Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

60. Internationale Hofer Filmtage

Immer ein bisschen seltsam

Wenn die Erwachsenen versagen, müssen Kinder die Verantwortung für die Familie übernehmen – auch hierzulande keine Seltenheit. Marleen Valien versucht sich in „Paradeisa“ an einer Fallstudie, die bittere Wahrheit mit absurdem Humor verbindet. Die fabelhaften jungen Darsteller reißens raus.

Rada Rae, Robert Finester: Ein Künstler, der kaum zum Lebenskünstler taugt. (Fotos: Hofer Filmtage)


Von Michael Thumser

Hof, 25. Oktober 2026 – Glückliche Kindheit? Goldene Jugend? „Parentifizierung“ – sogar einen Fachbegriff gibt es dafür, wenn in Familien die Rollen sich umkehren, wenn also Kinder in Pflichten eintreten, die eigentlich ihre Eltern erfüllen sollten. Das kann mancherlei Gründe haben: Bei Migranten beispielsweise sorgen Jungs und Mädchen durch Dolmetscherdienste für Kontakt mit der Umgebung, wo Geld fehlt, müssen sie unter Umständen mitverdienen oder sich und die Ihren, weil Mutter und Vater Drogen konsumieren, vor Verwahrlosung schützen. Das kommt häufiger vor, als man glauben mag: In die Hunderttausende, wenn nicht Millionen geht hierzulande die Zahl der lieben Kleinen, die derart gefordert und oft überfordert sind.

     Bei den Mosers, in Marleen Valiens Hochschul-Abschlussarbeit „Paradeisa“, liegts daran, dass Papa Edgar sich für einen genialen Künstler hält, aber leider keine seiner Arbeiten gewinnbringend losschlagen kann. Nicht einmal zum Lebenskünstler bringt es der Künstler, viel stromert er talent- und tatenlos im Bademantel durch die Altbauwohnung, klagt die Welt an und verlangt Miete von seinen Kindern. Das sind: Lou, mit ihren elf Jahren wahrlich eine „liebe Kleine“, und Jonathan, knapp jenseits der Pubertät und im Begriff, volljährig zu werden. Ein bisschen wie bei den Flodders geht es daheim bei ihnen zu, wenn sie sich nicht, nach Art der Olsen-Bande, aufmachen, um sich etwa in einem Nobelrestaurant danebenzubenehmen und die Zeche zu prellen.

     Keine Posse will die Regisseurin zeigen, aber eine tragische Komödie oder komische Tragödie, darum treibt sie den Stoff zielstrebig auf die Spitze. Angesichts der leeren Haushaltskasse verfällt Edgar auf die Idee, sein Ableben vorzutäuschen und publik zu machen. Weil „nur ein toter Maler ein guter Maler“ ist, werde sodann, wie im Fall Vincent van Goghs, der Wert seiner unerkannten Meisterwerke gewiss beträchtlich steigen, davon ist er überzeugt. Als Schnapsidee hingegen verhöhnt Jonathan den „todsicheren“ Plan („Du bist aber nicht van Gogh“), macht sich dann jedoch mit dem Schwesterchen daran, Katzenstreu zu Vaters Asche zu zermahlen, um sie sodann trauerfeierlich im Wald zu verstreuen.

     Er sei „immer ein wenig seltsam“ gewesen, wird von Edgar (Robert Finester) gesagt, und von dem Film lässt sich dasselbe sagen. Bei aller Verrücktheit, sogar mit einem Zug zum flotten Nonsens will die Regisseurin ein extremes Beispiel dafür zeigen, wie Kinder erfahren, dass der Alltag kein Spaß ist und schon gar kein Paradies. Bipolar hin und her gerissen zwischen Herrschsucht und Hingebung, macht der alleinerziehende Vater seinem Nachwuchs das Leben schwer, weil er in seinem weder Halt noch Inhalt findet. „Für gewöhnlich“, sagt die Regisseurin in Hof, „lieben Kinder ihre Eltern endlos“; bei den Mosers indes, „auf Messers Schneide“, entfremden sich drei zusammengehörende Menschen angesichts des Nichts, vor dem sie stehen. Ihnen geht der naturgegebene Kitt verloren, bis ihr Bündnis – wie Lous in den Realfilm hinein animierte Bleistiftkritzelfiguren – vor der Explosion steht.

Marleen Valien, Regisseurin: "Für gewöhnlich lieben Kinder ihre Eltern endlos."

