Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

14. März, Selb, Rosenthal-Theater
Der Frühling naht mit Licht und Macht, und die Symphoniker erfrischen ihr Publikum mit einem vorwiegend heiteren, romantisch-klassischen Programm. Aus England reist Sarah Beth Briggs an, die dem zweiten Klavierkonzert Beethovens gelegentlich mozartsche Perlenkünste verleiht. Vom Platz des Konzertmeisters aus dirigiert Lorenzo Lucca bei Orchesterwerken Franz Schuberts und Joseph Haydns: nicht mit dem Takstock, sondern dem Bogen des ersten Geigers.


Eckpunkt

Was weg ist, ist weg

Von Curiander

18. März 2026   Ein Text, eine Zeichnung, ein Gemälde entsteht nicht nur, indem wir Wort an Wort reihen, Kontur für Kontur stricheln, Farbschicht auf Schicht auftragen. So wichtig wie das Hinzutun sind das Weglassen, also der Verzicht, und das Wegnehmen: die Korrektur. Fehlerhaftes, das uns in einer Bleistiftnotiz unterläuft, löschen wir mit einem Radier-„Gummi“ aus Kautschuk, PVC oder Silikon geschwind wieder aus, wobei wir mal mehr, mal weniger deutliche Spuren auf dem Papier hinterlassen. Einst, an der Schreibmaschine, kam uns Tipp-Ex sehr gelegen. Sollten schriftliche Arbeiten für Schule oder Studium tadellos aussehen, war es uns so unentbehrlich, dass wir gern den Erfinder geherzt und gekost hätten: ersparte er uns doch die komplette Neuschrift einer Seite, die wir mühsam heruntergehämmert hatten, bis wir sie ausgerechnet in der vorletzten Zeilen durch eine Serie dummer Buchstabendreher verhunzten. Der löbliche Erfinder war eine Erfinderin: Zwar wusste Bette Nesmith Graham, Bürokraft einer texanischen Bank, den Komfort der – in den 1950er Jahren – neuen elektrischen Schreibmaschinen zu schätzen; ärgerlicherweise aber vertippte sie sich, wegen der schon auf leise Berührung ansprechenden Tasten, fortan häufiger. Als Hobbymalerin verfiel sie darum auf die Idee, eine weiße Farbe anzurühren, die sich mit einem Pinselchen aufs Papier mit der fehlerhaften Stelle auftragen und, nach kurzer Trocknung, korrekt überschreiben ließ. Liquid Paper, „flüssiges Papier“, nannte sie die Tinktur, durch die sie von 1958 an reich wurde. Etwa zur selben Zeit kam in Deutschland Wolfgang Dabisch auf einen ähnlichen Gedanken: Sein „Tipp-Ex“ wurde als kleiner, mit ablösbarer weißer Farbe beschichteter Papierstreifen international bekannt, ab 1965 gleichfalls in flüssiger Form. Genial – keineswegs aber ein Geistesblitz aus der jüngsten Vergangenheit unseres technischen Zeitalters. Denn britische Archäologen im Fitzwilliam Museum der Universität Cambridge für antike Kunst haben unlängst entdeckt, dass sich bereits vor etwa 3300 Jahren die Gestalter eines ägyptischen Totenbuchs auf die gleiche Weise behalfen: Offenbar war ihnen der Körper eines Schakals zu übergewichtig geraten – also verschlankten sie ihn, indem sie, was ihnen zu voluminös schien, unter einer unauffälligen, heute hell schimmernden Deckfarbe verbargen. Seit jeher hat Murks beim Schreiben, Zeichnen, Malen die Kreativen der Weltgeschichte in die Verzweiflung getrieben: Mittels Skalpellen, Bimsstein, zusammengedrückten Brotkrumen sogar versuchten unsere Vorfahren, Fehlleistungen auf offiziellen Schriftsachen zu kaschieren. Bei flüchtigen Notizen und Entwürfen indes waren derartige Bedenken nicht nötig. Da durfte, was danebenging, grob durchgestrichen, später, an der Schreibmaschine, durchgeixt werden. Vollends unleserlich wurde es dadurch freilich nicht. So spüren denn Philologinnen und Buchwissenschaftler mit Inbrunst solchen buchstäblich durchschaubaren Revisionen auf Manuskripten und Druckfahnen nach, die unschätzbare Details über den gedanklichen und schriftlichen Entstehungsprozess eines Werkes preisgeben. Die elektronische Textverarbeitung setzte solcher Fahndungsarbeit ein Ende. Was weg ist, ist weg: Dank umfassender Korrekturfunktionen am Bildschirm tun wir heute bei jedem Text vom ersten schüchternen Buchstaben an so, als arbeiteten wir an einer ausgetüftelten Reinschrift, und immer sieht sie picobello aus, welchen Unsinn auch immer wir gerade verzapfen. ■

Alle bisherigen Kolumnen in den
Eckpunkt-Archiven (siehe oben im Menü)

Rückblick

4. März, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Das Gros der Hörerinnen und Hörer mag Klassische Musik am liebsten, wenn sie voller Gefühle steckt. Mit Hauptsache, romantisch war denn auch das sechste Konzert der Symphoniker überschrieben, bei dem Chefdirigent Martijn Dendievel souverän mit der dritten Symphonie von Louise Farrenc bekannt machte. Ein Beifall, wie er zuvor Fabian Müller als Solisten bei Brahms’ erstem Klavierkonzert überschüttet hatte, ist bei solcher Gelegenheit selten zu erleben.

24. Februar, Hof, Theater, Großes Haus
Requiem für einen Mörder: Regisseur Kay Neumann und sein achtköpfiges Ensemble fragen im Kriminalstück Tannöd - nach Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman von 2006 - nicht so sehr danach, wer der Täter war, sondern umso mehr, wer die sechs Opfer waren. Ausstatterin Monika Frenz verlegt die Szenerie ins Freie, wenn auch nicht an die frische Luft. Ihre Bühne zeigt, dass man in einem Birkenwäldchen nicht zwingend Tschechow spielen muss.


Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Tannöd
Simpel
Verbrennungen
Die Orestie

Musiktheater
zuletzt
Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva

Theater andernorts
zuletzt
Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie
im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger
in Bayreuth
Salome
im Vogtlandtheater


Konzert
zuletzt
Größtenteils sonnig: Die Symphoniker in Selb mit entspannter Klassik und Romantik
Ein Saal außer Rand und Band:
Das Hofer Publikum feiert den Pianisten Fabian Müller
Requiem für einen Geheimagenten: Die großen Hits der „James Bond“-Filme 
„Gitarrenhighlights“: Siegbert Remberger mit Tangos und Beatles-Hits

Film
zuletzt
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
59. Internationale Hofer Filmtage
Mission Impossible - The Final Reckoning


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben

Anderes
zuletzt
„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht


_____________________________________


Das neue Buch

SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.

Im Buchhandel und online weiterhin erhältlich

KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeitet. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen deren raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.