Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Miss Piggy, tiefergelegt

Mit selten so erlebtem Jubel feierte das Publikum in Hof ein Stück Theater auf dem und über das Theater: In Gaetano Donizettis „Evviva Mamma!“ bekennen der Hausherr Lothar Krause als Regisseur und sein alle Bühneneitelkeiten deftig ausspielendes Ensemble ausdrücklich die Liebe zum Metier.

Lehr, Rhaue, Kim, Gruber, Chakov, Andersson, Rudziński (von links): "Was soll schon passieren?" (Fotos: H. Dietz Fotografie)


Von Michael Thumser

23. September 2026 – Wer wissen will, wie eine „Kröte blökt“, muss hier zuhören. Man braucht die Ohren nicht lauschend zu spitzen, unüberhörbar beleidigend, übergriffig vorlaut blökt die Kröte und verfügt, dick wie sie ist, über einen Resonanzkörper, der ihre Ausfälligkeiten gut zwei Stunden lang durchhält. Die Kröte ist eine ältere Dame, eine „Mamma“: fürsorglich (übertrieben), aber auch bestimmend (außerordentlich), leidenschaftlich (bis zur Ekstase), familienorientiert (bedingungslos), eine italienische Matrone reinsten Wassers. Entsprechend euphorisch wird sie in Hof gefeiert: „Evviva Mamma!“, es lebe Mutti, heißt die Oper, und das Premierenpublikum ließ bei der Eröffnung der Hofer Spielzeit am Samstag Produktion und Protagonistin stehend mit einem Jubel hochleben, wie man ihn hier selten so erlebt. Nebenbei: Mamma ist ein Mann. Und was für einer.

     Nebenbei? Keineswegs. Die Metamorphose, die schon der Komponist so vorsah, belebt und beseelt Stefan Sevenich mit dem Spieltrieb eines erzkomödiantischen Störenfrieds. Keine Hosenrolle, eine Röckerolle: Sie ist der Grund dafür, dass die Inszenierung von Gaetano Donizettis musikalischer Komödie durch Lothar Krause so rund läuft. Rund läuft sie, indem sie fortwährend zu stocken, zu stolpern und zu scheitern scheint. Sie scheitert beinah, weil sich Sevenichs zahnhaarige Scharteke als leibhaftiger Stachel unweigerlich ins Fleisch aller übrigen Beteiligten bohrt. Geistreich und begeisternd peppte der Regie führende Hausherr die musikalische Farce aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert zum furiosen Klamauk auf, zu einer Klamotte, in der Klamotten eine zentrale Rolle spielen. Was bei der Hauptfigur beginnt: Beträchtliche Mengen Stoff ließ Aylin Kaip verwerten, um Mamma Sevenichs stattlich ausgestopftes Embonpoint angemessen altdamenhaft einzuhüllen. Altrosa Kleid, Perlenkette, blonde Haarpracht: Miss Piggy, stimmlich (etwas) tiefergelegt.

Ein Schandmaul

Stefan Sevenich vor Annina Olivia Battaglia, Minseok Kim, Inga Lisa Lehr (von links): Fürsorglichkeit bis zur Ekstase.

Auch darüber hinaus wusste die Ausstatterin die Kostüm- und Maskenfrage originell, teils spektakulär zu klären. Einer, der gern auch ein Künstler wäre (und gesanglich durchaus ein beachtlicher ist: Andrii Chakov), macht sich wie ein schwammiger Atze-Schröder-Klon breit. Weil er seine Gattin liebt, die ihn unterdrückt, trägt er sie auf Händen, wo sie doch als Erste Sängerin eines Provinztheaters figuriert: Erst im modernen, betörend enganliegenden Kleid, dann im „Panier“ – im Rokoko der Unterbau eines Reifrocks –, schließlich fregattenhaft aufgetakelt wie weiland Marie Antoinette mit einem Fregättchen auf der Pouf-Perücke, so beharrt Annina Olivia Battaglia mit spitzen Spitzentönen und angriffsbereiter Schärfe darauf, auf dieser Bühne als primadonna assoluta, als Beste unter den Guten, die Hauptrolle in einer sprödeopera seria aus dem Barock zu übernehmen.

     Da aber verfolgt Mamma, das „Schandmaul“, unmissverständlich andere Ziele, was dazu führt, dass Weiber zu Hyänen werden. Mit der „Netrebko für Arme“ liefert sich der Quälgeist ein herrlich vulgäres Duett-Duell, weil Mammas Töchterlein, zu einer anmutigen Befehlsempfängerin abgerichtet, womöglich viel schöner ist und singt (Inga Lisa Lehr gibt dafür ihr Bestes). Am Ende erobert die Helikopter-Glucke selbst, als „Rettung des deutschen Musiktheaters“, die Bühne auf der Bühne. Deren Portal mitsamt den gestaffelten Wolkenkulissen ist mal von hinten, mal von vorn zu sehen, denn ganz wunderbar hat Aylin Kaip dafür sowohl an Ray Cooneys unverwüstlicher Boulevardkomödie „Der nackte Wahnsinn“ als auch an echten Bühnenbauten des Rokoko, namentlich am Markgräflichen Opernhaus im nahen Bayreuth, Maß genommen. Die epochenübergreifende Szenerie durchquert Ruben Hawers Chor als Putztrupp oder Bühnenarbeiter-Brigade, um für einen Rest von Ordnung zu sorgen und den Betrieb logistisch am Laufen zu halten.