     Die ausdrücklich „absurde“ Ausgangssituation mit dem prekären Gang der Ereignisse durch eine Grundstimmung der Instabilität einhellig zu verbinden, das will der Produktion nicht recht gelingen. Das Schlussbild zeigt Lou im Auto und Jonathan am Steuer auf der Flucht, die wie der Ausweg in die Freiheit aussieht, aber keine Erlösung verheißt. „Märchenhaft“ sei dies Ende, räumt das reichlich vor der Leinwand versammelte Produktionsteam ein, und wirklich kann von einem Happy End die Rede nicht sein. Für Enttäuschung und Elend finden Marleen Valien und Max Rauers Kamera denn auch bestürzend eindringliche Bildmomente: Lou, die ihren Mund weit aufreißt für einen unhörbaren Schrei; oder Lou und ihr Freund Jamil am Fuß der steilen Klippe eines Steinbruchs, dessen abstrakte Felsstrukturen Papa Edgars Bilder an Ausdruck beträchtlich übertreffen.

     Überhaupt halten die großartigen Kinder- und Jugenddarsteller „Paradeisa“ auf einem Kurs, der, aller Zwiespältigkeit zum Trotz, achtenswert zum Ziel führt: Carlo Krammling und Matthew Teuber als Jonathan und Jamil – und, mit einer fast magischen Aura eigenwilliger Natürlichkeit, vor allem Rada Rae. Ihre Lou muss weit vor der Zeit erwachsen werden und für eine bittere Reifeprüfung lernen: Das verlorene Paradies ist nicht die Kindheit, sondern die Arglosigkeit.

■ Am Freitag wurde „Paradeisa“ in Hof mit dem Friedrich-Baur-Goldpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste („in memoriam Heinz Badewitz“) und mit dem Bild-Kunst-Förderpreis für Szenenbild sowie mit dem Hofer Kritikerpreis für die beste Regie und die beste Produktion ausgezeichnet. Bereits im August nahm Marleen Valien in Locarno den „Kids Award“ entgegen.
■ Weitere Vorstellung: Sonntag, 13.15 Uhr, Arts Avenue (Bachstraße 10; Änderungen und Irrtümer vorbehalten.)




60. Internationale Hofer Filmtage

Die Narben von 62 Tagen

Für „Neda“ nahm Ashkan Najafi den Förderpreis Neues deutsches Kino entgegen. Das Drama mit Pegah Ferydoni erzählt von einer Dolmetscherin in Hamburg, die dort dem Mann wiederbegegnet, der sie im Iran gefoltert und vergewaltigt hat. Ein plattes Rachedrama wurde nicht daraus – zum Glück.

Hamid Rassouli (Navid Negahban) mit seinem Töchterchen im Krankenhaus. Im Hintergrund Pegah Ferydoni als Neda.


Von Michael Thumser

Hof, 24. Oktober 2026 – Wie lässt sich menschlich über Unmenschliches erzählen? Aus kühler Distanz? Wer unschuldig gefangen und gefoltert, schutzlos erniedrigt und missbraucht wurde – steht dem nicht ein natürliches Recht auf Vergeltung zu? Empathisch spielt der iranische Regisseur Ashkan Najafi eine Geschichte der Grausamkeit bis an den Rand radikaler Rache durch und hält doch als Moralist den Glauben an Gerechtigkeit hoch. Dafür ehrten ihn am Donnerstag in Hof Stifter und Jury des Förderpreises Neues deutsches Kino.

     „Die Misshandlungen, die ich in Qarchak sah, waren unerträglich.“ Der das sagt, muss es wissen: Jahrelang hat Hamid Rassouli selbst in dem berüchtigten iranischen Gefängnis Frauen gequält, um Geständnisse zu erzwingen. Jetzt ist er nach Hamburg gekommen, um Asyl zu erbitten und sein todkrankes Töchterchen Maryam operieren zu lassen. Während der Befragungen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird ihm Neda zur Seite gestellt. Seit fünf Jahren lebt die junge Iranerin in Deutschland, will Fotografie studieren und ihre tiefen seelischen Wunden heilen lassen: Denn in Qarchak saß auch sie ein. Jetzt erkennt sie in Rassouli den Peiniger wieder, der sie damals mitleidlos marterte und missbrauchte. Die Schmerzen, sagt sie einmal, seien vergangen; aber nicht das Gefühl der Beschmutzung.

