1. Mai 2026 Innerhalb unserer menschlichen Spezies bilden die Journalisten eine besondere Unterart: Weil sie sich der Gegenwart verpflichtet fühlen, sind sie Chronisten der Geschichte im Augenblick ihrer Geburt. Freilich sehen sie sich, indem sie oft unmittelbar nach einem Ereignis seine Bedeutung und Weiterungen abschätzen sollen, vor eine kaum lösbare Aufgabe gestellt: Mitten in der Welt, gewissermaßen ohne die gehörige Distanz der Vogelperspektive, sollen sie ein Ganzes durchschauen und haben doch oft gerade mal einen Teil der Teile im Blick und im Block. Trotzdem geht ihnen, und erst recht den Gestaltern des Hier und Heute, das Beiwort „historisch“ allzu leicht über die Lippen und spricht es schon eher kleinen Manipulationen der Wirklichkeit zu. So hat am Mittwoch das Bundeskabinett ein Sparpaket verabschiedet, um mit Milliardenbeträgen die gesetzlichen Krankenkassen zu entlasten; nach der Sitzung stand Kanzler Merz nicht an, vor den versammelten Medien jene Reform des Gesundheitswesens sogleich „historisch“ zu nennen. Indem er den Beschluss, unmittelbar nachdem der gefasst worden war, mit jenem Adjektiv aufblies, offenbarte er aber nur, wie missbrauchsanfällig das Wörtchen ist. Dem Duden zufolge bedeutet es zunächst schlicht: alt; und eine alte Untugend ist sein wohlfeiler Gebrauch wahrlich. Es bedeutet sachlich auch: die Geschichte betreffend; jedoch wird besagte Reform zunächst wohl bestenfalls für die Gegenwart und eine Handvoll kommender Jahre eine Rolle spielen, deren Durchschlagskraft dahinsteht. Schließlich meint „historisch“ wertend: bedeutungsvoll für die Geschichte – und damit ist nicht die Tragweite für das Hier und Heute oder Morgen, sondern für das große Ganze gemeint, letztlich für die gewaltige Zeitspanne – sagen wir mal – von Friedrich Barbarossa bis Friedrich Merz. Zugegeben, in einem Fall wie dem genannten schadet solch inflationäre Rhetorik nicht sehr. Abbruch tut sie gleichwohl unserem Bewusstsein dort, wo sie Globales berührt, den Globus selbst. Vielfach zeitigen unsere Entscheidungen, auch die politischen, höchstens minimale Ergebnisse, und doch reicht unsere Vermessenheit so weit, über Räume und Zeiten verfügen zu wollen: Wir meinen, verordnen zu können, welches Ereignis Wirkung über einen Zeitraum hinweg entfaltet, den wir gar nicht zu überschauen vermögen, eröffnet sich doch eine kritische Draufsicht auf ihn erst den Generationen, die auf uns folgen. Und von denen wird wieder jede uns anders be- und verurteilen als die vorige, denn „jedes Zeitalter bekömmt neue Augen“ (Heinrich Heine). Erst gehörig entfernte Nachfahren dürfen hoffen, sich über den bleibenden Rang einer Persönlichkeit, den Stellenwert einer Tat oder Unterlassung klar zu werden. Allein die Zukunft hat die Deutungshoheit über die geschichtliche Dimension unserer Epoche. Historisch wird etwas nicht, weil wir darüber in der Zeitung lesen, sondern erst, indem es Eingang in die Geschichtsbücher findet. Dereinst werden, wie es aussieht, unsere Kinder und Kindeskinder reichlich Gründe finden, mit uns Altvorderen hart ins Gericht zu gehen. Auf die 1677 erschienene „Ethik“ des Philosophen Baruch de Spinoza geht ein schöner, lateinischer Ausdruck dafür zurück: sub specie aeternitate – aus dem Blickwinkel der Ewigkeit. Aus ihm betrachtet, müssen die Verheerungen, die wir untereinander, auf Erden und in der Atmosphäre anrichten, allerdings historisch heißen. ■
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Rückblick
15. April, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Knitterhemd und Haare, die zu Berge stehen und aussehen wie die Flusen aus dem Sieb des Wäschetrockners: Seit vierzig Jahren ist Urban Priol als ungebrochen rückhaltloser Pöbler des deutschen politischen Kabaretts unterwegs. Auch in seinem Programm „Im Fluss“ nimmt er kein Blatt vor den geistesblitzenden Mund, wenn er gegen Merz oder Trump austeilt. Immerhin hier und da kommt er zur Ruhe: Dann ist sogar Gelegenheit für leise Weisheiten.
14. April, Hof, Theater, Großes Haus
Wer wars? Whodunit? „Die Mörder sind unter uns“, orakelt eine Dame auf der Bühne, und der Plural könnte andeuten, dass „es“ vielleicht mehr als nur einer oder eine waren. Ralf Hocke, sonst vor allem Schauspieler, inszenierte die Krimikomödie Cluedo betont grafisch wie auf Witzzeichnungen als minuziös choreografiertes Ensemblestück. So wächst die Boulevardposse, trotz manchen Klamauks, über das Mittelmaß des Tür-auf-Tür-zu-Genres beträchtlich hinaus.
Theater Hof
Schauspiel
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Cluedo
Tannöd
Simpel
Verbrennungen
Musiktheater
zuletzt
Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva
Theater andernorts
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Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger in Bayreuth
Salome im Vogtlandtheater
Konzert
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Fantastische Symphonien: Albrecht Mayer als Oboensolist und Dirigent
Genuss und Reflexion: Romantische Musik aus Russland in Zeiten des Krieges
Größtenteils sonnig: Die Symphoniker in Selb mit entspannter Klassik und Romantik
Ein Saal außer Rand und Band: Das Hofer Publikum feiert den Pianisten Fabian Müller
Film
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49. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
59. Internationale Hofer Filmtage
Kleinkunst, Kabarett, Comedy
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Urban Priol pöbelt gegen alle und alles
Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Anderes
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„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht
Die Bücher
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SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.