Eitel, ignorant, borniert

Annina Olivia Battaglia mit Andrii Chakov, Michał Rudziński, Thilo Andersson (von rechts): Fregättchen auf der Pouf-Perücke.

Aus einer anderen jüngeren Oper, die im Rokoko spielt, kennen erfahrene Theaterbesucher und -innen ein anderes Problem, das sich auftut. Nicht nur, dass sich in Richard Strauss’ feinsinnigerer „Ariadne auf Naxos“ gleichfalls die opera buffa mit Teilen einer seria reibungsreich berührt und mischt. Dort wie hier, bei Donizetti, verzweifeln überdies ein dirigierender Komponist (Michał Rudziński, mit meist tränenersticktem Tenor als naiv-idealistischer Tollpatsch) und ein schriftstellernder Regisseur (gefasster um Ausgleich bemüht: Thilo Andersson, mildstimmig, die Glatze mittels comb-over schütter überkämmt). Der Eitelkeit, Ignoranz und Borniertheit um sie herum haben die beiden nur ihren Kunstverstand entgegenzusetzen. Das ist, im Vergleich, nicht viel. 

     Was übrig bleibt, zermalmt zeternd der Theaterdirektor. Seines grauen Krauskopfs ungeachtet, ist er nicht der Einstein, nur das Rumpelstilzchen seines Hauses: Markus Gruber, ein Intendant in der Finanzklemme, bebend vor Wut. Die schnell formulierte Botschaft des Trubels – zu dessen künstlerischem und Heiterkeitserfolg zudem Stefanie Rhaue in einer Hosenrolle und Minseok Kim als stimmbildnerisch sich verzettelnder jugendlicher Römerheld kräftig beitragen – transponiert Gruber aus unbestimmter Vergangenheit ins konkrete Heute: Wo dem Theater das Geld ausgeht, geht ihm die Zukunft aus. Andererseits: „Was soll“, liest das Publikum auf einem der Obertitel, „was soll schon passieren?“

Vornehmlich saftig

Amy Brinkman-Davis (am Cembalo), Michał Rudziński, Stefan Sevenich (von links): „Die Rettung des deutschen Musiktheaters“.

Die Puste geht dem Theater Hof jedenfalls nicht aus, dafür sorgen schon die Hofer Symphoniker. Unter Michael Falks forscher Leitung setzen sie die gefällig glatte, aber spritzige Nullachtfünfzehn-italianità der Partitur vornehmlich saftig, deftig, stämmig um. So ists recht, zumindest in diesem Fall eines quirligen, nicht eben doppelbödigen, aber bekennend selbstironischen Stücks Theater auf dem Theater und, vor allem, übers Theater. „Die Musik ist geklaut“, mault es aus dem Ensemble, und sie ists tatsächlich, wenigstens zum Teil: Die Hofer Version von Falk und Krause verschmilzt Donizettis Fassungen von 1827 und 1831 und integriert obendrein frech und fruchtbar Fremdkörper aus Rossini-, Mozart- und weiteren Donizetti-Werken. Durch den Originaltitel „Convenienze ed inconvenienze teatrali“ – etwa: Die guten Sitten und die Ungehörigkeiten auf dem Theater – wie vor eine Wahl gestellt, konzentrierten sich die Bearbeiter namentlich auf die Ungehörigkeiten.

     In einem einst berühmten Buch hat Oscar Bie die Gattung Oper ein „unmögliches Kunstwerk“ genannt. Trotz ihres Widersinns – oder gerade seinetwegen – verdient sie die Zuneigung ihrer Produzenten und des Publikums. Ausdrücklich als „Liebeserklärung“ inszenierte Lothar Krause das Stück denn auch, Scherz mit dem Entsetzen treibend: Jede und jeder darin singt und ringt und kämpft händeringend, wenn auch nicht aussichtsreich um Bedeutung. Das ist Bedeutung genug. Alles Übrige erledigt ein Ensemble, das sich trotz der zur Schau gestellten Selbstsucht und Rangelei wie aus einem Guss präsentiert; und in dem der famos krötige Stefan Sevenich, hauend und stechend, hieb- und stichfest, obendrein zeitgeistkonform genderfluid seinen Dickkopf ganz oben behält: eine Mamma, die außer für kampfbereites Blöken für manchen virilen Wohlton gut ist, un baritono buffo assoluto.

■ Informationen über die Produktion und weitere Vorstellungen im Internet: hier lang