     Auch Wasser wäscht die Wunden und den Schmutz nicht ab. Eine beklemmend stille Szene in „Neda“ zeigt die Titelheldin unter der Dusche – und beleuchtet diskret die schrecklichen Narben auf ihrem Rücken, die für immer Zeugnis ablegen von 62 Tagen Folterhaft. Wie vor sich selbst beschämt, legt sie die Arme um sich, als wollte sie noch hier, ganz allein bei sich, jeden unstatthaften Blick auf ihre dünnhäutige Verletzlichkeit verwehren. Wie gelähmt, schwankend zwischen Fassungslosigkeit und blankem Entsetzen, sitzt die lebenswarme und feinfühlige Pegah Ferydoni in der Titelrolle neben dem Schänder von einst (Navid Negahban). Als Übersetzerin hat sie sich durch Eid der Wahrheit verpflichtet, als Opfer weiß sie sich im Besitz einer Wahrheit, von der Rassouli, bei den amtlichen Befragungen seine Rolle herunterspielend, nichts wissen will.

     Mit Spannung kennt Ashkan Najafi sich aus. Den Stoff hätte der Regisseur wie ein krachendes Selbstjustiz-Drama des US-Mainstreamkinos inszenieren können. Und tatsächlich bahnt sich so etwas wie ein Rachefeldzug nach Art der vigilante movies an: Von persischen Geheimdienstspitzeln erpresst, versteckt sich Neda bei einer Gruppe junger aktivistischer Exilantinnen, die auch schon mal mit Molotow-Cocktails werfen und ihrerseits vor Entführung und Gewalt, tödlicher womöglich, nicht zurückschrecken. Aber jenem langsam sich steigernden Exzess setzt der Regisseur wortlose, leicht zu übersehende Schlagschatten latenter Bedrohung entgegen: Neda auf dem Rad und hinter ihr ein Auto, so nah, als ob es sie gleich über den Haufen fahren wollte; oder der klinisch reinweiße Flur eines Hamburger Krankenhauses, der paradox an den schäbigen Gefängnisgang der allerersten Filmbilder gemahnt. Ein wohlkalkuliert ruhiger, organischer Rhythmus hält die keimenden Eskalationen durch unheimlich-unheildrohende Intensität zusammen und im Gleichgewicht.

     „Hier muss man immer neutral bleiben“, verlangt der behördliche Befrager von der konsternierten Übersetzerin, als ihr nach der ersten Begegnung mit Rassouli das Blut der Retraumatisierung aus der Nase quillt. Der Mahnung zu folgen, wäre von der überempfindlichen, indes nicht zartbesaiteten Neda zu viel verlangt. Aber Pegah Ferydoni spielt die innerlich gebrochene Figur so facettenreich und unaufdringlich, dass Neda Stück für Stück ihre Stärke und Freiheit als Frau zurückgewinnt. Vor die Möglichkeit gestellt, ihre Rache zu vollziehen, trifft sie unbeeinflusst ihre eigene Entscheidung.

Ashkan Najafi, Regisseur, mit dem Preisobjekt: Keimende Eskalationen von unheildrohender Intensität. (Alle Fotos: Filmtage)

     „Neutral bleiben“? Das will auch nicht der Regisseur, Parteigänger Nedas und mit ihr aller Folteropfer. Sein Film in aller seiner Schmerzlichkeit lässt allenfalls untergründig so etwas wie Hoffnung spüren. Er zeigt eine Frau nicht auf der Flucht, doch in einer Fremde, in der sie zur Heimat, wo ihr Unmenschliches, Unerträgliches widerfuhr, nur durch Videotelefonate Kontakt hält wie durch ein dünnes Band. Er zeigt eine Überlebende, die ein Gewalttäter so unbarmherzig zerschnitt, dass sie mit keinem Mann mehr zusammen sein kann. Er zeigt, dass jemand, der einmal zum Opfer wurde, nie wieder aufhört, eines zu sein.

■ Weitere Vorstellungen: Samstag, 13 Uhr, Central 2 (ausverkauft); Sonntag, 18 Uhr, Central 1. (Änderungen und Irrtümer vorbehalten.)



60. Internationale Hofer Filmtage

Eine große Geschichte im Kopf

Kriegsangst ist zeitlos. In „Frieda“ führt Felix Hassenfratz in die 1980er-Jahre der atomaren Nachrüstung zurück – und tief hinein in die verstörte Seele einer fantasiebegabten Neunjährigen. Unter den Lügen und Verschwiegenheiten der Großen entdeckt sie ein schlimmes Familiengeheimnis.

