalter eines ägyptischen Totenbuchs auf die gleiche Weise behalfen: Offenbar war ihnen der Körper eines Schakals zu übergewichtig geraten – also verschlankten sie ihn, indem sie, was ihnen zu voluminös schien, unter einer unauffälligen, heute hell schimmernden Deckfarbe verbargen. Seit jeher hat Murks beim Schreiben, Zeichnen, Malen die Kreativen der Weltgeschichte in die Verzweiflung getrieben: Mittels Skalpellen, Bimsstein, zusammengedrückten Brotkrumen sogar versuchten unsere Vorfahren, Fehlleistungen auf offiziellen Schriftsachen zu kaschieren. Bei flüchtigen Notizen und Entwürfen indes waren derartige Bedenken nicht nötig. Da durfte, was danebenging, grob durchgestrichen, später, an der Schreibmaschine, durchgeixt werden. Vollends unleserlich wurde es dadurch freilich nicht. So spüren denn Philologinnen und Buchwissenschaftler mit Inbrunst solchen buchstäblich durchschaubaren Revisionen auf Manuskripten und Druckfahnen nach, die unschätzbare Details über den gedanklichen und schriftlichen Entstehungsprozess eines Werkes preisgeben. Die elektronische Textverarbeitung setzte solcher Fahndungsarbeit ein Ende. Was weg ist, ist weg: Dank umfassender Korrekturfunktionen am Bildschirm tun wir heute bei jedem Text vom ersten schüchternen Buchstaben an so, als arbeiteten wir an einer ausgetüftelten Reinschrift, und immer sieht sie picobello aus, welchen Unsinn auch immer wir gerade verzapfen. ■
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Rückblick
4. März, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Das Gros der Hörerinnen und Hörer mag Klassische Musik am liebsten, wenn sie voller Gefühle steckt. Mit Hauptsache, romantisch war denn auch das sechste Konzert der Symphoniker überschrieben, bei dem Chefdirigent Martijn Dendievel souverän mit der dritten Symphonie von Louise Farrenc bekannt machte. Ein Beifall, wie er zuvor Fabian Müller als Solisten bei Brahms’ erstem Klavierkonzert überschüttet hatte, ist bei solcher Gelegenheit selten zu erleben.
24. Februar, Hof, Theater, Großes Haus
Requiem für einen Mörder: Regisseur Kay Neumann und sein achtköpfiges Ensemble fragen im Kriminalstück Tannöd - nach Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman von 2006 - nicht so sehr danach, wer der Täter war, sondern umso mehr, wer die sechs Opfer waren. Ausstatterin Monika Frenz verlegt die Szenerie ins Freie, wenn auch nicht an die frische Luft. Ihre Bühne zeigt, dass man in einem Birkenwäldchen nicht zwingend Tschechow spielen muss.
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Tannöd
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Die Orestie
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Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva
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Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger in Bayreuth
Salome im Vogtlandtheater
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Größtenteils sonnig: Die Symphoniker in Selb mit entspannter Klassik und Romantik
Ein Saal außer Rand und Band: Das Hofer Publikum feiert den Pianisten Fabian Müller
Requiem für einen Geheimagenten: Die großen Hits der „James Bond“-Filme
„Gitarrenhighlights“: Siegbert Remberger mit Tangos und Beatles-Hits
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Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
59. Internationale Hofer Filmtage
Mission Impossible - The Final Reckoning
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Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Anderes
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„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht
Das neue Buch
SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.
Im Buchhandel und online weiterhin erhältlich