Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

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21. April, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Als fabelhaften Oboen-Virtuosen hat das Konzertpublikum der Region Albrecht Mayer schon wiederholt gefeiert. Jetzt erntete er auch als Dirigent stürmische Ovationen: Mit Schuberts „Unvollendeter“, erst recht mit Berlioz’ revolutionärer „Symphonie fantastique“ hatte er sich heikle Aufgaben gestellt. Zusammen mit den Symphonikern bewältigte er sie aufs Imponierendste. In Ermanno Wolf-Ferraris „Idillio-Concertino“ durfte er solistisch zu mehr Ruhe finden.


Eckpunkt

Bisschen früh

Von Curiander

1. Mai 2026   Innerhalb unserer menschlichen Spezies bilden die Journalisten eine besondere Unterart: Weil sie sich der Gegenwart verpflichtet fühlen, sind sie Chronisten der Geschichte im Augenblick ihrer Geburt. Freilich sehen sie sich, indem sie oft unmittelbar nach einem Ereignis seine Bedeutung und Weiterungen abschätzen sollen, vor eine kaum lösbare Aufgabe gestellt: Mitten in der Welt, gewissermaßen ohne die gehörige Distanz der Vogelperspektive, sollen sie ein Ganzes durchschauen und haben doch oft gerade mal einen Teil der Teile im Blick und im Block. Trotzdem geht ihnen, und erst recht den Gestaltern des Hier und Heute, das Beiwort „historisch“ allzu leicht über die Lippen und spricht es schon eher kleinen Manipulationen der Wirklichkeit zu. So hat am Mittwoch das Bundeskabinett ein Sparpaket verabschiedet, um mit Milliardenbeträgen die gesetzlichen Krankenkassen zu entlasten; nach der Sitzung stand Kanzler Merz nicht an, vor den versammelten Medien jene Reform des Gesundheitswesens sogleich „historisch“ zu nennen. Indem er den Beschluss, unmittelbar nachdem der gefasst worden war, mit jenem Adjektiv aufblies, offenbarte er aber nur, wie missbrauchsanfällig das Wörtchen ist. Dem Duden zufolge bedeutet es zunächst schlicht: alt; und eine alte Untugend ist sein wohlfeiler Gebrauch wahrlich. Es bedeutet sachlich auch: die Geschichte betreffend; jedoch wird besagte Reform zunächst wohl bestenfalls für die Gegenwart und eine Handvoll kommender Jahre eine Rolle spielen, deren Durchschlagskraft dahinsteht. Schließlich meint „historisch“ wertend: bedeutungsvoll für die Geschichte – und damit ist nicht die Tragweite für das Hier und Heute oder Morgen, sondern für das große Ganze gemeint, letztlich für die gewaltige Zeitspanne – sagen wir mal – von Friedrich Barbarossa bis Friedrich Merz. Zugegeben, in einem Fall wie dem genannten schadet solch inflationäre Rhetorik nicht sehr. Abbruch tut sie gleichwohl unserem Bewusstsein dort, wo sie Globales berührt, den Globus selbst. Vielfach zeitigen unsere Entscheidungen, auch die politischen, höchstens minimale Ergebnisse, und doch reicht unsere Vermessenheit so weit, über Räume und Zeiten verfügen zu wollen: Wir meinen, verordnen zu können, welches Ereignis Wirkung über einen Zeitraum hinweg entfaltet, den wir gar nicht zu überschauen vermögen, eröffnet sich doch eine kritische Draufsicht auf ihn erst den Generationen, die auf uns folgen. Und von denen wird wieder jede uns anders be- und verurteilen als die vorige, denn „jedes Zeitalter bekömmt neue Augen“ (Heinrich Heine). Erst gehörig entfernte Nachfahren dürfen hoffen, sich über den bleibenden Rang einer Persönlichkeit, den Stellenwert einer Tat oder Unterlassung klar zu werden. Allein die Zukunft hat die Deutungshoheit über die geschichtliche Dimension unserer Epoche. Historisch wird etwas nicht, weil wir darüber in der Zeitung lesen, sondern erst, indem es Eingang in die Geschichtsbücher findet. Dereinst werden, wie es aussieht, unsere Kinder und Kindeskinder reichlich Gründe finden, mit uns Altvorderen hart ins Gericht zu gehen. Auf die 1677 erschienene „Ethik“ des Philosophen Baruch de Spinoza geht ein schöner, lateinischer Ausdruck dafür zurück: sub specie aeternitate – aus dem Blickwinkel der Ewigkeit. Aus ihm betrachtet, müssen die Verheerungen, die wir untereinander, auf Erden und in der Atmosphäre anrichten, allerdings historisch heißen. ■

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Rückblick

15. April, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Knitterhemd und Haare, die zu Berge stehen und aussehen wie die Flusen aus dem Sieb des Wäschetrockners: Seit vierzig Jahren ist Urban Priol als ungebrochen rückhaltloser Pöbler des deutschen politischen Kabaretts unterwegs. Auch in seinem Programm „Im Fluss“ nimmt er kein Blatt vor den geistesblitzenden Mund, wenn er gegen Merz oder Trump austeilt. Immerhin hier und da kommt er zur Ruhe: Dann ist sogar Gelegenheit für leise Weisheiten. 

14. April, Hof, Theater, Großes Haus
Wer wars? Whodunit? „Die Mörder sind unter uns“, orakelt eine Dame auf der Bühne, und der Plural könnte andeuten, dass „es“ vielleicht mehr als nur einer oder eine waren. Ralf Hocke, sonst vor allem Schauspieler, inszenierte die Krimikomödie Cluedo betont grafisch wie auf Witzzeichnungen als minuziös choreografiertes Ensemblestück. So wächst die Boulevardposse, trotz manchen Klamauks, über das Mittelmaß des Tür-auf-Tür-zu-Genres beträchtlich hinaus.


Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Cluedo
Tannöd
Simpel
Verbrennungen

Musiktheater
zuletzt
Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva

Theater andernorts
zuletzt
Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie
im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger
in Bayreuth
Salome
im Vogtlandtheater


Konzert
zuletzt
Fantastische Symphonien: Albrecht Mayer als Oboensolist und Dirigent
Genuss und Reflexion: Romantische Musik aus Russland in Zeiten des Krieges
Größtenteils sonnig:
Die Symphoniker in Selb mit entspannter Klassik und Romantik
Ein Saal außer Rand und Band:
Das Hofer Publikum feiert den Pianisten Fabian Müller


Film
zuletzt
49. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
59. Internationale Hofer Filmtage


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Urban Priol pöbelt gegen alle und alles
Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung


Anderes
zuletzt
„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht


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Die Bücher

Zu beziehen überall im Buchhandel 
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SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.


KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeitet. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen deren raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.