Julia Jentsch mit Naila Schuberth, Rafael Stachowiak mit Dana Plaul: Beispiellose Eskalationen. (Fotos: Filmtage)


Von Michael Thumser

Hof, 23. Oktober 2026 – Ungemütliche Zeiten hat es auch früher gegeben. Vor gut vierzig Jahren zum Beispiel. Um den sowjetischen SS-20-Raketen Gleichgewichtiges entgegenzusetzen, stationierte die Nato 1983 nukleare Pershing-Trägersysteme und Cruise Missiles in der Bundesrepublik. Beispiellose Eskalationen schienen sich anzukündigen, Millionen Friedensbewegte strömten demonstrierend auf die Straßen, durch die Gesellschaft zog sich ein tiefer Riss.

     Nicht anders durch Friedas Familie. Wie soll die Neunjährige begreifen, was in der Welt draußen vorgeht, wenn sie nicht einmal durchschaut, was ihre Familie von innen heraus zersetzt? In ihrer unbändig erfinderischen Einbildungsgabe setzt ein Wort sich fest: „Schwester“. Frieda glaubt fest daran, dass auch sie eine habe, die aber versteckt gehalten werde – was die Eltern barsch abstreiten. Die Mutter selbst hat eine Schwester, eine Ausgestoßene, die niemand in der Familie dulden will. Und wie passt Aneke ins brüchige Gefüge? Ein paar Jahre älter als Frieda, lebt das irgendwie mit ihr verwandte Mädchen wegen eines Anfallsleidens in einem Pflegeheim. Weil es obendrein blind ist, setzt Frieda alles daran, die „Sternenschwester“ zu kurieren: Ausgerechnet der Lichtblitz einer Atombombenexplosion soll der Gefährtin das Augenlicht wiederschenken. Dann wollen die beiden auf eine große Reise gehen, um „alle Farben der Welt“ zu sehen.

     Was und wie die Figuren sehen, Frieda vor allem – dies zu zeigen, bestimmt die Dramaturgie des Films, dem die kindliche Hauptfigur den Titel gab. Von den Fernsehbildern der nuklearen Aufrüstung lassen sich ihre Eltern (Julia Jentsch, Rafael Stachowiak) Tag für Tag darin bestätigen, dass es nötig war, unterm nur scheinbar geschützten Raum ihrer Großgärtnerei einen Bunker als kümmerlichen Überlebensraum einzurichten. Opa Siegfried, ein altnazibrauner Wehrmachtsveteran (Markus Hering), schaut sich nostalgisch das Album mit den Fotos seiner Soldatenzeit an und sehnt siegesgewiss das letzte Gefecht herbei, das ansteht, „wenn der Russ kommt“. Frieda, zeichnerisch begabt, übersetzt ihre immer befremdlichere Umwelt in magische Bleistiftnotate, mit denen sie ein geheimes Skizzenbuch füllt. Sobald der Druck der Unergründlichkeiten allzu schwer auf ihr lastet, nimmt ein gut gesinntes Baumwesen sie schützend in die Arme seiner Äste ... Alles Unsinn, sagt man ihr: „Das ist nur eine große Geschichte in deinem Kopf.“ Aber womit sonst, wenn nicht mit der Kraft ihrer Träume, Wunschbilder und kreativen Hirngespinste soll sie dem Familiengeheimnis auf den Grund gehen? Als Erstes findet sie heraus: Opa ist „keiner von den Guten“.

Naila Schuberth als Frieda: Auf der Suche nach der "Sternenschwester".

     Was auf der Leinwand zu sehen ist, hat Michael Kotschis Kamera mit den Augen Friedas gesehen. Fern aller angemaßten Besserwisserei und ebenso ohne infantile Einfalt versenkt sich der Film in die Sehnsüchte und den „Wirrwarr“ einer suchenden Kinderseele. Untergründig entspricht der entschleunigte Rhythmus der wortkargen Erzählung der Ruhe vor dem allseits befürchteten atomaren Sturm. Paradox widerspricht die Diskretion des Regisseurs und Autors den Ungeheuerlichkeiten ‚draußen‘ wie ‚drinnen‘; so steht sie sowohl den irrationalen Vorbereitungen auf die globale Massenvernichtung als auch der familiären Eskalation zwischen den Generationen entgegen. „Nie glauben, was die Erwachsenen sagen“, empfiehlt hohnlachend eine volltrunkene Nenntante der ratlosen Frieda. „Wer weiß in dieser Familie schon, wer wer ist.“

Felix Hassenfratz: "Wo die Erwachsenen schweigen, erzählen sich die Kinder ihre eigenen Geschichten."

     Und: „Wo die Erwachsenen schweigen, erzählen sich die Kinder ihre eigenen Geschichten“, resümiert der Regisseur in Hof sein von Magie und Unheimlichkeiten wundersam durchtöntes, dabei bedrückend realistisches und gegenwartsnahes Projekt. Indem Hassenfratz eine „große Geschichte“ wie aus Friedas Kopf imaginiert, holt er eine Episode aus Deutschlands jüngster Geschichte zurück: Teils aufs SD-Fernsehformat vier zu drei der 1970er- und 1980er-Jahre beschränkt sich die Sehweise der Produktion – geradezu zwanghaft umgeht ihre schattige Tristesse „alle Farben der Welt“. In einem Dunkelfeld aus Missbrauch, Lüge und Verstummen sitzen die Erwachsenen wie in einem engen Bunker gefangen, allein Frieda bewegt sich ungebunden – in den Überlebensräumen ihrer Fantasien. Und nimmt Aneke mit: Das Zentrum der Geschichte hält Hassenfratz respekt- und taktvoll frei für die eindrucksvollen Jungdarstellerinnen Naila Schuberth und Dana Plaul. Dem Fatalismus und der Furcht der Erwachsenen mit ihren Leichen im Keller setzen Frieda und Aneke ihre Kindheit und Jugend entgegen: in schlimmen Zeiten ihren Anspruch auf Zukunft.


■ Weitere Vorstellungen: Freitag, 9.30 Uhr, Arts Avenue (Bachstraße 10); Samstag, 18 Uhr, Central 1; Sonntag, 13 Uhr, Freiheitshalle, Festsaal. (Änderungen und Irrtümer vorbehalten.)



60. Internationale Hofer Filmtage

Die bestmögliche Lösung

Aufwachsen und zusammenwachsen: Im Eröffnungsfilm „Zoey & Ben“ erzählt Alexander Conrads von den Veränderungen, die eine Tochter und einen Vater während zehn Jahren zusammenschweißen. Das Ungewöhnliche daran: Zehn Jahre dauerte es auch, bis der Film fertig war – und genau so wars geplant.

Zoe Lara Löhmann, Sebastian Borucki: Sympathiebekundungen und Missverständnisse. (Fotos: Filmtage)


Von Michael Thumser

Hof, 22. Oktober 2026 – Mit zehn Jahren kann ein Film ganz schön alt aussehen. „Zoey & Ben“ mutet an wie ein „Kleines Fernsehspiel“ des ZDF aus vergangenen Jahrzehnten; dabei handelt es sich, auf ungewöhnlich eigene Art, um ein aktuelles Großprojekt. Denn zehn Jahre dauerte es, bis Alexander Conrads mit ihm fertig war und das Ergebnis am Dienstagabend zur Eröffnung der 60. Internationalen Hofer Filmtage (in gleich fünf Central-Kinos) laufen konnte.

     Ein Spielfilm. Dies hervorzuheben, ist insofern wichtig, als das Festival in den vergangenen beiden Jahren jeweils eine Dokumentation an den Start gestellt hatte. Doch auch die Langzeit-Produktion Alexander Conrads’ hat unübersehbar etwas absichtsvoll Dokumentarisches. Denn jene zehn Jahre, in denen er jeweils eine Episode drehte, geben dramaturgisch Takt und Thema vor. In solch auseichend weitem, hinlänglich überschaubarem Zeitraum dokumentiert der Film, wie sowohl die Leben zweier erfundener Gestalten als auch die Menschen, die sie darstellen, sich verändern, schleichend, aber unwiderruflich. Zu beobachten ist, wie ein alleinerziehender Vater und seine Tochter sich entwickeln, unterschwellige Wesenszüge entfalten, sich aneinander reiben, miteinander reifen, zueinander finden, beieinanderbleiben. „Aus Distanz“, sagt der Regisseur nach der Premiere im Kino 1, „wird eine Selbstverständlichkeit der Nähe.“ Am Ende über 15.000 Kilometer hinweg.

     Anfangs versucht sich Ben (Sebastian Borucki) lässig und nachlässig als Schauspieler, bis er, nach dem Totalzusammenbruch seiner drogensüchtigen Ex, von einer Stunde auf die nächste für seine neunjährige Tochter zuständig sein soll. Das sei, da sind das Jugendamt und er sich einig, „die bestmögliche Lösung“. Beiläufig wird erwähnt, dass Zoey zuvor keine große Rolle für den phlegmatischen Papa gespielt hat. Nun verändert die Situation nicht nur schlagartig jeden Winkel seines bislang liederlichen Lebens, sondern ebenso, und überraschend plötzlich, seine Einstellung. Liebe- und verantwortungsvoll baut er seine Single-Wohnwabe in eine Zweier-WG um. Als Trennungskind aus schlimmen Erfahrungen vorzeitig klug, aber nicht neunmalklug geworden, hat Zoey gelernt, vernünftig und geduldig zu sein, doch ebenso, auf ihrem Willen zu bestehen.

     Viel wird geschmust während der kommenden zehn Jahre, Sympathiebekundungen und Beichten, Missverständnisse und Gereiztheiten lösen einander ab, reichlich Reibungsflächen tun sich auf, mit Zoeys Pubertät zumal, es wird provoziert und gestritten, an Gewicht zugenommen (Ben) und am Handy gedaddelt (Zoey). Oft kommt man einander in die Quere, sie dem bunten Intimleben des Papas, er den ersten Liebesversuchen der Tochter. „Ich hab Angst, dass ich mal so werde wie du“, zitiert Zoey den Satz, den jeder Tochtervater fürchtet und irgendwann zu hören bekommt.

     Aber eigentlich haben sich alle immer ganz arg lieb. Mit diesem Grundton melodramatischer Naivität sind die Kapitel inszeniert und ein wenig bieder und pausbäckig, gelegentlich fast sentimental gespielt. Im Ganzen freilich nimmt die sympathische Geschichte des – 2025 für sein Langfilm-Debüt „Zusammen ist man weniger getrennt“ in Hof preisgekrönten – Regisseurs dadurch keinen Schaden. Denn sie erstaunt durch zwei Vorzüge: zum einen durch Alexander Conrads’ bewundernswerten Mut, sich in rasch veränderlichen Zeiten auf ein Projekt einzulassen, dessen Erzählhaltung auf den Faktoren Langsamkeit und Dauer gründet. Zum anderen verleiht die von Kindertagen an famose Zoe Lara Löhmann dem Film Licht und Belang, indem sie sich in allen herausfordernden Phasen ihrer Selbstverwirklichung wunderbar treu bleibt: stabil und aufrichtig, angreifbar, aber nicht verletzlich, nie bösartig roh, aber wehrhaft und streitbar.

     Zwischen den Jahren und Episoden setzte Conrads bewusst keine trennenden Zäsuren. Aufs Ganze gesehen gleichmäßig darum, wie ein Fluss in seinem sicheren Bett, hier und da von Wellen und Stromschnellen beunruhigt, kommt dieser Ausschnitt aus einer betont alltäglichen Doppelbiografie ans Ziel. Mithin vollzieht sich das Auf- und Zusammenwachsen von Vater und Tochter unter der Oberfläche vollkommen organisch. Stimmig zur Einheit fügte sich auch der Jahr für Jahr zurücklegende Film selbst. „Ganz allein“ hat Alexander Conrads ihn ersonnen und geschaffen, als Autor und Regisseur, Kameramann, Cutter und Koproduzent in Personalunion, „ohne Förderung und ohne Fernsehsender“, wie er in Hof dem frohlockenden Publikum stolz berichtet. Mancher Arg- und Harmlosigkeiten ungeachtet, fand er zur „bestmöglichen Lösung“ für die selbstgestellte Aufgabe. In zehn Jahren wird festzustellen sein, ob „Zoey & Ben“, der Film, ‚gut gealtert‘ ist. Schon jetzt steht fest, dass Zoey und Ben, die Figuren, im Lauf von zehn Jahren prima ‚alterten‘. Kein großer Film, aber ein feiner Anstoß, übers Leben nachzudenken, wie kurz es ist und wie lang es dauert.

■ Weitere Vorstellungen: Donnerstag, 11 Uhr, Arts Avenue (Bachstraße 10); Freitag, 15.30 Uhr, Central 5 (ausverkauft); Samstag, 13.15 Uhr, Freiheitshalle, Großes Haus. (Änderungen und Irrtümer vorbehalten.)